Jurrien Westerhof (EEÖ) fordert "Druck aus den Bundesländern auf die Regierung"

Sonnenhaus Vakuumröhrenkollektor

Heute will ich Euch einen wichtigen Player aus der Riege derer in Österreich vorstellen, die sich den Erneuerbaren Energien verschrieben haben: Es geht um den EEÖ – den Verband Erneuerbare Energie Österreich, der die Interessensvertretung der Spartenverbände für Erneuerbare Energie in Österreich ist. Der EEÖ setzt sich für die Anliegen aller erneuerbaren Energieträger ein. Ich habe den Geschäftsführer des Verbands, Diplom-Ingenieur Jurrien Westerhof, zu einem Interview gebeten, um Infos aus erster Hand über den EEÖ zu bekommen. Und was soll ich schreiben, der Mann hat stante pede zugesagt und hier kommen seine Antworten auf meine Fragen (Danke für diese selten hohe Reaktionsgeschwindigkeit 😉 Jurrien!)

Logo EEÖ

Doreen Brumme für Ecoquent Positions: Jurrien Westerhof, bitte stellen Sie Ihren Verband EEÖ kurz vor!

Jurrien Westerhof, Geschäftsführer EEÖ: Der EEÖ ist der Dachverband der unterschiedlichen Erneuerbaren-Verbände in Österreich. Unser Ziel ist es, dass Österreich 100-prozentig erneuerbar versorgt wird. Bis 2050 ist das sicher möglich – je schneller wir das Ziel erreichen, desto besser.

Dabei vertreten die unterschiedlichen Technologie-Verbände in erster Instanz ihre direkten Interessen und der EEÖ koordiniert zum Beispiel die Zusammenarbeit bei gemeinsamen Anliegen. Oder er kümmert sich um eher breitere Themen rund um die Energiewende. Dabei verstehen wir uns nicht nur als reine Interessensvertretung, sondern auch stark als Organisation, die den Kampf gegen den Klimawandel als zentrale Aufgabe sieht.

Was sind die aktuellen Top-Themen, um die sich der EEÖ kümmert?

Ein zentrales Thema derzeit ist, wie sich die Änderungen in der EU-Energiepolitik (wie Beihilfen-Leitlinien oder Energieunion) auf die österreichische Politik auswirken – statt Rückenwind bekommen die „Erneuerbaren“ derzeit immer mehr Gegenwind aus Brüssel. Die Frage ist zum Beispiel, wie die Zukunft eines Ökostromgesetzes aussehen kann. Eine andere Frage ist, wie wir die zukünftige städtische Wärmeversorgung gestalten.

Welche Rolle spielt Solarthermie in Österreich und was tun Sie, um mehr Aufmerksamkeit auf diese zu richten?

Solarthermie spielt in Österreich eine sehr wichtige Rolle: Pro Kopf umgerechnet steht die Solarkollektor-Fläche im globalen Vergleich an dritter Stelle (nach Zypern und Israel). Der Heimmarkt wird aber schwächer, unter anderem, weil im Bereich der Warmwasseraufbereitung allmählich eine Sättigung eintritt. Dabei ist das Potential riesig. Eine Strategie ist, verstärkt auf solare Raumheizung zu setzen, nicht nur im Einfamilienhausbereich, sondern etwa auch in der Nah- oder Fernwärme. Das Potential hier ist sehr groß, auch in Kombination mit Biomasse.

Hand aufs Herz, was läuft heute schon gut, was muss verbessert werden?

Der Ausbau der Ökostromversorgung schreitet seit einigen Jahren relativ zügig voran. Das Ausgangsniveau war zwar durch den hohen Wasserkraftanteil gut, aber zwischen 2005 bis 2012 wurde nur sehr wenig zugebaut. Erst durch die Fukushima-Katastrophe hat sich hieran etwas geändert. Der Anteil an Strom aus Photovoltaik (PV) etwa ist hier mit aktuell 1,1 Prozent im Vergleich zu Deutschland allerdings immer noch niedrig.

Die Bedeutung von erneuerbarer Wärme für die Wärmeversorgung liegt mittlerweile bei etwa einem Drittel, mit steigender Tendenz. Wenn Österreich es schaffen würde, die derzeitigen Trends beizubehalten und die Schwächen, etwa im Verkehrsbereich, zu beseitigen, dann sind 100 Prozent erneuerbare Energien innerhalb von einer Generation erreichbar. Die EU-Politik droht uns aber einen Strich durch die Rechnung zu machen, und es wäre sehr wichtig, sowohl bei den 2030er-Zielen stark nachzubessern, als auch bei der Umsetzung der EU-Politik in Österreich höhere und verbindliche Ziele festzulegen …

… sonst?

… droht ein starkes Abschwächen der Trends der letzten Jahre – mit Folgen nicht nur für die Umwelt oder für die Handelsbilanz, sondern auch für die zahlreichen Unternehmen, die von der Energiewende profitieren.

Österreich hat – mit Verlaub gesagt – Aufholbedarf in Sachen Energiestrategie. Wie unterstützen Sie die Regierung bei der Entwicklung von entsprechenden Strategien?

Es gibt in Österreich zwar eine Energiestrategie, aber in Wirklichkeit ist es weniger eine Strategie, als vielmehr eine lange Liste von Maßnahmen. Diese werden meist nur halbherzig oder gar nicht umgesetzt, und damit ist die jetzige Strategie weitgehend wirkungslos. Was fehlt, ist ein strategischer Ansatz, wo Ziele gesetzt werden und anhand derer entschieden wird, welche zentralen wirtschaftspolitischen Instrumente am besten geeignet sind, diese Ziele zu erreichen.

Wir haben bereits einen Vorschlag für eine Strategie eingebracht, aber die Entwicklung einer Energiestrategie hat im Wirtschaftsministerium derzeit nicht die Priorität, die sie verdient. Dabei droht durch den bereits erwähnten Gegenwind aus Brüssel auch ein Schaden für die Wirtschaft, wenn sich das Erneuerbaren-Ausbautempo verringert.

Was wünschen Sie sich bezüglich Energiestrategien von der österreichischen Regierung oder den einzelnen Bundesländern?

Wir wünschen uns, dass Österreich jene Maßnahmen umsetzt und unterstützt, die es braucht, um den Klimawandel auf ein erträgliches Ausmaß einzubremsen – mit dem Wissen im Hinterkopf, dass aus Klimasicht das 2-Grad-Ziel bereits zu hoch angesetzt ist. Das bedeutet, so rasch wie möglich eine weitgehende Dekarbonisierung der Wirtschaft zu erreichen. Unserer Meinung nach müsste eine Ökologisierung des Steuersystems eines der zentralen Instrumente einer Energiestrategie sein. Wir sehen das eher als Bundes- denn als Landesaufgabe. Aber Druck aus den Bundesländern auf die Regierung wäre wichtig (lacht).

Wir Ecoquentlerinnen hörten davon, dass der EEÖ die Wärmewende und die Versorgung der Städte mit Solarwärme zu einem Schwerpunkt für die Arbeit 2015 definiert habe? Das finden wir toll! Was sind die konkreten Pläne?

Stark vereinfacht kann man mittlerweile fast sagen, dass die Energiewende im Einfamilienhausbereich und auch die Stromwende vom Wissensstand her keine unbewältigbaren Herausforderungen mehr sind. Im Verkehrsbereich wüssten wir zumindest, was zu tun wäre, doch auch die scheitert noch am politischen Willen.

Gerade bei der Umstellung der städtischen Wärmeversorgung von fossil zu erneuerbar gibt es noch viele große offene Fragen, etwa, wie ein vernünftiger erneuerbarer Wärme-Energiemix in einer Stadt wie Wien aussehen könnte. Auch die Frage, wo in einer Stadt das wirtschaftliche und ökologische Optimum zwischen Bedarfsverringerung einerseits, und Erzeugungs-Umstellung andererseits liegt – also ob wir eher Dämmen sollen oder eher Pelletsheizungen einbauen – ist weitgehend unbeantwortet. Oder wie Strom- und Wärmeerzeugung ineinander greifen. Oder wie wir bei der Abwärmenutzung fossile Lock-in-Effekte vermeiden können.Oder ob wir Biogas für Wärmezwecke „reservieren“ sollen. Oder wie wir die Sanierungsrate heben können. Oder wie wir Wärme speichern können, und so weiter…

So gibt es hier derzeit vor allem Fragen – und wir wollen uns zuerst einmal damit beschäftigen, welche Wissenslücken gefüllt werden müssen, und was es braucht, damit wir die Antworte liefern können.

Viele Städte werden sich in den kommenden Jahren mit diesem Thema beschäftigen müssen. Wir wollen hier Vorschläge liefern und Lösungen anbieten. Aber wie diese Lösungen aussehen, können wir noch nicht sagen. Selbstkritisch muss man hier übrigens auch anmerken, dass die städtische „Wärmewende“ im Vergleich zu etwa dem Ökostromausbau in den letzten Jahren zu wenig Aufmerksamkeit bekommen hat. Das müssen wir ändern.

Welche Rolle spielt solare Fernwärme in dem Konzept?

Es wird nicht möglich sein, aus jedem Haus ein Passivhaus zu machen, es wird nicht möglich sein, ganze Städte mit Biomasse zu heizen. Und nicht jedes Haus wird einen Solarkollektor auf dem Dach oder eine Pelletsheizung im Keller haben können. Solare Fernwärme wird einen wichtigen Beitrag liefern müssen, um diese Lücken zu füllen. Wir blicken derzeit mit viel Interesse nach Dänemark: Wenn die Dänen es schaffen, erneuerbare Fernwärme aus Sonne und Biomasse für Preise unter 5 Cent pro kWh anzubieten, dann muss das auch hier möglich sein – und damit hätten wir ein sehr interessantes Angebot(lacht).

Jurrien Westerhof, vielen Dank für diese Einsicht in Ihre Verbandsarbeit. Wir sind bloggender Weise ganz auf Ihrer Erneuerbaren Seite!

Foto: EEÖ – Jurrien Westerhof

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