Unser Handwerker des Monats, Dipl.-Ing. Arne Hagemann aus Hamburg, hat uns mit seinem zweiten Solarthermie-Lieblingsprojekt eine echte Hamburger Perle mitgebracht: das Hausboot „Schwan“ des Architekten Daniel Wickersheim, das seit 2014 auf dem Kanal am Norderkaiufer vor Anker liegt. Es wird mit einer Holzpelletheizung und einer Solarthermie-Anlage beheizt – die unser Handwerker des Monats unter anderem an Haus(boot)technik installierte. Lest hier alles Wissenswerte zum Hausboot mit Solarthermie.
Aus der Vorgeschichte des Hamburger Hausboots
Der Hamburger Bezirk Mitte bot nach der Aktivierung des Hochwasserbeckens im Mittelkanal fünf Liegeplätze für sogenannte Lieger an. Unter diesem Sammelbegriff werden in Hamburg
- sowohl schwimmende Häuser
- als auch Hausboote
verstanden. Ein Hausboot ist ein für Wohn- und Arbeitszwecke umgebautes Schiff. Der gesamte Bootskörper wird beim Hausboot entsprechend genutzt. Ein schwimmendes Haus ist dagegen ein Haus, das auf einem schwimmenden Ponton aufgesetzt wird.
So führte man 2003 einen Ideenwettbewerb durch, an dem via Internetforen jeder Bürger mitmachen konnte. Laut Aussage des Bezirksamts seien damals etwa 4.000 Umsetzungsideen eingereicht worden – die Wahl der Jury fiel auf den Beitrag „Schwimmende Häuser“.
2009 lobte das Bezirksamt dann fünf Liegeplätze aus. Im September des selben Jahres fanden die Vorprüfung und das Auswahlverfahren statt, im Oktober wurden die Preisträger ermittelt. Der Architekt Daniel Wickersheim, der seinen Entwurf eingereicht hatte, war einer von ihnen und durfte daraufhin den Antrag für ein Hausboot stellen. Inzwischen wohnt er seit 2014 auf seinem „Schwan“.
Mehr Infos dazu könnt ihr hier lesen:
- Genehmigungsleitfaden „Hausboote und schwimmende Häuser“ im Bezirk Hamburg-Mitte (PDF) mit sämtlichen Anforderungen an Lieger, von der Abwasserbeseitigung bis hin zur Bergeversicherung
- Ausschreibung Hausboote am Norderkaiufer
- Galerie der Entwürfe für die fünf schwimmenden Häuser am Norderkaiufer
Zur Lage des Hausboots
Das Norderkaiufer ist Teil eines Kanals im Hamburger Stadtteil Hammerbrook. Das Gewässer ist tideunabhängig und befindet sich in fußläufiger Entfernung zur Hamburger City und Hafencity. Wer mal dort einmal vorbeischauen möchte, steigt am besten bei der S-Bahn-Station Hammerbrook aus.
Das Hausboot „Schwan“
Wer sich ein Bild vom Hausboot „Schwan“ des Architekten Daniel Wickersheim, insbesondere des Interieurs, machen möchte, dem empfehle ich den ausführlichen Artikel „Houzzbesuch: Moin, moin! Ein Niedrigenergiehausboot legt in Hamburg an“ auf dem Portal houzz.de. Ich habe die wichtigsten Daten und Fakten daraus hier für euch zusammengefasst und mit Details ergänzt, die ich anderswo im Netz (siehe Links weiter unten) gefunden habe:
Das Hausboot „Schwan“ in Zahlen und Fakten:
- Hausbootherr: Architekt und Energieberater Daniel Wickersheim, Jahrgang 1973
- Wohnfläche: etwa 103 Quadratmeter, Länge: 22 Meter, Breite: 6 Meter
- Fußboden: Oberbelag: Eichenholzstäbchenparkett, darunter Trockenestrich aus Gipsfaserplatten, unter denen die Fußbodenheizung verlegt wurde
- Wärmeerzeuger Pelletofen: ivo.tec water + (mit Wassertaschen) von Wodtke, 20 Prozent gibt er als Raumwärme ab, 80 Prozent der Wärme fließen in den Paradigma-Pufferspeicher Aqua Expresso 550, der damit für Warmwasser sorgt und die Fußbodenheizung beschickt.
- Solarthermie-Anlage von Paradigma (2 x Vakuum-Röhren-Kollektoren Aqua Plasma, 19/34, á 3,35 Quadratmeter Bruttokollektorfläche) zur Warmwasserbereitung und Heizungsunterstützung.
- Stromerzeuger: Photovoltaik, der Strom wird in einem Akkuspeicher gepuffert. Etwa 50 Prozent solarer Deckungsgrad, die anderen 50 Prozent Strombedarf deckt der Hausbootherr mit Stromzukauf aus dem öffentlichen Netz.
- Lüftung: Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung.
- in Bug und Heck befindet sich jeweils eine Kajüte mit Terrasse, mittschiffs ist der Gesellschaftsraum mit Bereichen für Kochen, Essen und Wohnen (siehe Foto)
- Material: Stahlbeton (Schwimmkörper), von der für Hamburg zuständigen Prüfstelle DNV GL als wartungsfrei zertifiziert, Zinkblech (Außenhülle), Gipskarton (Innenverkleidung) und jede Menge Holz (Wickersheim ist gelernter Zimmermann)
- Für den Anschluss an das öffentliche Abwassernetz musste Wickersheim houzz.de zufolge einen Graben ausheben lassen – auf eigenes Geheiß und auf eigene Kosten. Neben der Abwasserleitung habe er demnach gleich noch Strom und Telekommunikationsleitungen in dem Kanal verlegen lassen. Das Abwasser werde mit einer Pumpe (Firma Jung Pumpen) vom Boot in die öffentliche Kanalisation befördert.
- Der Schwimmkörper aus Stahlbeton diene dem Hausbootherren als Keller und als Technikraum. Darin sind das Holzpelletlager für den Wodtke-Pelletofen untergebracht und auch der 550-Liter-Pufferspeicher Aqua Expresso von Paradigma. Ebenso der Akkuspeicher und die Lüftungsanlage.
- Der Schwimmkörper sei an sogenannten Dalben befestigt, das sind Pfeiler, die im Wasser stehen.
- Der Schwimmkörper ist eine wasserundurchlässige Wanne mit einer Betondecke als oberer Abschluss.
- Das Hausboot hat keinen Schiffsantrieb, ist trotzdem schwimmfähig und lässt sich mit einem Schleppkahn fortbewegen.
- Das Gerippe des „Schwans“ ist aus Holz und gleicht denen von alten Schiffkörpern. Die Außenhülle aus sogenanntem vorverwittertem Zinkblech wird von einer hinterlüfteten Holzverschalung gehalten.
- Die einzelnen Gefache der Holzkonstruktion, also die Zwischenräume zwischen den Holzbalken, wurden per Einblasdämmung mit Dämmmaterial gefüllt. Als solches kamen Zellulosefasern (Isofloc) zum Einsatz.
- Auf der somit 26 Zentimeter dicken Dämmschicht wurde zum Innenraum eine Dampfbremse verlegt, darauf kam dann die Innenraumverkleidung aus Gipskartonplatten. Dabei entstehende Fugen und Löcher für die Schrauben wurden verspachtelt, glatt gezogen und gestrichen.
- Insbesondere zur Wasserseite hin hat Wickersheim bodentiefe Fenster verbaut. Zur Uferseite haben die Kajüten und Bäder kleinere Fenster.
- Die lichte Höhe der Räume beträgt 2,30 Meter.
„Der Wohnkomfort ist wie bei einem Niedrigenergiehaus. Und was den Kohlendioxidausstoß angeht, erfüllt mein Hausboot sogar fast die Anforderungen an ein Passivhaus“, sagte Wickersheim gegenüber houzz.de.
- Jede Menge technische Zeichnungen, Entwurfsidee und Konzept findet ihr hier in einem PDF zusammengestellt.
- Technische Details zur Außenhülle aus Zink des “Schwans” liefert dieser Artikel, zur auffälligen Röhrenform aus einer Konstruktion aus gebogenen Holzbindern und dem Schwimmkörper steht hier ganz viel.
- Die Bild-Zeitung berichtete im Oktober 2016 über die Hausbootlage in Hamburg, vor allem über den “Schwan” von Daniel Wickersheim.
- Wer mehr zu dem Hausbootherren Daniel Wickersheim selbst lesen will, der die Kajüten des “Schwan” übrigens tage- und wochenweise vermietet, guckt mal hier in das Interview mit ihm. Zur Buchung des Schwan geht es hier lang.
Haus(boot)technik = Sache unseres Handwerkers des Monats
Unser Handwerker des Monats Arne Hagemann hat sich mit seinem Unternehmen, der Backhaus Solartechnik GmbH, um die Haustechnik des Hausboots “Schwan” gekümmert. Arne Hagemann schreibt dazu auf seinem Blog Homemade Energy: „Das Konzept der Energietechnik sollte dabei einen hohen Grad an Nachhaltigkeit erzielen. Holzpellets als CO2-neutraler Energieträger wärmen mit dem Ivo-Kessel von Wodtke über den Expresso-Speicher von Paradigma eine Fußbodenheizung. Eine heizungsunterstützte Solarthermieanlage mit Plasma-Hochleistungsröhren wurde auf dem Dach vom Hausboot installiert. Auch Photovoltaikmodule konnten optisch ansprechend in die Dachfläche integriert werden. Ein Stromspeicher von Varta ergänzt das Konzept ebenso wie die zentrale Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung von Zehnder/Paul.“
Die Solarthermie-Erträge und andere Heizenergiedaten des Hausboots
Nach dem Ertrag der Solarthermie-Anlage auf dem Dach des Hausboots “Schwan” befragt, antwortete uns unser Handwerker des Monats: Der Solarertrag sei seit zwei Jahren mit 2.800 kWh, also 233 kWh pro Quadratmeter der Aperturfläche vergleichsweise gering. Das läge laut Hagemann zum einen am späteren Einzug des Boothausherren und der damit verbundenen späten Inbetriebnahme im ersten Betriebsjahr. Zum anderen führe auch die fast waagerechte Installation der Anlage und ihre lagebedingte Ausrichtung nach Norden zu diesem Solarertrag. Zumal das Hauboot von hohen Häusern umgeben sei, die viel Schatten werfen würden. Mit diesem Solarertrag gelänge die Sommerunterstützung optimal. Den Rest müsse dann der Pelletofen an Wärme erzeugen: Hier seien laut Hagemann nur gut 600 Kilogramm Pellets pro Jahr nötig gewesen, um den Wärmebedarf (Heizung und Brauchwasser) neben der Wärme der Solarthermie-Anlage komplett zu decken. Dei vergleichsweise geringe Brennstoffmenge sei Hagemann zufolge der sehr guten Bauweise und der Lüftungswärmerückgewinnung zu verdanken. Arne Hagemann: “Somit hat der Hausbootherr auch wenig Arbeit für die Sackware für den im Wohnzimmer stehenden IVO-Pellets-Kessel von Wodtke.”
Fotos (2): Damian Poffet
Hallo,
ich finde es gar nicht wichtig, ob der Ertrag mit internen oder externen Wärmemengenzählern erfasst wird. Wie hoch wird wohl die Abweichung sein? Ich erinnere nur daran, dass für diesen solarthermischen Ertrag kein Kraftwerk irgendwo bereit gehalten werden muß.
Ein Beispiel: am 6.Januar hatten wir in Niederbayern -17°C Außentemperatur. Wir konnten laut Wärmemengenzähler (intern) 28 KWh aus 13,5 m² CPC mit Durchschnittstemperatur 65°C ernten.
Dabei ist mir gar nicht wichtig, ob das jetzt 25 oder 30 KWh geeicht sind. Wichtig war vor allem, dass ich den Holzofen 24 h lang nicht eingeheizt habe. Aktiver und passiver solarer Gewinne sei Dank.
Zum Spaß bin ich dann mal in die Neubausiedlung und habe bei den Nachbarn mit den Luftwärmepumpen geklingelt. Was denken Sie, was die Stromzähler dort wohl gemacht haben?
Die Kraftwerksbetreiber freuen sich, deren Geldsack wird dicker und dicker. Die Atommüllentsorgung bezahlt ja der Steuerzahler.
Unabhängigkeit und Energiewende sehen für mich anders aus.
Solange der Energiemix so ist, wie er im Moment ist und die Stromerzeugung so kartellmäßig organisiert bleibt, wird sich an den Verhältnissen nichts ändern.
Also Handwerker des Monats: Weiter so!!
PS: Ich werde im Frühjahr zum internen Wärmemengenzähler in der Solarstation einen geeichten externen einbauen. In den FBH-Kreis baue ich auch noch einen ein. Im Holzofenkreis ist bereits ein geeichter drin. Dann habe ich alle Verbraucher und Erzeuger erfasst. Schaun mer mal.
Freundliche Grüße
Jürgen Groll
Hallo Sonnenfreunde,
zum Hausboot und dem Wärmezähler…, einen zus geeichten Zähler gibt es nicht. Meiner Meinung nach, macht das keinen großen Sinn, bei so einer kleinen Anlage. Spürbar ist die Autarkie im Sommer, wenn der Pelletskessel im Wohnzimmer lange aus bleiben kann.
Im Vergleich, beim Energiebunker in Wilhelmsburg: Dort haben wir die Energiezählung von RitterXL im SystaSolarAqua-Regler und zum Vergleich einen geeichten Energiezähler. Interessant ist, der geeichte Zähler schreibt MEHR Ertrag auf.
Als Handwerker der 25 Jahre mit Sonne arbeitet…die Aqua Technik ist eine tolle Sache!
Schöne Grüße
Arne Hagemann von Backhaus Solartechnik GmbH
Guten Tag,
ich finde die neue Art zu Wohnen, sehr interessant,(Tinyhaus,Seecontainer,Hausboot)
Minimalistisch- mit Compost -Toilette und Solar -Panels…usw.
Meine Hausbank sagte…kein Kredit für bewegl. Immobilien.
Man kann es einfach nicht verstehen– das für ein Beton Bau eher Zuschüsse gezahlt werden als wie für ein Nachhaltiges Wohnen?
so ist es…
hat jemand Tipps für mich ? danke
herbert k.
Danke. Ist das Hausboot so ausgestattet, das man auch überwintern kann?