Energieberater im Gespräch: Jürgen Blechschmidt von der ENA Nürnberger Land im Interview

Jürgen Blechschmidt ENA

Heute geht es weiter mit unserer Interviewserie, zu der wir die Energieagenturen des deutschsprachigen Raumes eingeladen haben. Unser heutiger Gesprächspartner heißt Jürgen Blechschmidt und ist Energieberater bei der Unabhängigen Energieberatungsagentur Nürnberger Land (ENA), die dort beim Landratsamt angesiedelt ist. Der Landkreis Nürnberger Land schließt sich östlich an den Ballungsraum Nürnberg-Fürth-Erlangen an und ist ca. 800 Quadratkilometer groß.

Energieberatung im Nürnberger Land

Sabine Eva Rädisch für Ecoquent Positions: Könnten Sie uns kurz einen Überblick über die Energieregion Nürnberger Land geben? Gibt es vielleicht sogar Zahlen, wie weit das Nürnberger Land bei der Energiewende ist und wie hoch der Anteil an Erneuerbaren derzeit ist?

Jürgen Blechschmidt, Energieberater der ENA: Das Landratsamt Nürnberger Land hat ein integriertes Klimaschutzkonzept (IKSK) erarbeiten lassen. Am 12.11.2012 wurde dieses in der Kreistagssitzung einstimmig beschlossen. Das im IKSK formulierte Klimaschutzziel lautet: „Die im IKSK dargestellte mögliche Minderung des CO2-Ausstoßes (9,7 t/EW auf 5,5 t/EW*a) bis zum Jahr 2030, durch Steigerung der Energie-Einsparungen und durch die Realisierung der beschriebenen Einsparpotenziale, wird als Ziel verfolgt.“Momentan werden im Landkreis Nürnberger Land etwa 4 % des Gesamtstromverbrauchs und ca. 13 % des thermischen Gesamtenergieverbrauchs durch Erneuerbare Energien gedeckt. Bei der Erzeugung von erneuerbarer elektrischer Energie liegen dabei die PV-Anlagen vorne, gefolgt von Wind- und Wasserkraftanlagen. Thermische Endenergie aus Erneuerbaren Energien wird im Landkreis vor allem aus forstwirtschaftlicher Biomasse bereitgestellt.

Ecoquent Positions: Die Stromdebatte ist in vollem Gange. Über Wärme, welches meist den größeren Brocken der Energierechnung ausmacht, spricht jedoch niemand. Wie sehen Sie dieses Problem?

Jürgen Blechschmidt: Durch den Anstieg der Strompreise ist jeder Sektor (private wie auch gewerbliche Verbraucher) betroffen. Deshalb wirken Preissteigerungen an dieser Stelle in der Verbraucher-Wahrnehmung auch stärker. Der Bedarf für Wärmeenergie ist bei Industrie / Gewerbe nicht immer gegeben, d.h. der Bedarf ist deutlich produktionsabhängig. In Betrieben wo Wärme für die Fertigung eine wesentliche Rolle spielt, wird sukzessive auch über Verbesserungen nachgedacht, bzw. sie werden mittlerweile auch realisiert. Zumindest ist ein enormes Interesse für Einsparungsmöglichkeiten und Effizienzsteigerungen erkennbar. Die Begrenzung von Energiekosten als Mittel zur Fixkostensenkung und somit als wichtiger Baustein zum Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit ist in den Chefetagen erkannt. Etwas anders stellt sich das Bild bei den privaten Verbrauchern dar. Einsparungen an Wärmeenergie sind meist nur mit nicht unwesentlichen Investitionen in die Gebäudehülle oder die Heiztechnik von Wohngebäuden möglich. Bedenken gegenüber Sanierungen gibt es hauptsächlich aus wirtschaftlichen, aber auch teilweise aus ökologischen Gründen. Starke Kritiker von Gebäudedämmungen führen sogar gesundheitliche Vorbehalte an. So kann das Schimmelbildungsrisiko enorm ansteigen, wenn die Gebäudehülle „zu dicht“ saniert wird und die Realisierung eines wirksamen Lüftungskonzepts unterbleibt. Abhilfe zu dieser komplexen Gemengelage schafft nur das Ineinandergreifen verschiedener Handlungen:

  1. Technisch und handwerklich fehlerfreie Ausführung
  2. Forschung nach verbesserten Produkten und deren Anwendung
  3. Schaffung höherer Anreize zur Gebäudesanierung durch zufriedenstellende Fördermittel oder Steuererleichterungen (deren Zuweisung nicht durch übersteigerte Parallel-Forderungen erschwert ist)

Geht man für die Zukunft von einigermaßen stabilen Anschaffungs- und Ausführungskosten aus, so sorgen die Energiepreiserhöhungen für kürzere Amortisationszeiten – die Wirtschaftlichkeit einer Sanierungsinvestition verbessert sich also, je teurer z.B. Heizöl oder Erdgas wird. Insbesondere zum Erreichen von Klimaschutzzielen, kann die Wärmeenergie keinesfalls außer Acht gelassen werden, da der Energiebedarf auf diesem Sektor um einVielfaches höher ist als der Strombedarf. Der Stromanteil am deutschen Gesamt-Endenergieverbrauch beträgt gerade einmal in etwa 15 % – der Rest wird in Form von thermischer Energie verbraucht. Mit knapp 40 % wird der Anteil benötigter Raumwärme am jährlichen Gesamt-Endenergieverbrauch in Deutschland angegeben. Somit steckt in den privaten Bestandsgebäuden ein enormes Einsparpotenzial. Da die Qualität der Gebäudehülle verbrauchsbestimmend ist, entscheidet es sich wesentlich beim Gebäudebestand, ob die CO2-Einsparziele erreicht werden können.

Ecoquent Positions: Welche Kunden kommen zu Ihnen und wie wird geholfen? Eher Haushaltskunden oder auch Industrie?

Jürgen Blechschmidt: Wir bieten unsere kostenlose Erstberatung für alle Interessierten an, egal ob für Privatpersonen oder Gewerbebetriebe. Dabei erfolgt die Beratung so individuell und umfassend wie möglich. Detaillierte objektbezogene Ausführungsplanungen können wir allerdings mit dem gegebenen Personalansatz nicht durchführen. Wir wollen auch nicht mit den selbstständigen, unabhängigen Energieberatern konkurrieren.

Ecoquent Positions: Welche Heizmöglichkeiten beraten Sie am häufigsten? Worauf sollten Sanierer und Neubauerrichter besonders achten?

Jürgen Blechschmidt: Der Landkreis Nürnberger Land ist in weiten Teilen ländlich geprägt. Insofern sind die Gegebenheiten für Biomasseheizungen sehr günstig. Verstärkt ist seit einiger Zeit ein starkes Interesse an Pellets-Heizungen wahrnehmbar, weil sie Ökologie, Zuverlässigkeit, Wirtschaftlichkeit und Komfort gut miteinander in Einklang bringen. Bei diesen Heizungsarten ist aber grundsätzlich ein schnell erreichbarer Kundendienst zu empfehlen. Nicht weil Pellets-Heizungen qualitativ minderwertig wären, sondern weil sie anders funktionieren (z.B. sind hier mehr mechanische Komponenten vorhanden, als bei Öl- oder Gasheizungen). Wenn man mit der Heizungsanlage etwas vertrauter ist, kann man eventuell auftretende Betriebsstörungen meistens sehr schnell selbst beseitigen. Eine fristgerechte fachmännische Wartung ist natürlich weiterhin als selbstverständlich anzusehen.

Ecoquent Positions: Wie schätzen Sie die Entwicklung der Solarthermie in den nächsten Jahren ein?

Jürgen Blechschmidt: Weiter steigende Energiepreise und ein allgemein zunehmendes Interesse an einer ökologisch verbesserten und sinnvolleren Energieerzeugung werden in Zukunft einen (weiteren) enormen Entwicklungsschub bringen. Angesichts der Tatsache, dass uns die Sonne in Form von Strahlungsenergie jährlich das ca. 7.000 bis 10.000-fache des weltweiten Jahresenergiebedarfs kostenlos sendet (und das auch für kommende Generationen), eigentlich nur eine logische Konsequenz. Und wie wir alle wissen, werden die Ressourcen an den klassischen Energieträgern (Öl, Gas, Uran, Kohle) irgendwann ziemlich erschöpft sein – oder deren Nutzbarmachung nahezu unmöglich sein.

Ecoquent Positions: Was müsste für eine Entwicklung ähnlich dem PV-Bereich passieren?              

Jürgen Blechschmidt: Die Investitionskosten für solarthermische Anlagen sind immer noch relativ hoch. Eine hohe Nachfrage wird – bei fast allen Produkten – erfahrungsgemäß durch günstige Anschaffungspreise wesentlich beeinflusst. Die momentan verfügbaren Fördermittel (BAFA) könnten zwar weiter verbessert werden, sie sind aber schon jetzt „ganz ordentlich“.

Vielen Dank, Herr Blechschmidt!

Jürben Blechschmidt Energieberatungsagentur ena / Landratsamt Nürnberger Land

Jürgen Blechschmidt, Energieberatungsagentur ena / Nürnberger Land

Titelbild (Lauf an der Pegnitz): © franconia | wikipedia.org

Foto Jürgen Blechschmidt: © ena, Landratsamt Nürnberger Land

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