Experten-Interview: Was heißt solares Bauen – und wie geht das? (Teil 1)

Unser Experte für solares Bauen im Interview: Baubiologe Stefan Schön weiß, was aufs Dach soll: Solarthermie und Photovoltaik! Foto: Stefan Schön

Für alle von euch, die gebaut haben, derzeit bauen oder noch bauen wollen, Neubau oder Sanierungsbau, habe ich heute ein besonders spannendes Interview: Mein Gesprächspartner ist Stefan Schön. Er ist Baubiologe, Energieberater und Energieeffizienz-Experte. Als solcher baut und plant er Bio-Solar-Aktivhäuser. Im ersten Teil des Interviews erklärt der Fachmann für solares Bauen, was das genau heißt. Im zweiten Teil dreht sich dann alles ums Dach als Showbühne für die beiden Solarstars Solarthermie und Photovoltaik.

Stefan Schön, würden Sie uns als Erstes bitte kurz Ihr alltägliches Arbeitsfeld umreißen? Was macht ein Baubiologe, Energieberater, Energieeffizienz-Experte?

Stefan Schön: Die Baubiologie (definiert vom IBN – Institut für Baubiologie und Nachhaltigkeit in Rosenheim) ist eine ganzheitliche Lehre – basierend auf den wesentlichen Säulen der

  • Sozialverträglichkeit,
  • Umweltverträglichkeit,
  • Wohngesundheit
  • und Behaglichkeit.

Mein Tätigkeitsfeld ist dadurch auch sehr vielseitig, zumal ich auch baubiologische Beratungsstelle und baubiologischer Gebäude-Energieberater (IBN) bin und in dieser Funktion vielseitige Fragen rund ums Bauen und Wohnen beantworte und löse. Ich berate und betreue Baufamilien und Netzwerkpartner und biete konkrete Konzepte und Lösungen für die Praxis an. Mein Schwerpunkt liegt hierbei auf der Umsetzung konkreter Neubau- und Sanierungsmaßnahmen, die ich plane, betreue, begleite und zum Teil auch selber und mit einem Team aus gleichgesinnten Netzwerkpartnern ausführe. Außerdem halte ich regelmäßig Vorträge und Veranstaltungen zu diesen Themen.

Sie planen Häuser? Wie viele haben Sie bereits geplant / gebaut?

In eigener Regie gebaut habe ich mindestens 200, geplant mindestens 70 und wesentlich mitgewirkt bei mindestens 500 Wohnhäusern.

Das sind bemerkenswerte Zahlen. Worauf achten Sie beim solaren Planen / Bauen von Häusern?

Ich plane und baue nach den konsequenten Grundsätzen der baubiologischen Lehre. Dieses Werteverständnis passt gut zu meiner persönlichen Einstellung und Überzeugung. Dabei entstehen Gebäude, die den Menschen gut tun und gleichzeitig unsere Umwelt schonen. Aus energetischer Sicht schaue ich dabei gerne ein Stück weit in die Zukunft und plane danach – ohne die Baukultur aus den Augen zu verlieren.  Nach dem Motto „Global denken – regional handeln“ entstehen meine Bauvorhaben unter dem maximalen Einsatz naturbelassener und regenerativer Baustoffe, Rohstoffe und Energien aus unserer Region. Gesamtkostenpläne und der offene Umgang mit Baukosten sind mir dabei ebenso wichtig wie Baupläne. So entsteht mit der jeweiligen Baumaßnahme eine für die Baufamilie leistbare und hohe Energieeffizienz. Auch das „Bauen für die Seele“ ist mir ein wichtiges Anliegen.

Welche Rolle spielt Solartechnik bei von Ihnen geplanten / gebauten Häusern?

Die Nutzung solarer Energie spielt bei meinen Bauvorhaben eine elementare Rolle. Hier kann ich meinen Baufamilien eine größtmögliche Unabhängigkeit bei höchstem Umweltnutzen und gleichzeitig hoher Zukunftssicherheit bieten.

Für den Wohnungsbau ist die Solarenergie die wohl einzig realistisch verfügbare Energiequelle, die wir in unserem Vorstellungsvermögen unendlich zur Verfügung haben und über die wir uns in Zukunft nicht streiten werden.

Über alle anderen derzeit bekannten Energieformen werden wir uns über kurz oder lang sehr wahrscheinlich streiten und zudem in entsprechende Abhängigkeiten geraten. In Wahrscheinlichkeit steigender Energiepreise durch steigende Weltbevölkerung und steigenden Wohlstand eine auch wirtschaftlich interessante Alternative – schließlich schickt die Sonne keine Rechnung.

Was bedeutet Solarenergie Ihnen?

Ich arbeite gerne mit allen Formen der Solarenergienutzung und halte sie für gleichsam wichtig und interessant.  Mit Schwerpunkt nutze ich die thermische Solarenergienutzung für Warmwasser- und die Photovoltaik zur Stromerzeugung. Die häufig geführte Diskussion bei diesen Techniken – entweder das eine oder das andere – kann ich nicht teilen. Intelligent angewendet sind beide Formen sinnvoll für die jeweiligen Anwendungsschwerpunkte. Gerne auch in Kombination, wenn es die jeweiligen Randbedingungen erlauben.

Sie bauen demnach „mit der Sonne“: Könnten Sie bitte kurz erklären, welche „Bausteine“ zum solaren Bauen heute heranzuziehen sind?

Zunächst einmal kann man

  • sowohl den Neubau
  • als auch die Sanierung

so planen, bauen und umbauen, dass eine maximale passive Solarenergienutzung entsteht. Sozusagen für das „Wohnen mit der Sonne“. Das hat nicht nur energetische Vorteile, sondern verbessert auch die Lichtqualität  und den Wohnkomfort in den Gebäuden erheblich.

Vor allem für die sogenannte Risikogruppe (also Menschen, die sich den Großteil Ihres Lebens in geschlossenen Räumen aufhalten oder aufhalten müssen) ist dies besonders interessant und wichtig.

  • Natürlich ist bei Energieeffizienzgebäuden bei großen Fensterflächen auch an eine komfortable Beschattung zu denken, damit in den kalten Monaten ein hoher Solargewinn und in den heißen Monaten eine wirksame Abschattung davon möglich ist. Beides richtig kombiniert bietet hohen Wohnkomfort bei gleichzeitig hoher Solarenergienutzung und ist kein Widerspruch.
  • Durch geeignete Dämmmaßnahmen gilt es dann zunächst, den Wärmebedarf zu reduzieren.
  • Dann dazu die aktive Solarenergienutzung in Form von Photovoltaik zur Stromerzeugung und die Solarthermie zur Warmwasserbereitung und Beheizung.
  • Eine gute Speicher- und Regelungstechnik versteht sich von selbst. Die dann noch möglichst geringe Restenergiemenge lässt sich beliebig und an den jeweiligen Nutzer angepasst zuheizen.

Sie sprachen eben von passiver und aktiver Solarnutzung: Was bedeutet das?

Passive Solarenergie nutzt die Sonnenenergie sozusagen durch und über die Gebäudehülle (Energieeintrag durch Fenster, Gebäudeausrichtung …).

Bei der aktiven Solarenergie benutzt man Kollektoren und Solarpaneele,  die die Sonnenenergie konzentrierter ernten (mit den jeweiligen Absorbern) und über technische Hilfsmittel (Gebäudetechnik wie Wechselrichter, Pumpen, Speicher, Regelungstechnik) anwenderfreundlich nutzbar machen. Entsprechend der jeweiligen Speichergröße und -technik ist die gesammelte Energie dann auch zeitlich versetzt gut nutzbar. Das geht bei weitgehend solarbeheizten Häusern auch bis zu mehrere Tage, sodass Solarangebot und Energienachfrage auch mehr oder weniger zeitversetzt stattfinden können.

Wie können Bauherren Solarenergie heute aktiv in ein Energiekonzept einplanen und realisieren?

Diese Frage ist leider nicht pauschal zu beantworten, da die jeweiligen Randbedingungen in der Regel unterschiedlich sind. So ist zum Beispiel die Lage des Gebäudes, der Dämmstandard, die Nutzung und noch anderes mehr entscheidend, um festzustellen, welche Größe und Art für das jeweilige Objekt das richtige ist.

Aber ich kann sagen: „Es gibt nicht die richtige Solarnutzung für jeden – aber es gibt für jeden die richtige Solarnutzung“. Will heißen, dass nach meiner Erfahrung für jeden die richtige Lösung dabei ist, aber idealerweise angemessen an den jeweiligen Bedarf und die jeweiligen Randbedingungen. Um mehr Klarheit und Hilfestellung in diese Frage zu bringen, halte ich seit mehreren Jahren den Vortrag „Zukunftsfähig Heizen – Zukunftsfähige Energiesysteme“. In diesem Vortragworkshop können sich Baufamilien und Fachleute praxisorientiert und neutral informieren und dadurch den für sie richtigen Weg finden. (aktuelle Veranstaltungshinweise findet ihr auf Stefan Schöns Internetseite – Anmerkung der Redaktion)

Stefan Schön, haben Sie ein, zwei Beispiele von „Schön“-Häusern, über die Sie sagen würden – dort wurde alles in Sachen Nachhaltigkeit realisiert, was machbar war? Würden Sie uns kurz die wichtigsten Eckdaten schildern?

Häuser, die unter Anwendung der vorgenannten Kriterien entstanden sind, nenne ich Bio-Solar-Aktivhäuser. Schon einige konnten wir in dieser Bauweise realisieren und praktisch online auswerten. Und ständig kommen neue dazu, womit auch unsere Erfahrung wächst. Auch die Baufamilien sind begeistert und berichten mir Positives bei einer Tasse Kaffee danach (lacht).

Folgendes ist hierbei aber allen Bio-Solar-Aktivhäusern gemein:

  • sie wurden konsequent baubiologisch erstellt
  • der Einsatz ökologischer Baustoffe (Holz, Lehm, Hanf und andere) war maximal
  • ressourcenschonende Holz-Lehm-Bauweise kam zum Einsatz
  • das Dämmniveau im Neubau entspricht KfW 55 oder 40, im Bestand KfW 85
  • der Energiebedarf für Herstellung und spätere Entsorgung ist sehr gering
  • Solarthermie für Warmwasser und/oder Photovoltaik für die Stromerzeugung (40 bis 90 Prozent)
  • naturnahe Be- und Entlüftung
  • sozialverträgliche Bauabwicklung
  • das Zuheizen der geringen Restenergie erfolgt mit regenerativen Energien aus der jeweiligen Region

Wären Sie auch bereit, uns zwei Bio-Solar-Aktivhäuser ausführlich vorzustellen?

Aber gerne doch!

Danke, Stefan Schön für dieses aufschlussreiche Interview!

 

In Teil 2 des Interviews demnächst hier auf dem Blog erklärt der Baubiologe Stefan Schön, was das Zusammenspiel von Photovoltaik und Solarthermie dem solaren Bauen an Vorteilen bringt. Bleibt dran!

Foto: Stefan Schön

Darf’s ein bisschen mehr sein? Passend zum Thema:
  • Solarthermie Prognose 2017 BSW-Prognose
    Bundesverband Solarwirtschaft e.V. rechnet 2017 mit steigender Nachfrage nach Solarthermie-Anlagen
  • SonnenEnergieHaus : Gerd Schallenmüller
    Interview mit dem Erfinder des Sonnenenergiehauses

  • Was spricht eigentlich gegen Solarthermie?

  • Eine Ölheizung im Neubau – echt jetzt?
mal geteilt
image_pdf

Kommentar verfassen

Ihre Emailadresse wird nicht veröffentlicht.Pflichtfelder sind so gekennzeichnet *

Erlaubtes HTML <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>