Roadmap "Solarwärme 2025": Wie wendet Österreich Solarthermie an?

Wie angekündigt, will ich im vorliegenden Beitrag darüber berichten, wie heute in Österreich Solarwärme im Einsatz ist. Die Fakten stammen aus der kürzlich vorgestellten „Roadmap Solarwärme 2025. Eine Technologie- und Marktanalyse mit Handlungsempfehlungen“, die vom AEE – Institut für Nachhaltige Technologien in Gleisdorf aufgestellt wurde.

Die Anwendung von Solarwärme in Österreich ist längst nicht mehr nur auf das Erwärmen von Wasser im Einfamilienhaus oder Schwimmbad beschränkt – auch wenn das die beiden klassischen Anwendungen sind, die bis heute einen erheblichen Marktanteil haben. In Österreich und anderswo. Die Autoren der Solarwärme-Roadmap, Christian Fink und  Dieter Preiß vom AEE, identifizieren aktuell auch folgende neue Anwendungsbereiche für Solarthermie:

  • Kombianlagen zur Heizungsunterstützung und Warmwasserbereitung im Bereich Ein- und Zweifamilienhaus
  • Kombianlagen zur Heizungsunterstützung im Geschosswohnbau
  • Solare Nah- und Fernwärme (Großanlagen mit mehreren Megawatt thermischer Leistung)
  • Solarwärme für gewerbliche und industrielle Anwendungen
  • Anlagen zum solaren Kühlen und Klimatisieren

Solarthermie in Österreich ist auffallend vielfältig

Vergleiche man Österreichs Solarthermie mit anderen Ländern, falle einem der in Österreich sehr diversifizierte Markt auf, schreiben die Roadmap-Autoren. Das folgende Balkendiagramm zeigt dies grafisch: Österreichs Balken ist (wie der von Deutschland übrigens auch) vergleichsweise bunt.

Verteilung Kollektorfläche Anwendung

Von der bisher insgesamt in Österreich installierten und in Betrieb befindlichen Kollektorfläche (Flach- und Vakuumröhrenkollektoren) werden demnach

  • 47 Prozent in Anlagen zur Warmwasserbereitung im Einfamilienhausbereich eingesetzt (Blau),
  • 44 Prozent in Kombianlagen zur Warmwasserbereitung und Raumheizung in Ein- und Mehrfamilienhäusern (Rot),
  • 7 Prozent in großen Anlagen für Mehrfamilienhäuser und den Tourismus-Sektor (Grün)
  • und 2 Prozent der Kollektorfläche speist die Wärme in Nah- und Fernwärmenetze sowie in industrielle Prozesse ein (Lila).

Installalionsrückgang vor allem im Bereich Einfamilienhaus

Um aktuelle Entwicklungen des österreichischen Solarthermie-Marktes besser zu veranschaulichen, hat man in der Roadmap – basierend auf jährlich dokumentierten Produktions- und Verkaufszahlen sowie Berechnungen seitens des AEE –  auch aufgezeigt, wie sich die Solarthermie-Anwendungen jährlich aufteilen. Das folgende Balkendiagramm zeigt das Ganze grafisch umgesetzt:

Entwicklung neue Kollektorfläche Anwendung

Deutlich zu erkennen sei, so die Roadmap-Autoren, „dass die Anwendungen im Ein- und Zweifamilienhaus (Warmwasserbereitung und Heizungsunterstützung) den Solarwärmemarkt bestimmen“.

Waren es demnach bis zur Jahrtausendwende „praktisch ausschließlich Anwendungen in Ein- und Zweifamilienhäusern, so wurden die Bemühungen, neue Anwendungsgebiete für Solarwärme zu erschließen, ab dem Jahr 2002 auch in statistischen Auswertungen sichtbar. Insbesondere Anwendungen im Bereich

  • Mehrfamilienhäuser (MFH)
  • als auch im Dienstleistungssektor (DL-NWG – Dienstleistungen in Nichtwohngebäuden) und hier insbesondere im Tourismus,

kamen zur klassischen Anwendung im privaten Ein- und Zweifamilienhaus dazu.“

Wenige Jahre später habe, so schreiben Fink und Preiß weiter, auch die Umsetzung von Anlagen in Bereichen

  • der Wärmenetzintegration (W-Netze),
  • der Integration in industrielle Niedertemperaturprozesse (NT-PW bis 250°C),
  • der Warmwasserbereitung und Raumheizung in produzierenden und landwirtschaftlichen Betrieben (Prod.+LW)
  • sowie der Klimatisierung (KL) begonnen.

Ein wichtiges Ergebnis der Analyse der AEE-Experten ist das: Große Teile des Marktrückgangs der Solarthermie entfallen auf die Anwendung Ein- und Zweifamilienhaus.

Die Zahlen belegen das: In 2008 wurden in diesem Segment 290.000 Quadratmeter (m²) Kollektorfläche installiert – 2012 waren es nur noch rund 145.000 m², sprich: die Hälfte. Der Anteil der jährlich im Geschosswohnungsbau installierten Kollektorfläche bleib mit rund 60 bis 70.000 m² dagegen noch relativ konstant. Die Experten stellten darüberhinaus eine empfindliche Reduktion der jährlich installierten Kollektorfläche im Dienstleistungssektor (DL-NWG – Dienstleistungen in Nichtwohngebäuden) fest: Von 16.000 bis 23.000 m² installierter Kollektorfläche in den Jahren 2006 und 2007 ist dieses Anwendungssegment sukzessive eingebrochen (insbesondere durch die Reduktion einer Investitionsförderung des Bundes im Jahr 2009) und machte im Jahr 2012 nur mehr rund 2.100 m² aus.

Mit einem Fünftel (20 Prozent) aller 1,8 Millionen Haushalte in diesem Segment hatten Ende 2012 wesentlich mehr Einfamilienhäuser und Zweifamilienhäuser als in anderen europäischen Ländern eine Solarthermie-Anlage zur Warmwassererwärmung oder auch als Teil eines Kombisystems installiert.

Wer installiert Solarthermie und warum?

Spannend: Die Roadmap berichtet dazu von einer Klassifizierung des Konsumenten durch die Karmasin Motivforschung (Karmasin, 2013). Demnach lasse sich der Konsument hinsichtlich seiner Kaufentscheidung in drei Gruppen einteilen:

  1. in eine Gruppe, die nur auf den eigenen Vorteil bedacht ist (33 Prozent, graues Tortenstück),
  2. in eine Gruppe, die bei Kaufentscheidungen ethisch handelt (28 Prozent, gelbes Tortenstück)
  3. und in eine Gruppe, die grundsätzlich an ethischem Konsum interessiert ist, aber erst motiviert werden muss (37 Prozent, rotes Tortenstück).

Grafisch umgesetzt sieht die Kategorisierung der Konsumenten so aus:

Konsumenten Ethik Kaufentscheidung Solarthermie

Daraus schließen die Roadmap-Autoren, dass die 20 Prozent Marktdurchdringung bedeuten könnte, dass große Teile der ethisch handelnden Konsumentengruppe (gelbes Tortenstück) bereits in der Vergangenheit „solarthermisch“ erreicht wurden. Sie empfehlen deshalb: „Für eine weitere Markterschließung würde es demnach notwendig sein, neue Technologievorzüge und Verkaufsargumente zu generieren, die auch ein Erreichen der beiden anderen Konsumentengruppen ermöglichen.“

Solarthermie-Installation bei Bestandsgebäuden rückläufig

Aufgefallen sei den Roadmap-Schreibern des Weiteren, dass der Anteil im Anwendungssegment Ein- und Zweifamilienhaus der jährlich installierter Solarthermie-Anlagen in Bestandsgebäuden (entweder als Einzelmaßnahme oder als Teil einer Sanierungsaktivität) zwischen 2008 und 2012 stark zurückgegangen sei. Sie liefern als Beleg folgende Zahlen: Im Jahr 2008 wurden noch 83 Prozent aller Solarwärmeanlagen in diesem Anwendungssegment an bestehenden Gebäuden (53 Prozent als Einzelmaßnahme und 30 Prozent als Teil einer Sanierungsaktivität) umgesetzt. Im Jahr 2012 waren es dagegen nur noch 50 Prozent (30 Prozent als Einzelmaßnahme und 20 Prozent als Teil einer Sanierungsaktivität).

Errichtung Solarthermie-Anlagen Neubau Bestandsbau

Fink und Preiß interpretieren diese Entwicklung so: Insbesondere im Bereich der Bestandsgebäude (trotz immenser Potenziale) hätten die Eigentümer mit Angeboten seitens der Solarwärmebranche nicht entsprechend erreicht werden können.

Und was ist bei Neubauten? Hier konstatieren die Autoren: „Die Errichtungen im Zuge eines Gebäudeneubaus sind zwar rückläufig, aber in wesentlich geringerer Dimension als sich dies bei den Bestandsgebäuden darstellt.“

Ein- und Zweifamilienhäuser: Einsatz von Solarthermie-Anlagen verschob sich leicht in Richtung reine Warmwasserbereitung

62 Prozent der 2008 installierten Kollektorfläche im Ein- und Zweifamilienhaus entfiel auf den Einsatz in kombinierten Systeme zur Warmwasserbereitung und Raumheizung (Kombisysteme) und 38 Prozent auf ausschließliche Systeme zur Warmwasserbereitung. Im Jahr 2012 sah das etwas anders aus: Die Aufteilung habe sich der Roadmap zufolge in Richtung reine Warmwasserbereitungsanlagen (44 Prozent) verschoben. 56 Prozent der Kollektorfläche wurden demzufolge in Kombisystemen installiert. Trotz dieser rückläufigen Tendenzen konnte in den letzten drei Jahren durch das „Sonnenhaus Österreich“ eine Initiative für hohe solare Deckungsgrade für Warmwasser und Raumheizung (> 50 Prozent) mit bisher rund 100 umgesetzten Gebäuden (im Wesentlichen Neubau) gestartet werden.

Solarthermie & der Rest der Anwendungen

Kurz noch die Zahlen für das Segment Mehrfamilienhäuser (drei und mehr Wohneinheiten bzw. Haushalte): Hier liegt die Marktdurchdringung mit Ende 2012 bei rund 6 Prozent, heißt es in der Roadmap – sprich: Von den 1,9 Millionen Haushalten in österreichischen Mehrfamilienhäusern nutzen 6 Prozent Solarwärme zur Warmwasserbereitung und/oder Heizungsunterstützung.

Für das Segment Wärmenetze, Gewerbe und Industrie schließlich hat die Roadmap folgende Übersicht ausgearbeitet:

Projekte in BruttokollektorflächeZu den grafisch erfassten Daten muss man wissen, dass im Bereich gewerblicher Anwendungen (Wärmenetzintegrationen, Prozessintegrationen, Dienstleistungsgebäude, Warmwasserbereitung und Raumheizung in produzierenden und landwirtschaftlichen Betrieben, Klimatisierung) der Markt zentral durch die Auflage eines speziellen Förderprogramms durch den Klima- und Energiefonds bestimmt wird, schreiben die Roadmap-Autoren Fink und Preiß. Das erstmals 2010 aufgelegte Förderprogramm adressiere ihnen zufolge Anlagen größer 100 m² in vier thematischen Anwendungssegmenten (seit 2013 erstmals fünf) und biete Förderquoten von maximal 50 Prozent der umweltrelevanten Mehrinvestitionen. Insgesamt wurden laut Roadmap in den vier bisherigen Förderausschreibungen 181 Projekte mit insgesamt 59.703 m² Bruttokollektorfläche eingereicht, die in der Grafik erfasst worden sind.

Deutlich werde an der Grafik, so heißt es weiter, dass rund zwei Drittel der Projekte unter 300 m² Bruttokollektorfläche lägen. Die meisten Einreichungen (jeweils über 60) entfielen demzufolge auf die Kategorien „Solare Einspeisung in netzgebundene Wärmeversorgung“ und „Hohe solare Deckungsgrade in Gewerbe und Dienstleistungsgebäuden (>20 Prozent)“.

Die Autoren der Roadmap weisen jedoch darauf hin, dass zu berücksichtigen bleibe, dass die sogenannte Drop-out-Quote (Differenz der eingereichten zu den schlussendlich umgesetzten Projekten) bei rund 25 Prozent liege.

Schließlich der Vollständigkeit wegen noch schnell die Roadmap-Zahlen zur den Wärmenetzen Österreichs: Bis Ende 2013 wurden 25 Wärmenetze mit einer solarthermischen Leistung größer als 300 kWth ausgestattet, schreiben Fink und Preiß hierzu. „14 Anlagen davon haben eine solarthermische Leistung von über 0,7 MWth. Insgesamt wurden seit 1995 bis 2013 knapp 35.000 m² Kollektoren in diesem Anwendungsbereich installiert. … Mehr als 15.000 m² Kollektorfläche speisen Solarwärme in österreichische Biomassenahwärmenetze.“

Nun aber genug der Zahlen und Fakten für heute. Doch ich habe noch mehr zu berichten, zum Beispiel Hintergrundwissen zu österreichischen Wärmegestehungskosten, ein Lieblingsthema von Conny. Doch das nur nebenbei. Bleibt also gespannt und dieser Serie treu!

Fotos: provid / photocase.de (Titel), AEE (5 Grafiken)

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