hans-josef-fell

Internationale Experten fordern stärkere staatliche Unterstützung für Solarthermie

In der Abschlusserklärung ihrer Jahrestagung (Solar World Congress 2017, kurz: SWC), die Ende Oktober/Anfang November in Abu Dhabi, Vereinigte Arabische Emirate (VAE) stattfand, forderten die mehr als 500 teilnehmenden Experten der International Solar Energy Society (ISES; auf Deutsch: Internationale Solarenergie Vereinigung), darunter auch der deutsche Politiker Hans-Josef Fell (Foto), eine Welt mit 100 Prozent Erneuerbaren Energien (EE). Um dieses Ziel zu erreichen, brauche insbesondere die Solarthermie eine wesentlich größere staatliche Unterstützung, so die Experten.

Die International Solar Energy Society habe mehr als 1.700 Mitglieder weltweit und sei damit die wohl größte ihrer Art. Auf ihrer vier Tage dauernden Jahrestagung unter dem Titel “Innovation for the 100% renewable energy transformation” (auf Deutsch: Innovation für eine 100 Prozent Erneuerbare Energiewende) haben die Tagungsteilnehmer das Thema Solarthermie in den Mittelpunkt ihrer Veranstaltungen gerückt. Eine komplette Liste der “Themes and Topics” findet ihr übrigens hier auf der Internetseite des Solar Welt Kongresses.

Ihr seht, mit den Punkten

  • Top 1 “SHC Systems and Components” (SHC steht für “Solar Heating and Cooling”, also “Solares Heizen und Kühlen”  “SHC Systeme und Komponenten”)
  • und Top 2 “SHC Applications” (“SHC Anwendungen”)

räumte man der Solarthermie viel Platz ein.

Der deutsche Politiker Hans-Josef Fell (Bündnis 90/Die Grünen), ehemaliger Abgeordneter des Deutschen Bundestages (1998 bis 2013) und Präsident der Energy Watch Group (EWG) war einer der Experten, die in Abu Dhabi tagten. Gegenüber der Presse sagte er nach dem Kongress:

“In diesem Jahr stand der Beitrag von solarer Wärme und Kühlung im Mittelpunkt der über 300 Vorträge aus über 50 Ländern.” In seiner Abschlussrede habe er “den politischen und technologischen Weg hin zu einer Welt mit 100 Prozent Erneuerbaren Energien” skizziert. Denn “genau diese Forderung” hätte Fell zufolge “auch im Mittelpunkt der Abschlusserklärung der Konferenz” gestanden.

In vielen Konferenzbeiträgen stellten demnach Forscher und Unternehmer ihre Arbeit an wichtigen Lösungsansätzen für den Beitrag der solaren Wärme heraus, darunter

  • Solarthermie-Kollektoren, die mit großen Wärmespeichern ganze Distrikte im Winter mit der solaren Wärme des Sommers heizen würden,
  • viele verschiedene Technologien, die solare Wärme zum Kühlen benutzen würden,
  • und konzentrierende Solarspiegel-Technologien (CSP), die Strom, Wärme, entsalztes Wasser oder chemische Prozesswärme bereitstellen würden.

Vielfach wurde beklagt, so berichtet der Politiker weiter, dass

“die politische Unterstützung und Wahrnehmung (der Solarthermie – Anmerkung der Redaktion) angesichts des großen weltweiten Erfolges der Fotovoltaik abnimmt.”

Solarthermie bekomme auch in Deutschland zu wenig staatliche Unterstützung

Demnach hätten auch die vielen aus Deutschland angereisten Forscher und Unternehmer festgestellt, dass solare Wärme und Kühlung gerade in Deutschland kaum mehr politische beziehungsweise staatliche Unterstützung bekomme.

Die stagnierende Nutzung von Erneuerbaren Energien im Wärmesektor seit 2010 sei laut Hans-Josef Fell dafür bezeichnend und sogar eine der Hauptursachen für das zunehmend dramatische Versagen Deutschlands beim Klimaschutz. Noch immer seien Öl- und Gasheizungen die dominante, aber eben auch viel CO2-emittierende Heizungstechnologie. Genau diese müssten von Erneuerbaren Energien abgelöst werden.

Welche innovativen Technologien dafür zur Verfügung stünden, das habe er auf dem ISES-Weltkongress Solar World verfolgen können, erklärt Fell. Dann fordert er, dass nicht nur in Deutschland, sondern weltweit die staatliche Unterstützung für Solarthermie massiv verstärkt werden müsse, damit parallel zur Fotovoltaik auch dieser technische Zweig der Erneuerbaren Energien stark wachsen könne: Eine Welt mit 100 Prozent Erneuerbaren Energien brauche genau auch die Solarthermie-Technik, die zusammen mit Wärmespeichern die Integration von allen Erneuerbaren Energien in allen Energiesektoren bestens befördern könne.

Webinar zu politischen Instrumenten für schnelles Durchdringen mit Erneuerbaren

In Abu Dhabi sei Fell auch von der International Renewable Energy Agency (IRENA) eingeladen worden, um ein Webinar zu den besten politischen Instrumenten für eine schnelle Durchdringung mit Erneuerbaren Energien zu erreichen.

Fast 300 interessierte Teilnehmer weltweit hätten sich Fell zufolge ins Webinar eingeschaltet und mitdiskutiert: “Im Mittelpunkt der Präsentationen von Diala Hawila vom IRENA Office und mir standen die neuesten gesetzlichen Entwicklungen. Insbesondere ist zu hinterfragen, ob der Wechsel weg von Einspeisevergütungen hin zu Ausschreibungen, wie er vor allem in Deutschland in den letzten Jahren vollzogen wurde, tatsächlich eine gute Entwicklung darstellt, so wie es von der deutschen Regierung, insbesondere von Staatssekretär Rainer Baake, unentwegt behauptet wird. In meiner Präsentation konnte ich herausstellen, dass damit keine schnellere Kostensenkung der Erneuerbaren Energien verbunden ist, stattdessen aber ein dramatischer Rückgang der Bürgerbeteiligung zu verzeichnen ist”, schreibt Hans-Josef Fell in der Erklärung zum Kongress auf seiner Internetseite. 

Neue Studie: 100 Prozent Strom aus Erneuerbaren Energien weltweit – ist machbar und kostet weniger als das heutige konventionelle Stromsystem

Auf der COP23, der 23. Weltklimakonferenz (wir berichteten), stellte die Energy Watch Group, der Hans-Josef Fell wie eingangs geschrieben als Präsident vorsteht, eine neue Studie vor, die in Zusammenarbeit mit der Lappeenranta University of Technology (LUT) zustande kam.

Die Studie liefere laut der zugehörigen Pressemitteilung “aufschlussreiche Ergebnisse”. Demnach schaffe ein weltweites Elektrizitätssystem, das komplett auf Erneuerbaren Energien basiere, Versorgungssicherheit zu jeder Stunde über das komplette Jahr und dabei auch noch kosteneffizienter als das aktuelle Stromsystem, das hauptsächlich auf fossilen Brennstoffen und Kernkraft basiere.

Die Schlüsselerkenntnisse der Studie könnt ihr hier nachlesen.

Das Potenzial Erneuerbarer Energien und die dafür notwendigen Technologien, darunter Stromspeicherungssysteme, sei in der Lage, Elektrizität effizient und sicher zu erzeugen und damit den weltweiten Strombedarf bis 2050 ganzjährig zu jeder Jahresstunde zu decken.

Die Simulation des weltweiten Energiesektors in dieser Studie sei bis zum Jahr 2050 durchgeführt worden. Es sei jedoch –  unter günstigen politischen Rahmenbedingungen – möglich, dass die Energiewende hin zu 100 Prozent Erneuerbaren Energien schon vor 2050 erreicht werden könne. Die mittleren Stromkosten für 100 Prozent Erneuerbare Energie im globalen Durchschnitt beliefen sich im Jahr 2050 auf 52 Euro pro Megawattstunde (Euro/MWh) (dies beinhalte Kosten für Abregelungen und Speicherung, sowie Netzkosten), im Vergleich dazu beliefen sich die mittleren globalen Stromkosten im Jahr 2015 auf 70 Euro/MWh.

„Eine komplette Dekarbonisierung des Elektrizitätssektors bis zum Jahr 2050 ist umsetzbar und dabei kostengünstiger als das heutige Stromsystem.” Das sagt Christian Breyer, Hauptautor der Studie, LUT Professor für Solarwirtschaft und Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats der Energy Watch Group.

Der Solarexperte bringt es auf den Punkt: “Die Energiewende ist nicht länger eine Frage von technologischer Umsetzbarkeit oder wirtschaftlicher Rentabilität, sondern eine Frage des politischen Willens.“ 

Word!

Foto: Hans-Josef Fell