Sommerzeit: Frau Aigner eilt der Zeit(umstellung) hinterher

Pünktlich zur Umstellung der Uhr an diesem letzten Märzsonntag von Winterzeit auf Mitteleuropäische Sommerzeit (MESZ) macht Ilse Aigner (Jahrgang 1964), stellvertretende Ministerpräsidentin und Bayerische Staatsministerin für Wirtschaft und Medien, Energie und Technologie im zweiten Kabinett des Herrn Seehofer, von sich Reden, weil sie die Sommerzeit abschaffen will. Doch mit ihrem Vorhaben, eine entsprechende Online-Petition zu starten, kommt die Politikerin zu spät. Die gibt’s nämlich längst.

Eine Warnung vorweg: Für die Lektüre dieses langen Artikels braucht man Zeit. Denn ich diskutiere zum einen den lahmen Aktionismus deutscher Politik und habe zum anderen den Text mit vielen spannenden Links zum Weiterlesen gespickt.

Frau Aigners Versuch, die Zeitumstellung abzuschaffen kommt zu spät!

Warum macht Frau Aigner jetzt mobil gegen die Zeitumstellung? Diese verursache bei vielen Menschen, insbesondere Kindern, deren Eltern dann damit fertig werden müssten, dass ihr Nachwuchs sich nur schwer an die veränderten Schlafenszeiten gewöhne, im Halbjahresrhythmus “einen Mini-Jetlag“, zitiert das Magazin „Der Spiegel“ Frau Aigner. Es gebe demnach aber auch Probleme in der Landwirtschaft. So hätten beispielsweise Kühe Schwierigkeiten mit der Zeitumstellung, sagte Aigner laut Spiegel weiter –  wohl eine Erkenntnis aus ihrer vorherigen Arbeit als Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (2008 bis 2013). Alles längst bekannte Fakten. Ausnahme: Die Zeitumstellung nerve Frau Aigner persönlich.

Aigner argumentiert mit altbekanntem Wider die Zeitumstellung: Keine Energieeinsparung mit der Sommerzeit

Darüber hinaus hätten sich die Erwartungen nicht erfüllt, mit Hilfe der Zeitumstellung Energie einzusparen. Wessen Erwartungen denn bitte, Frau Aigner? Energieersparnis erwartet doch wohl keiner mehr von der Sommerzeit, oder? Im Gegenteil: Verschiedene Studien haben schon vor Jahren gezeigt, dass die Sommerzeit zwar mehr Tageslichtzeit (daher auch die englische Bezeichnung „Daylight Saving Time“) verschaffe, aber den Energieverbrauch erhöhe.

Spannende Links dazu: Hier ist eine wissenschaftliche  Studie aus den USA, die anhand des Stromverbrauchs von zig Tausenden Haushalten im Bundesstaat Indiana belegt, dass der jährliche Stromverbrauch nach Einführung der Sommerzeit in 2006 um ein Prozent gestiegen war (in Kosten: 8,6 Millionen Dollar). Vor allem, weil die Stromersparnis aus dem Frühjahr im Herbst wieder aufgebraucht wurde, da der Bedarf zu heizen in den Morgenstunden und der längere Betrieb der Klimaanlagen am Abend gestiegen war. Wichtig: In den USA wird eher mit Strom geheizt als hierzulande. Außerdem gibt’s dort mehr Klimaanlagen als bei uns.

Dass mit der Sommerzeit keine Energie eingespart werden kann, wissen deutsche Politiker seit langem:

  • 2005 antwortet die Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Abgeordneten Birgit Homburger, Angelika Brunkhorst, Dr . Karl Addicks, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der FDP (Drucksache 15/5380): „Im Hinblick auf den Energieverbrauch bietet die Sommerzeit keine Vorteile. Die durch das  Umweltbundesamt recherchierten Erkenntnisse wiesen schon vor gut 10 Jahren auf den Umstand hin, dass von einer Zeitumstellung auf die Sommerzeit keine positiven Energieeinspareffekte zu erwarten sind.“
  • 2010 erklärt  das Bundesumweltamt (UBA): „Nach Auskunft der UBA-Fachleute ist allerdings eher nicht mit einer Energieeinsparung zu rechnen, denn: Die Zeitverschiebung um eine Stunde nach vorn bedeutet zwar eine bessere Ausnutzung der Tageshelligkeit im Sommer und damit eine Stromeinsparung für Beleuchtung. Diese wird jedoch durch den Mehrverbrauch an Heizenergie – durch das Vorverlegen der Hauptheizzeit in die kühleren Morgenstunden – in etwa kompensiert.

In diesem Zusammenhang muss auch der Einsatz von Energiesparleuchten in der Sommerzeit erwähnt werden, der den Effekt der Kostensteigerung statt Ersparnis noch vergrößere, wie Herbert Reul, heute Vorsitzender der CDU/CSU-Gruppe im Europäischen Parlament, schon 2009 gegenüber dem Magazin „Stern“ erklärte, als er noch das Amt des EU-Vorsitzenden des Ausschusses für Industrie, Forschung und Energie inne hatte. Ein ebenfalls längst bekannter Fakt, den übrigens auch der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) belegt: Demnach „wird zwar an den hellen Sommerabenden weniger Strom für Licht verbraucht, dafür aber mehr Strom bei abendlichen Freizeitaktivitäten benötigt. Dadurch könne sogar insgesamt mehr Energie verbraucht werden, da der Anteil des Lichts am Stromverbrauch der rund 40 Millionen deutschen Haushalte durchschnittlich nur rund acht Prozent ausmache. Durch den verstärkten Einsatz von Energiesparlampen im Haushalt sinke der ohnehin geringe Lichtspareffekt weiter.“

Gar nicht groß eingehen möchte ich an dieser Stelle auf die bekannten gesundheitlichen Aspekte, die die Zeitumstellung hat. Im „Spiegel“ und auf derwesten.de gibt’s dazu viele Infos. Zusammengefasst steht dort, dass alle, die nach dem Wecker leben, an chronischer Übermüdung und Schlafentzug leiden, wenn die Uhren vorgestellt würden. Mit ernsten „Konsequenzen. Denn je größer der ‚soziale Jetlag‘ – so nennt der Forscher die Diskrepanz zwischen unserem natürlichen Rhythmus und dem engen Zeitkorsett des modernen Lebens – desto höher sei die Wahrscheinlichkeit, dass wir zu viel Koffein konsumieren, Rauchen, Trinken, depressiv oder fett würden. Das Risiko von Herz- Kreislauferkrankungen steige, wegen des Stresses auch die Unfallgefahr. All das verkürzt die Lebenserwartung. Von den sozialen Verheerungen, die all die Heerscharen unausgeschlafener, schlecht gelaunter Kollegen, Autofahrer und Ehepartner anrichten, gar nicht zu Reden.“ Ähnlich sieht’s

René Gräber fragt auf seinem Portal www.zeitumstellung-abschaffen.de sogar, ob es sich – angesichts der vielen Wider die Zeitumstellung und deren Kenntnis bei allen – bei der Sommerzeit nicht um einen Schildbürgerstreich handele. Eine berechtigte Frage, wie ich meine.

Frau Aigners mangelnde Kenntnis im Umgang mit Petitionen

Während für die technische Umsetzung der Zeitumstellungen hierzulande laut Wikipedia „die Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB) in Braunschweig zuständig“ ist, die demnach die „impulsgebenden Atomuhren in Braunschweig“ kontrolliere, erfolgt die Zeitumstellung an sich per Rechtsverordnung: § 5 des Einheiten- und Zeitgesetz (EinhZeitG) ermächtige laut der Online-Enzyklopädie das Bundeswirtschaftsministerium zum Erlass entsprechender Verordnungen.

Buchstäblich Recht hat die Zeitung „Welt“ deshalb, wenn sie schreibt, dass, wenn es darum gehe, „wie Aigner diese Forderung politisch anschieben will“, … „sie nicht ganz auf der Höhe der Zeit zu stehen“ scheine. „Sie will sich nämlich an die Europäische Union wenden. (Die Angelegenheit sei “nur auf europäischer Ebene zu lösen”, so Aigner laut „Der Spiegel“.) Sie erwäge derzeit eine entsprechende Online-Petition. Möglicherweise würde ihr CSU-Bezirksverband Oberbayern eine entsprechende Initiative auf den Weg bringen. Die aber ist mit der Zeitumstellung nur marginal befasst, nämlich insofern, als das EU-Parlament festlegt, wann genau die Sommerzeit alljährlich beginnt und endet. Für das Grundsätzliche hingegen, dass es in Deutschland überhaupt die Sommerzeit gibt, ist der deutsche Gesetzgeber zuständig. Statt auf Brüssel und Straßburg zu verweisen – und damit einmal mehr das beliebte deutsche Politiker-Spiel der Verantwortungsabschiebung nach Europa zu spielen –, müsste sich Aigner für die Änderung des deutschen Zeitgesetzes entweder an den Bundestag wenden oder aber eine Bundesratsinitiative des Freistaats Bayern auf den Weg bringen.”

Und hier kommt Frau Aigner ganz klar zu spät! Ihr Vorschlag, eine Internetpetition gegen die Zeitumstellung zu starten, ist von anderen längst in die Tat umgesetzt worden. Wer die Internetseite „openpetition.de“ besucht, sieht, dass die Zeichnungsfrist der Petition „Abschaffung der Sommerzeitverordnung“des Petenten und Arztes Hubertus Hilger, die dieser am 23. Mai 2013 startete, bereits erfolgreich beendet ist: Mit mehr als der 50.000 benötigten Unterzeichnern (einer davon ich!) im Übrigen. 51.061 Deutsche haben sich dort gegen die Sommerzeit ausgesprochen.

Und laut der “Welt” läge dem Bundestag bereits eine „weitere, inhaltlich aber gleichartige Petition“ vor. „Das Bürgerbegehren mit der Nummer 46.575 lautet: ‚Der Deutsche Bundestag möge beschließen, dass die Vereinbarungen zur Zeitumstellung gekündigt werden und nach Ablauf der Winterperiode keine Zeitumstellung in Deutschland mehr erfolgt‘.“

Die Tatsache, auf die die „Welt“ hinweist, „den Bundestag würde ein weiteres solches Gesuch in den nächsten vier Jahren gar nicht mehr erreichen. Die Regeln des Petitionsausschusses nämlich besagen, dass dort ein konkretes Anliegen pro Legislaturperiode nur in jeweils einer Petition behandelt werden darf. Es ist also nicht möglich, der Petition 46.575 in dieser Wahlperiode eine weitere mit dem gleichen Inhalt folgen zu lassen“, hat Frau Aigner in ihrem Aktionismus anscheinend übersehen.

Die Zeitumstellung in der EU: Länder wollen keine „Zeitinsel“ sein!

Während die europäischen Verbraucher laut Umfragen die Zeitumstellung mal mehrheitlich begrüßen, mal nicht, hat die EU die Zeitumstellung auf unbestimmte Zeit beschlossen. Keins der Mitgliedsländer hat bisher etwas dagegen unternommen. Gleichwohl regt sich zivilbürgerlicher Widerstand ähnlich wie bei uns: In Österreich zum Beispiel. Und der Schweizer Nationalrat hat das Begehren „Artikel 2 des Zeitgesetzes ersatzlos zu streichen. Auf die Sommerzeit soll in Zukunft verzichtet werden“ abgelehnt, damit die Schweiz keine „Zeitinsel“ in einem zeitumgestellten europäischen Sommer sei.

Historisches zur Zeitumstellung

Frau Aigner eilt offensichtlich der Sommerzeit hinterher. Während man sich in Berlin längst mit entsprechenden Petitionen beschäftigt, erwägt sie in Bayern noch den Start einer eigenen. So ein Hinterhersein gab’s übrigens schon mal: „Noch bis Ende des 19. Jahrhunderts hatte jeder Ort seine eigene Zeit, die sich am Stand der Sonne orientierte”, schreibt das Portal Zeitumstellung.de. “Selbst innerhalb des deutschsprachigen Gebiets gab es Zeitunterschiede. In Bayern richtete man sich nach der ‚Münchener Ortszeit‘, in Preußen nach der ‚Berliner Zeit‘ – und war damit den Bayern um sieben Minuten voraus. … Seit dem 1. April 1893 gilt in Deutschland die Mitteleuropäische Zeit.“ Insofern hat Aigners Vorstoß Tradition!

Angeregt hatte schon Benjamin Franklin die Einführung einer Sommerzeit. Schließlich hätten sich 1784 damit jede Menge Kerzen einsparen lassen. Franklins „Essay on Daylight Saving“ im Wortlaut ist herrlich zu lesen.

Schlusswort: Warum Frau Aigner gerade jetzt gegen die Zeitumstellung aktiv werden will? Keine Ahnung! Vielleicht ist ihr persönlicher Leidensdruck heuer unerträglich. Anders kann ich mir das undurchdachte Vorgehen nicht erklären. Übrigens: Während ich diesen Artikel schreibe, flattert mir eine Mail ins Postfach. Von einer Freundin. Der Klick auf den gesendeten Link führt mich zur: initiative-zur-abschaffung-der-sommerzeit. Im Copyright steht: “2012. Rolf Schaden.” Noch jemand, der schneller als Frau Aigner war …

Foto: Ilse Aigner

 

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2 Kommentare zu “Sommerzeit: Frau Aigner eilt der Zeit(umstellung) hinterher”

  1. Blumental

    Das ist ein schönes Thema, über das man ausgiebig diskutieren kann. Frau Aigners Vorstoß ist natürlich kalkuliert; sie bekommt Aufmerksamkeit, vielleicht noch wohlwollende Meinungsäußerungen seitens der Bevölkerung (und Stammtische) und dann verhallt das Ganze und sie kommt sicher nicht in die Verlegenheit irgendwas umsetzen zu müssen.

    Meiner persönlichen Meinung nach nützt mir die Stunde Helligkeit am Abend mehr als am Morgen und deshalb schätze ich die Sommerzeit. Ich denke auch das geht den meisten so, denn mal ehrlich, wem bringt es denn etwas das im Juni die Sonne schon um 4 statt um 5 Uhr aufgeht?
    Ob man zweimal im Jahr den ganzen Trouble dafür auf sich nimmt, ist natürlich eine andere Frage.

    Übrigens spielt die tatsächliche Zeit die sogenannte wahre Ortszeit, wie man sich früher hatte (nach der die Sonne um 12 Uhr Mittags am höchsten Punkt steht) in der Gebäudetechnik weiterhin eine Rolle: Sie wird bei der Kühllastberechnung benötigt.

    1. Doreen Brumme

      Ich bin immer froh, wenn ein Kommentator auch noch Fakten beibringt zu einem Artikel. Das guck ich mir auf jeden Fall nochmal genauer an mit der Kühllast! Ansonsten tendiere ich schon fast dazu, dass die Sommerzeit zur ganzjährigen Standardzeit erklärt wird, denn auch ich bin eher der frühe Vogel, also der mit dem Wurm, als die Nachteule. Mal sehen, was kommt. Von Frau Aigner hoffentlich keine Petition!

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