Klimawissenschaft und Klimawandelskeptiker – Wer darf nun Galileo "missbrauchen"?

Galileo Galilei Unterschrift

Was würde Galileo Galilei dazu sagen?

Als in unserer ecoquenten Redaktion die Frage gestellt wurde, was Galileo Galilei wohl zur Klimawissenschaft sagen würde, musste ich erst einmal tief durchatmen. Zum einen wegen der atemberaubenden Analogie, die Klimawandelskeptiker zwischen sich und Galileo Galilei entdeckt haben wollen. Zum anderen wegen der hohen Komplexität des Themas, angefangen bei Galileos Dialogo bis hin zum aktuellen Stand der Klimawissenschaft – der, ganz wie in unaufgeklärten Zeiten das heliozentrische Weltbild, immer wieder heftig diskutiert und angezweifelt wird.

Und sie erwärmt sich doch

Für neuen Zündstoff sorgte eine Publikation des deutschen Umweltbundesamtes (UBA): „Und sie erwärmt sich doch – Was steckt hinter der Debatte um den Klimawandel?“ Die gut 120 Seiten starke Broschüre greift die gängigsten Fragen und damit auch Gegenthesen rund um Treibhauseffekt und Klimaveränderung auf, wie zum Beispiel:

  • Was ist Klima?
  • Erwärmt sich die Erde wirklich?
  • Welche Rolle spielt das CO2?
  • Welchen Einfluss hat der Mensch?
  • Übertreiben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Gefahren?

Falls das Umweltbundesamt der Debatte damit ein Ende bereiten wollte, hat es nun wohl das Gegenteil erreicht. Denn die Broschüre bietet nicht nur einen guten, allgemeinverständlichen Überblick zum Stand der Klimawissenschaft (finde ich), sondern nennt auch einige Journalisten namentlich, welche für „Beiträge (…), die nicht mit dem Kenntnisstand der Klimawissenschaft übereinstimmen“ bekannt seien. Besagte Journalisten fühlen sich gemäß einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung als „amtlich unseriös“ gebrandmarkt und wollen gegen die UBA-Broschüre bzw. die strittigen Behauptungen klagen.

Harmonia Macrocosmica

Andreas Cellarius: Heliozentrisches Universum, aus: Harmonia Macrocosmica (1660/61)

Kirche und Konsens

Bereits vom 14. März 2013 datiert ein Beitrag auf der Klimaskeptiker-Seite der Organisation EIKE:

„Galileo Galilei wurde dafür verurteilt, dass er den damaligen Konsens der Kirche bestritten hat, dem zufolge sich die Sonne um die Erde dreht. Die Wissenschaft hat Galilei Recht gegeben und der Kirche Unrecht! Den IPCC-Konsens zur anthropogenen globalen Erwärmung wird unweigerlich das gleiche Schicksal ereilen.“

Der Titel der UBA-Broschüre – in Abwandlung eines Zitates, das Galileo zugeschrieben wird – mag eine Replik auf diese Aussage sein. Wer aber teilt nun wirklich Galileos Schicksal des unverstandenen Wissenschaftlers? Lassen wir uns die kühne Analogie einmal auf der Zunge zergehen: Galileo Galilei hatte das geozentrische Weltbild der katholischen Kirche in Frage gestellt – ein theologisch motiviertes Weltbild, das sich auf Macht und Glauben stützte, weit entfernt von einem wissenschaftlichen „Konsens“. Galileo hingegen war Wissenschaftler, und die Klimawissenschaft steht in seiner Tradition: Nämlich durch eigene Beobachtungen und Austausch mit anderen Wissenschaftlern Schlüsse über die Beschaffenheit der Welt zu ziehen.

Die Klimawissenschaft steht in der Tradition Galileo Galileis

Die regelmäßig erscheinenden Sachstandsberichte des von Klimaskeptikern häufig kritisierten Weltklimarates IPCC beispielsweise spiegeln den jeweils aktuellen Stand der Klimawissenschaft wider. Für mich sprechen im Moment sehr viele Anzeichen dafür, dass der allgemeine Konsens über die globale Erwärmung und ihre anthropogenen Ursachen in seinem Kern korrekt ist – zum Nachlesen der verschiedensten Positionen findet Ihr unten eine Reihe von Links.

Aber natürlich bin ich keine Wissenschaftlerin – und viele Klimaskeptiker sind es leider auch nicht. Über ihre Motive darf spekuliert werden. Manche sind einfach Lobbyisten, manche wissen es nicht besser. Außerdem haben Verschwörungstheorien immer Konjunktur – Provokation verkauft sich einfach gut. Und es gibt immer wieder neue Erkenntnisse, die weiter erforscht und in den richtigen Zusammenhang gestellt werden müssen.

Zweifeln und Diskutieren sind das A und O der Wissenschaft

Denn Zweifeln, Diskutieren und Neubewerten sind das A und O der Wissenschaft; speziell die Klima- und Klimafolgenforschung ist ein so komplexes Feld, dass einzelne Ergebnisse nicht einfach vor den einen oder anderen Karren gespannt werden dürfen. Vielmehr geht es darum, die Ergebnisse aus verschiedensten Forschungsgebieten zusammenzuführen.

Übrigens: Auch Galileo irrte. Er beharrte zeitlebens darauf, dass die Himmelskörper sich auf Kreisbahnen bewegen und nicht, wie wir heute wissen, auf Ellipsen. Die grundlegende Erkenntnis jedoch, dass die Erde um die Sonne kreist und nicht umgekehrt, wurde dadurch nicht berührt – die Wissenschaft entwickelte und verbesserte lediglich Galileos Modell.

Links und Quellen:

Titelbild: Galileo Galilei | wikipedia; Bild: Andreas Cellarius: Heliozentrisches Universum, aus: Harmonia Macrocosmica (1660/61) | wikipedia

Darf’s ein bisschen mehr sein? Passend zum Thema:
mal geteilt

Kommentar verfassen

Ihre Emailadresse wird nicht veröffentlicht.Pflichtfelder sind so gekennzeichnet *

Erlaubtes HTML <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>