Conny hat neulich einen überaus spannenden Artikel veröffentlicht: Den hier. Darin geht es um die Frage, ob man die von einer Photovoltaik-Anlage auch produzierte Wärme zum Heizen abgreifen kann. Eine Frage, die für Diskussionsstoff sorgte. Wer die Antwort wissen will, liest natürlich erst mal bei Conny weiter. In der Diskussion fielen auch die Begriffe Exergie und Anergie und ob wir davon nichts verstünden – um diesen Vorwurf erstmal aus der Welt zu schaffen, hier die Erklärung.
Ausgangspunkt ist der bekannte Begriff Energie. Energie wird häufig als die Fähigkeit beschrieben, Arbeit zu verrichten. Es gilt zudem, dass die Energie eines abgeschlossenen Systems, also ohne Wechselwirkung mit seiner Umgebung (sozusagen isoliert), weder vermehrt noch verringert werden kann.
Exergie kann schwinden
Mit dem Begriff Exergie wird nun der Teil der Gesamtenergie eines Systems bezeichnet, der dann Arbeit verrichten kann, wenn es in ein sogenanntes thermodynamisches Gleichgewicht mit seiner Umgebung gebracht wird. Das thermodynamische Gleichgewicht meint hierbei sowohl ein thermisches und mechanisches als auch ein chemisches.
Das klingt sehr trocken, oder? Tut mir leid, muss aber sein.
Zu merken ist, dass Exergie eine physikalische Größe ist, die das System in Verbindung zu seiner Umgebung betrachtet: Es ist dann nämlich das Potential zwischen dem Zustand der Umgebung und dem eigenen Zustand des Systems.
Vergleicht man Exergie mit Energie muss man festhalten, dass Exergie anders als Energie sehr wohl vermindert, ja sogar vernichtet werden kann. Während Energie demnach eine sogenannte Erhaltungsgröße ist, ist Exergie das nicht. Denn: Exergie wird in Anergie umgewandelt. Häufig sieht man also die Gleichung:
Energie = Exergie + Anergie
Mit den beiden Begriffen Exergie und Anergie lassen sich zwei grundlegende Theorien der Thermodynamik beschreiben: die beiden sogenannten Hauptsätze der Thermodynamik, die ich hier der Vollständigkeit aufführe, weil wir sie gleich brauchen, um die trockene Theorie praktischer zu diskutieren.
Der 1. Hauptsatz der Thermodynamik (Energiesatz) lautet: In einem abgeschlossenen System bleibt bei reversiblen und irreversiblen Prozessen die Summe aus Exergie und Anergie konstant.
Der 2. Hauptsatz der Thermodynamik (Entropiesatz) lautet: In einem abgeschlossenen System bleiben bei reversiblen Prozessen Exergie und Anergie jeweils konstant. Bei irreversiblen Prozessen wird Exergie in Anergie umgewandelt. Anergie kann nicht in Exergie umgewandelt werden.
So, nun aber ab in die Praxis! Wenn die besagte Energieform in Anergie umgewandelt werden kann, wo geschieht das beispielsweise?
Energie kommt bekanntlich in verschiedenen Formen vor. Die Umwandlung einer Energieform in die andere ist nicht immer zu 100 Prozent möglich. Mechanische oder elektrische Energien beispielsweise lassen sich komplett umwandeln, etwa in Wärme. Wärme hingegen nicht. Denn das Umwandeln von Wärme in mechanische oder elektrische Energie ist unvollständig: Je kleiner das verfügbare Temperaturgefälle ist, desto höher ist der Energieverlust. Das liegt daran, dass mechanische und elektrische Energie reine Exergie sind. Wärme nicht. Sie zählt je nach Temperaturniveau in Bezug auf die Umgebung, zum Beispiel die Temperatur der Außenluft oder des Kellerraums, in dem der Pufferspeicher steht, als mehr oder weniger Exergie.
Dabei unterscheidet man verschiedene „Temperaturgefälle“:
- Das System ist sehr viel wärmer als die Umgebung (Hochtemperaturwärme). Beispiel: ein schlecht gedämmter Pufferspeicher im Keller. Er besitzt einen hohen Exergie-Anteil. Die Wärmeenergie, die er an den Raum abgibt, geht zwar nicht verloren (siehe meinen Artikel zur Dämmung, da sie ja dem Gebäude an sich zu Gute kommt), aber seine Exergie nimmt ab. Mit dem Nachfüllen sonnenerwärmten Wassers und / oder Nachheizen wird wieder Exergie (zusätzliche) zugeführt, damit das gespeicherte Wasser auf gleichem Temperaturniveau bleibt.
- Das System hat eine Temperatur, die nahe der Umgebungstemperatur ist (Niedertemperaturwärme). Beispiel: ein gut gedämmter Pufferspeicher im Keller. Der Exergie-Anteil ist hier gering.
- Das System ist kälter als die Umgebung (Kälte). Beispiel: ein Eiswürfel in der zimmerwarmen Brause. Auch hier ist der Exergie-Anteil wieder höher.
Spannend in diesem Zusammenhang ist die Exergie chemischer Energieformen: Kohle, Gas, Öl, Benzin & Co. bestehen zum Großteil daraus. Der Verlust an eben jener, der beim Verbrennen solcher Rohstoffe geschieht, beeinflusst maßgeblich die Energieeffizienz des Gesamtsystems, also beispielsweise des Heizkessels, der mit Kohle, Gas oder Öl befeuert wird. Doch dazu in einem weiteren Artikel mehr, wo wir dann auch das spannende Thema Photovoltaik und Solarthermie im Zusammenhang mit Exergie und Anergie angehen!
Foto: stocksnapper / photocase
Hallo Doreen – ein interessantes Thema – womöglich kann ich ja ergänzendes beitragen.
Mich hat schon immer gestört das „Energie verbraucht werden kann“. Mit den Begriffen „Exergie, Anergie“ kann man / frau dies elegant semantisch umgehen 😆
Mit Ihrem Blog werden Sie ganz sicher besser diese Lücke schließen, als ich das schon mal versucht hatte.
Nun ja allgemein habe ich unter „Energy Return on Energy Invested „EROEI“ – weiter unten mit „Exergie & Anergie – was ist das ?“ (Juli 2014) im Zusammenhang mit diesem Phänomen befasst – nochmal – weil es auch da eine sehr große Rolle spielt „Netz, vernetzt im Netz gefangen ?“ – aufgegriffen.
Was nicht jedem sofort klar sein dürfte – vom üblichen quasi „zentralen Kraftwerk“ bis zur Steckdose Zuhause geht jede Menge Energie nutzlos „in die Umwelt über“ – jede Menge „Anergie“ die da auf der Strecke bleibt. Grob kalkuliert muss die fünffache Menge „gewandelt werden“ um die einfache Menge Zuhause nutzen zu können – aber auch da nicht zu 100% !
Daher ist PV auf dem Dach – oder wenigstens auf dem „nächsten Dach“ ein unschlagbares Konzept. Ein Konzept das nicht 4 Fünftel Anergie produziert.
Wer meine Gedanken dazu lesen möchte, sollte einfach oben „Rainer“ klicken
Danke, zum Thema EROEI wollt ich auch schon lang wieder mal was machen. Werde bei dir reinschauen und mir ein paar Anregungen holen!
Exergie und Anergie sind Begriffe die in der “einfachen” Haustechnik vielleicht nicht so gut aufgehoben sind. In dem Artikel ist das auch nicht so ganz richtig erklärt. Beispielsweise unterscheidet sich nicht der Exergieinhalt bei dem gut gedämmten und dem schlecht gedämmten Pfufferspeicher, sofern die Randbedingungen wie Umgebungs- und Speichertemperatur gleich sind. Der Unterschied zwischen beiden Speichern, liegt im Exergieverluststrom und der ist beim schlecht gedämmten Pfufferspeicher deutlich größer. Nur: Wollen wir die Wärme im Pfufferspeicher denn überhaupt in andere Energieformen umwandeln? Nein, wir wollen nur die Wärme verwenden, also bringt uns die Exergie an der Stelle nicht weiter.
Exergie und Anergie werden gebraucht um beispielsweise die Prozesse in Kraftwerken beschreiben zu können. In der Thermodynamik gibt es die sogenannte Enthalpie, ein Maß für den Energiegehalt eines Systems oder eines Stroms. Die Enthalpie ist definiert als Innere Energie + dem Produkt und Volumen und Druck.
Jetzt könnte es zwei Massenströme geben, beide mit dem selben Enthalpiegehalt, aber nicht demselben Exergiegehalt.Die wäre zum Beispiel der Fall, wenn Wasser einmal mit hohen Druck und niedriger Temperatur und das andere Mal mit niedrigem Druck und hoher Temperatur fließt. Der Druck ist die “höherwertige” Energie und kann besser verwertet werden.
Was mit der Kritik gemeint war, PV-Strom nicht zur Wärmeerzeugung zu nutzen, ist vermutlich das es halt blöde ist die reine Exergie des elektrischen Strom den man erntet in einen Großteil Anergie zu verwandeln.
Hallo Herr Blumental,
vielen Dank, jetzt wird’s langsam richtig kompliziert. Ja, es ist kein einfaches Thema, könnten Sie noch die genaue Fehlerpassage identifizieren, damit ich das korrigieren kann?
“Das System ist sehr viel wärmer als die Umgebung (Hochtemperaturwärme). Beispiel: ein schlecht gedämmter Pufferspeicher im Keller. Er besitzt einen hohen Exergie-Anteil. Die Wärmeenergie, die er an den Raum abgibt, geht zwar nicht verloren (siehe meinen Artikel zur Dämmung, da sie ja dem Gebäude an sich zu Gute kommt), aber seine Exergie nimmt ab. Mit dem Nachfüllen sonnenerwärmten Wassers und / oder Nachheizen wird wieder Exergie (zusätzliche) zugeführt, damit das gespeicherte Wasser auf gleichem Temperaturniveau bleibt.”
Müsste hier überall statt Exergie Anergie stehen? Weil Solarthermie ja per se Wärme/Anergie produziert? Hier auch die nächste vielleicht blöde Frage aber kann man sagen Photovoltaik produziert Exergie, die in Anergie umgewandelt wird, wenn man warmes Wasser macht und Solarthermie produziert gleich Anergie?