Solarthermie – Teillösung der größten textilen Umweltsünde Jeans-Veredelung

Solarthermie und Jeans-Veredelung: Klimaneutrale Bio-Jeans aus Vietnam

Das Öko-Projekt Ha Nam, das ich übrigens ehrenamtlich betreue, hat in den vergangenen Jahren die weltweit erste, ökologische, chemiefreie und CO?-neutrale Jeans-Veredelung zur Produktionsreife gebracht. Und damit eine Alternative zur derzeit größten textilen Umweltsünde: die Veredelung von Blue-Jeans (Denim). Dabei wird Solarthermie als Prozesswärme genutzt, so dass die nach energetischen Aspekten ökologisch ausgerichtete Produktionsstruktur CO?-neutral funktioniert.

Hans-Jörg Hamann, enteickelte die ökologische Jeans-Veredelung und ist ein zeitgenössischer Künstler.

Hans-Jörg Hamann (69), Entwickler der weltweit ersten ökologischen Jeans-Veredelung und zeitgenössischer Künstler lebt und arbeitet in Vietnam.

Im Interview mit Ecoquent Positions erklärt Hans-Jörg-Hamann (69), der ehrenamtliche Kopf hinter dem Projekt, Entwickler, Teamleiter, Designer und Künstler, warum die Veredelung unser aller Lieblingskleidungsstück Jeans auch öko-korrekt, sozial und fair gestaltet werden kann – schließlich beweist er das derzeit in Vietnam, nahe der Hauptstadt Hanoi, tagtäglich.

Doreen Brumme für Ecoquent Positions: Hans-Jörg Hamann, bevor Sie detailliert schildern, wie Sie den Sündenfall Jeans-Veredelung umweltneutral und gesund gelöst haben, bitte ich Sie, unseren Lesern kurz zu erklären, warum die Jeans, jeder Deutsche hat nach Umfragen etwa acht Stück davon im Kleiderschrank, überhaupt ökologisch eine Katastrophe ist.

Hans-Jörg Hamann, Öko-Projekt Ha Nam: Die herkömmliche Veredelung von Textilien, es betrifft ja nicht nur die Jeans, wobei die Jeans eben das schlimmste Beispiel ist, verbraucht große Mengen an Energie – die aus Wettbewerbsgründen auf Kosten der Natur eingesetzt wird und die – und das ist Alltag in Textilproduzenten-Staaten – staatlich subventioniert wird.

Zum einen dreht sich das kreative Modekarussell immer schneller, zum anderen werden Textilien in so großen (Über)Mengen auf den Markt geworfen, dass dieser mehr als gesättigt und der tatsächliche Bedarf des einzelnen Verbrauchers an Textilien gedeckt ist. Allerdings ist der Wert der herkömmlich produzierten Textilien zu gering, um humane Arbeitsplätze zu finanzieren und gleichzeitig solche Technologien einzusetzen, die der Umwelt nicht schaden, sondern die umweltneutral funktionieren.

Ecoquent Positions: Energie und Abwasser – sind das die beiden größten Probleme, die die Textilindustrie der Umwelt macht?

Hans-Jörg Hamann, Öko-Projekt Ha Nam: Die heute verbreitete Textilveredelung frisst Energie, die vor allem als Prozesswärme benötigt wird. Sie wird in Asien oft staatlicherseits subventioniert, sonst könnte sie sich kein Textilunternehmer leisten. Hinzu kommen die Unmengen hochbelasteter Abwässer. Allein für die Veredelung von Jeans werden derzeit weltweit etwa 8.000 Chemikalien eingesetzt, teils hochgiftige wie Bleiche, Schwermetalle, Farbstoffe. Die Abwässer gelangen, und das weiß ich aus persönlicher Anschauung, leider oft ungenügend bis gar nicht geklärt in die Umwelt. Sie richten dort nachhaltigen Schaden an. Die Menschen in Asien leben Großteils von der Textilindustrie, sie werden ausgebeutet und bezahlen mit Lebenskraft und Lebensfreude. Es gibt für sie jedoch keine Alternativen zur Sicherung der Existenz als die Arbeitsplätze in der Textilfabrik.

Bio-Jeans (blue) des Öko-Projekts Ha Nam - 100 % ökologisch veredelt: chemiefrei, abwasserfrei und CO2-neutral

Ein Modell der weltweit ersten 100%-abwasserfrei und biologisch veredelten Bio-Jeans des Öko-Projekts Ha Nam.

Ecoquent Positions: Hans-Jörg Hamann, Sie haben sich Vietnam für Ihr Entwicklungsprojekt gewählt. Warum?

Hans-Jörg Hamann, Öko-Projekt Ha Nam: Über drei Jahrzehnte habe ich in Europa bereits intensiv Ökotechnologien für die textile Veredelungsbranche entwickelt, die ihren praktischen Weg bis in die großen Handelskonzerne gefunden hatten. Um mich der größten ökologischen Herausforderung zu stellen, das ist im Textilbereich nun einmal die Jeans, musste ich nach Asien gehen, wo die Jeans tatsächlich herkommt. Ich kenne viele asiatische Staaten, aber die Mentalität der vietnamesischen Menschen gefällt mir am besten und ich arbeite hier mit Einheimischen Fachkräften Hand in Hand. Ich lebe mitten unter ihnen.

Ecoquent Positions: Ist Solarthermie ein Thema in der Textilbranche in Vietnam?

Hans-Jörg Hamann, Öko-Projekt Ha Nam: Aus meiner Sicht wird der Asiate in die zurzeit bestehende Solarthermie nicht investieren. Er baut billig und schnell, verdient wird an der  Ausbeutung einheimischer Arbeiter und Natur, die Ausbeutung geht nicht zu Lasten des Kunden! Die schnelllebigen Modeeffekte, die zum größten Teil mit immer wieder neuen Ausrüstungstechniken erzielt werden, erzeugt man oft mit chemischen Hilfsmitteln. Der Ausrüster hat dadurch häufig ungelöste Entsorgungsprobleme, für die er verantwortlich ist. Der Staat hilft mit der Subventionierung von Wasser und Strom, damit der hohe und stetig wachsende Bedarf an Arbeitskräften und somit die Grundbedürfnisse der Menschen hier gedeckt werden. Zukunftslösungen sind das nicht. Profitieren tut letztendlich der Verbraucher, selbst derjenige, der billige Klamotten kauft.

Ecoquent Positions: Was macht das Öko-Projekt Ha Nam ökologischer?

Hans-Jörg Hamann, Öko-Projekt Ha Nam: Alle bisherigen Errungenschaften der Textilindustrie führten aus technologischen und/oder finanziellen/wirtschaftlichen Erfordernissen nicht zum Ziel, das da heißt: umweltneutrale Produktion unter sozial fairen und gesunden Arbeitsbedingungen.

Aus diesen Erkenntnissen resultieren unsere Innovationen, Entwicklungen und Entdeckungen, die vor allem finanzierbar sind. In der Solarthermie steckt aus meiner Sicht viel mehr, wenn sie in ihrer Beschaffenheit und Wirkungsweise mit der vorgesehenen Prozesstechnologie und mit der Gebäudetechnik gemeinsam in Einklang gebracht wird.

Am besten geht das, wenn man neu bauen kann, was aber in der Regel nicht der Fall ist. Der Bedarf an Prozessenergie ist in der Textilbranche riesengroß, doch er darf nicht teuer sein. Dann würde das System zusammenbrechen. (Das würde es übrigens auch, wenn die Verbraucher den Forderungen von Umweltschützern nachgäben und keine Kleidung mehr anschaffen würden). Selbst die billigen Fabrik-Module aus China können keine kurzfristige Finanzierung erreichen.

Ecoquent Positions: Kurze Zwischenfrage: Wie sieht eine gewöhnliche Textilfabrik in Vietnam/Asien denn aus?

Hans-Jörg Hamann, Öko-Projekt Ha Nam: Gewöhnlich wird schnell eine billige Leichtbauhalle hingesetzt: Beton-Bodenplatte mit Fliesen drauf – das ist billiger als Versiegelung, Beton-Stahlstempel als seitliche Stützen, dazwischen Betonsteine mit Putz und riesigen Ventilatoren, mindestens zwei Meter im Durchmesser, die den künstlich erzeugten Feuchtigkeitsschleier bis zur anderen Wandseite durchblasen. Das soll den in dem „Bunker“ arbeitenden Menschen Kühle bringen.

Dann kommt ein dunkles Leichtbauwellblechdach drauf, häufig ohne Isolierung. Die Großventilatoren kämpfen ohnehin gegen die Hitze an. Meist vorgeschaltet ist das Verwaltungsgebäude in besserer Ausstattung, wo die Klimaanlagen während der Arbeitszeit ohne Unterbrechung laufen. Werden sie ausgeschaltet, wird man binnen 10 Minuten enorm schwitzen. (In Vietnam herrschen übers Jahr zwischen 25 und 30 Grad Celsius, im Sommer sind 40 Grad Alltag, die Luftfeuchtigkeit ist stets erhöht – Anmerkung: Ecoquent Positions.)

Wegen der lichtundurchlässigen Dächer ist es in der Halle rund um die Uhr dunkel. Man kann auch nicht durch ein Fenster raus schauen, um die Augen oder die menschliche Psyche zu entlasten. Die technische Maschinenausstattung ist im Allgemeinen gut. Viele Tausende solcher Industriehallen wurden so gebaut.

Ecoquent Positions: Und Sie bauen Ihre öko-korrekte Jeans-Traumfabrik anders?

Hans-Jörg Hamann, Öko-Projekt Ha Nam: Unser, ich nenne es „asiatisches Solarthermie-Innovationspaket“, ist Grundstein unserer umweltneutralen Textilveredelung. Wir bauen eine ökologische Produktionslinie ganz ohne Abwasservorrichtungen (siehe Bauskizze), da bei uns kein Abwasser anfällt, die zugleich Teil der Halle an sich ist.

Ecoquent Poitions: Wie nutzen sie die Solarthermie konkret als Prozesswärme zur ökologischen Veredelung Ihrer Textilien?

Hans-Jörg Hamann, Öko-Projekt Ha Nam: Das typisch vorhandene Wellblechdach und die vorhandene Blechwelle mit der entsprechenden Dachneigung bekommt bei uns eine konkrete sonnenthermische und technisch steuerbare Funktion, die dazu führt, dass die abgegebene Wärme über einen Wärmetauscher unterhalb der Dachhaut den zentralen Speicherblock für den gesamten Prozesswärmebedarf permanent mit aufheizt. Die Wellen werden mit strahlungsverstärkenden, technischen Füllgütern angereichert. Die Wandaußenseiten werden für einen wirkungsvollen Windstau verändert, wobei die entstehende „Wärmeglocke“ ebenfalls zum Wärmetauscher geführt wird. Die Steuerung wird durch Wärmefühler geregelt.

Der Wärmekreislauf ist bei uns geschlossen. Wir führen keine Wärme ab. Dennoch sind in der Halle dank der Fenster in Dach und Wänden angenehme Arbeitsverhältnisse. Die Wärme-Technologie erfüllt zwei wichtige Funktionen:

  1. Die aufsteigende Wärme heizt den Zentralspeicher, der auch die Kreislaufflotten mit der jeweils benötigten Prozesswärme bedient, die dank unserer Kopplungsstrategien jedoch erst gar nicht kalt werden und deshalb nur noch mit einer Differenztemperatur von wenigen Grad aufgeheizt werden müssen.
  2. Die absteigende Wärme, die auch die ganze Nacht zur Verfügung steht, nutzen wir für  wasserreinigende Kondensierungen. Das ist eine unserer Innovationen: Herkömmliche Textilveredler müssen das Flottenwasser entsorgen, weil sie die darin gelösten textilen Hilfsmittel (häufig auch Chemikalien wie Farbe, Bleiche) für den folgenden Bearbeitungsschritt loswerden müssen. Wir lassen das Wasser kondensieren und greifen unsere biologischen, ess- und trinkbaren Hilfsmittel ab und nutzen sie für das Malen wertvoller Gemälde.

Ecoquent Positions: Das heißt, Sie setzen zur Veredelung der Stoffe keine Chemikalien ein?

Hans-Jörg Hamann, Öko-Projekt Ha Nam: Nein, nur rein biologische Hilfsmittel. Die haben wir eigens hierfür entwickelt. Am Ende der Veredelung mache ich daraus Farbsubstanzen und damit male ich zeitgenössische Öko-Gemälde, deren Erlös dem Öko-Projekt zugutekommen soll.

Unter die Haut - Hans-Jörg Hamann, 2013

Unter die Haut – ein Gemälde des zeitgenössischen Malers Hans-Jörg Hamann,  gemalt mit recycelten Farben aus der weltweit ersten ökologischen Jeans-Veredelung. Preis: 1.960 Euro.

Ecoquent Positions: Kann man die Gemälde des Malers Hamann irgendwo schon sehen?

Hans-Jörg Hamann, Öko-Projekt Ha Nam: Ja. Wir haben derzeit eine Dauerausstellung im Historischen Wasserschloss Hülsede. Auch im Internet findet man meine zeitgenössischen Gemälde. Ab Mai stelle ich in Zeulenroda in Deutschlands erstem EMAS-zertifizierten Bio-Seehotel aus. Parallel läuft eine Ausstellung von mir in Shanghai. Den Erlös der Bilder stelle ich dem Entwicklungsprojekt zur Verfügung – wir freuen uns auf interessierte Kunstliebhaber.

Hans-Jörg Hamann, was ist Ihre Zukunftsvision, wenn Sie den Welttextilmarkt betrachten?

Hans-Jörg Hamann, Öko-Projekt Ha Nam: Ich arbeite seit vielen Jahren an einer umweltneutralen Lösung, viele meiner biologischen Technologien sind in Europa und den USA patentiert. Mit dem Öko-Projekt Ha Nam ist es mir und meinem Team erstmals gelungen, den kompletten textilen Veredelungsprozess ökologisch zu gestalten. Noch arbeiten wir im Labormodus. Ich wünsche mir einen oder mehrere ökologisch ambitionierte Sponsoren, die zum Beispiel auch den Aspekt der Energienutzung, insbesondere der Solartthermie, unseres Öko-Projekts Bio-Jeans und Gemälde als so wertvoll erachten, dass sie mit uns kooperieren möchten.

Sobald wir eine wie eben beschrieben ökologische Produktionshalle, die in Vietnam in einer Miniversion etwa 100.000 Euro kosten würde, aufgestellt haben, sind hier nicht nur gerechte, humane und gesunde Arbeitsplätze geschaffen, sondern eine Modellfabrik für umweltneutrale Textilveredelung inmitten des textilen Sündenpfuhls Asien. Eine Fabrik, die ökologisch veredelte Bio-Jeans produziert, die bezahlbar sind. Zum ersten Mal weltweit.

Ecoquent Positions: Hans-Jörg Hamann, vielen Dank für das Gespräch!

Doreen Brumme & das Öko-Projekt Ha Nam – in eigener Sache:

Bei meinem ersten Auftritt auf diesem Blog habe ich es bereits erwähnt: Ich unterstütze des Öko-Projekt Ha Nam ehrenamtlich. Wer also Interesse hat, Sponsor zu werden, meldet sich bitte bei mir. Auch über Interessenten an den Gemälden (Kauf oder Ausstellung) oder der Mode freuen sich alle Beteiligten des Öko-Projekts Ha Nam. Für den Markteintritt der Bio-Jeans und Oberteile sucht das Projekt ab sofort Franchisenehmer in Deutschland, denen unter anderem eine komplett ökologische Ladeneinrichtung samt Ware geliefert wird – zu erstaunlich günstigen Preisen. Meldet Euch – die umweltneutrale Jeansproduktion ist keine Zukunftsmusik, sondern heute schon möglich.

Fotos: (4) Hans-Jörg Hamann, Öko-Projekt Ha Nam

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Ein Kommentar zu “Solarthermie – Teillösung der größten textilen Umweltsünde Jeans-Veredelung”

  1. Cornelia Daniel

    Hey Doreen, du solltest dieses Projekt unbedingt auch bei YesWeDo einstellen. http://ywd365.com/
    Für einen sehr geringen Beitrag werden da tolle Projekte vorgestellt, die auch noch mehr Aufmerksamkeit brauchen. Der Aufruf für die Franchisenehmer ist dort auch sehr gut aufgehoben. Ich hab da im Jänner mitgemacht und gleich einige Kooperationsanfragen für meinen Gestehungskostenrechner bekommen.

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