Der "Erfinder" des Kollektorertragslabels im Interview

Stefan Abrecht und die Aperturfläche bei Kollektoren

Heute haben wir wieder einen ganz besonderen Interviewpartner. Wir sprechen endlich auch mal mit Stefan Abrecht, dem Geburtsvater des neuen Kollektorertragslabels SOLERGY, dass die Branche derzeit in Bewegung gebracht hat. Wir haben hier bereits darüber berichtet und auch schon vor längerer Zeit ein Interview mit ihm über das schwierige Thema Aperturfläche veröffentlicht.

Herr Abrecht, ich möchte noch einmal einen großen Schritt in die Vergangenheit machen. Wie und warum entstand die Idee zu diesem Kollektorlabel?

Seit Juli 2014 beschäftige ich mich intensiv mit den EU Verordnungen 811 bis 814 und den damit verbundenen Themen Ökodesign und Labelling von Wärmeerzeugern und Heizungen. Dabei musste ich ungläubig zur Kenntnis nehmen, dass Sonnenkollektoren gemäß Verordnung nicht als Wärmeerzeuger gelten sondern nur in sog. Verbundanlagen als Effizienztechnologie die Einstufung von konventioneller Technik verbessern kann. Dieses Vorgehen stufte ich als schwerwiegenden Systemfehler ein, der dem eigentlichen Ziel der Verordnung, den Energieverbrauch bei Heizungen nennenswert zu senken, zuwiderläuft. Damit in Zukunft die umweltfreundlichsten und nachhaltigsten Wärmeerzeuger eine Chance haben, musste ich für die Kollektoren auch eine Bewertungsbasis schaffen, die es ihnen ermöglicht in einen Wettbewerb zu anderen Wärmeerzeugern einzutreten.

Wie lange haben Sie an dem Projekt gearbeitet, bis es wirklich das Licht der Welt erblickte?

Man kann die Evolution des Labels in verschiedene Abschnitte unterteilen. Zunächst die eigentliche methodische Ausarbeitung, die sich sehr eng an die EU-Verordnung anlehnt, und die sich auch seither nicht mehr geändert hat, dauerte bis September 2014. Sie enthielt auch bereits ein erstes Layout des Etiketts. Eine erste interne Präsentation, der Möglichkeit eines Kollektorertragslabels fand so viel Zuspruch, dass ich beschloss, daran weiterzuarbeiten. Im Dezember wurden dann Fachartikel in der „Sonnenenergie“ und der „Sonne Wind Wärme“ veröffentlicht, dem weitere in der „SHT“ und „Sun Wind Energy“ im Frühjahr 2016 folgten. Beim 25. Symposium Thermische Solarenergie in Bad Staffelstein hielt ich dann einen Vortrag zum Thema. Mit der Firma Ritter Energie- und Umwelttechnik präsentierte dort zum ersten Mal ein Kollektorhersteller das Kollektorertragslabel. Dies war auch die Geburtsstunde des Labels, denn viele andere Hersteller zeigten Interesse und schlossen sich zu einer Brancheninitiative zusammen.

Warum ist es so wichtig für die Branche?

Obwohl die Verbraucherverbände die EU-Effizienzlabel für Heizungen aufgrund der geringen Aussagefähigkeit und Differenzierung scharf kritisieren, wird der Endverbraucher diesem Labels schon allein aufgrund der Bekanntheit Vertrauen schenken und seine Kaufentscheidungen daran orientieren. Als solarer Wärmeerzeuger kein eigenes Label zu besitzen ist damit für Kollektoren schon fast das Todesurteil, denn niemand wird verstehen, warum gerade die umweltfreundliche Sonnenwärme eine solche Auszeichnung nicht bekommt. Schlimmer aber noch ist, dass die Solarthermie ohne eigenes Label in der Kundenwahrnehmung völlig untergeht. Betroffen sind natürlich insbesondere die Solarspezialisten, die keine Kessel anbieten können und somit nicht mit A+ und A++ Labels glänzen können. Aber auch innovative Firmen ärgern sich darüber, dass die rechnerische Behandlung der Solarthermie im Verbundlabel mehr oder weniger eine Gleichmacherei unter den Techniken darstellt und darüber hinaus mit erheblichen Fehlern belastet ist. Das Kollektorertragslabel wird dem Kunden die Solarthermie wieder als die erneuerbare Wärmetechnik mit dem größten Potential nahebringen.

Wenn Sie das Label in wenigen Sätzen erklären müssten, wie lauten diese?

Basierend auf der weltweit anerkannten Solar Keymark Zertifizierung werden anhand des Referenzwärmeertrages bei einer Temperatur von für 50 °C am Standort Würzburg zunächst Jahreswirkungsgrade für die Kollektoren bezogen auf die Kollektorfläche ermittelt. Anhand dieser Wirkungsgrade und einer Tabelle, die methodisch an die EU-Verordnung angelehnt ist, erfolgt dann die Eingruppierung in die verschiedenen Ertragsklassen. Auf dem Label sind neben den Herstellerangaben und der Bruttogröße das Temperaturniveau, die Ertragsklasse sowie konkret der Referenz-Wärmertrag des Moduls an 3 Standorten in Europa angegeben. Kurz gefasst könnte man auch sagen, das Kollektorertragslabel ist die Essenz der Solar Keymark Zertifizierung verständlich und transparent aufbereitet für den Endkunden. Es beantwortet die Fragen: Wie gut nutzt der Kollektor die verfügbare Dachfläche, und welches maximale Ertragspotential ist verfügbar.

Da es diesbezüglich oft Verwirrung gibt: Wie unterscheidet sich das Kollektorertragslabel vom verpflichtenden ERP Label für Heizungssysteme?

Vergleich ERP Label und Kollektorertragslabel

Vergleich der beiden Labels. Beim Kollektorertragslabel handelt es sich um ein derzeit frewilliges Label und kein von der EU verordnetes.

Da Kollektoren im Verhältnis zur erzeugten Wärme praktisch keine Primärenergie benötigen, gibt es keine „schlechten“ Kollektoren. Man findet daher auch keine roten Pfeile, wie von den schlechten Kategorien des ErP Label bekannt sondern nur grüne. Die nachhaltige Ausrichtung zeigt sich daran, dass die Pfeile nach links zeigen und nicht wie bei ErP nach rechts, in Richtung Primärenergieverbrauch. Wichtigster Unterschied ist aber, dass es hier nicht um Effizienz d.h. weniger Energieverbrauch (je kürzer die Pfeile desto besser) sondern um mehr Ertrag geht (je länger die Pfeile desto besser). Darüber hinaus wurden im oberen Segment zwei weitere Klassen (AA und AAA) eingeführt. Das liegt einerseits daran, dass die heutige sehr gute Kollektortechnologie bereits bei A++ beginnt und gegenüber herkömmlicher Wärmepumpentechnologie bei der Bewertung nicht schlechter gestellt werden darf und andererseits daran, dass moderne Kollektortechnologie über die bekannten Klassen hinaus ein Ertragspotential hat, das genutzt werden kann z.B. bei hohen Deckungsraten oder auch wenn nur kleine Flächen zur Verfügung stehen.

Es gibt in der Branche durchaus auch Gegner gegen das Label. Warum sträuben sich manche dagegen?

Ich bin überzeugt, dass das Label innerhalb der Solarthermiebranche keine echten Gegner hat. Denn, um ein ernstzunehmender Gegner zu sein, bedarf es schon einer Reihe guter Argumente. Allerding gibt es Vorbehalte vor allem deshalb, weil das Label erstmalig Transparenz für den Endkunden schafft. Das Label ist eben kein reiner Werbeträger ohne inhaltliche Aussage. Einige Firmen wünschen sich daher vielleicht eher weniger Differenzierung. Auch große Firmen sogenannte Vollsortimenter mit eher geringem Solaranteil verkaufen i.d.R. den Kollektor ohne großen Aufwand und Verantwortung im System mit. Sie haben daher in den letzten Jahren trotz rückläufiger Verkaufszahlen zu Lasten von Solarfirmen profitiert. Ein Label ermöglicht dem Endkunden nun einen echten Vergleich über den Horizont der „Heizungs-Hausmarke“ hinaus. Das gefällt zwar den Verbraucherverbänden aber eben nicht allen Herstellern. Am Ende geht es aber darum, dass die Solarthermie endlich den Platz einnehmen muss, der ihr auch zusteht. Das geht aber nur, wenn die Hersteller Verantwortung für ihre Produkte übernehmen und ehrlich zeigen, was sie können. Natürlich gibt es auch ein paar Nostalgiker, die glauben, dass die Solarthermie per se gut ist und man daher keine Differenzierung benötigt. Der Endkunde hat dieser Fehleinschätzung aber längst die rote Karte gezeigt indem er sich in den letzten Jahren von der Solarthermie abgewandt hat.

Welche Chancen erhoffen Sie sich für die Branche?

Das Kollektorertragslabel wird der Solarthermie eine Identität geben, die es ermöglicht in den Wettbewerb mit anderen Wärmeerzeugungstechnologien aber auch mit sich selbst einzutreten. Dieser Wettbewerb war über viele Jahre hinweg auch aufgrund einer unerträglichen Gleichmacherei bei der Förderung quasi außer Kraft. Das Label ist also nicht zuletzt auch ein Schutz für die Branche und den Endkunden vor ertragsschwachen Billigprodukten. Leider hat dieses innovationsfeindliche Klima auch dafür gesorgt, dass viele Endkunden heute unter Solarwärme das Verheizen von PV Strom mittels Heizstab verstehen. Das wird sich aber schnell ändern, wenn die Kunden sehen, dass man im Vergleich mit der PV mindestens die 3 fache Menge an Energie vom Dach holen und sich ein gutes Stück Unabhängigkeit verschaffen kann. Das Label gibt innovativen und verantwortlichen Firmen die Möglichkeit sich korrekt zu positionieren und unsinnige Versprechen oder Werbeaussagen anderer zu entlarven. Die Spreu vom Weizen zu trennen heißt aber auch für Branche, das Label ist kein Ruhekissen sondern Ansporn besser zu werden.

Derzeit ist das Label eine freiwillige Angelegenheit ausgewählter Hersteller. Wann erhoffen Sie sich eine Einführung bei allen Herstellern? 

Da muss ich zunächst heftig widersprechen. Es handelt sich hier nicht um ausgewählte Hersteller sondern die Firmen sind aktive Teilnehmer der Brancheninitiative für ein Kollektorertragslabel. Sie haben in einer sehr konstruktiven Atmosphäre gemeinsam das Für und Wider diskutiert und sich am Ende mit großer Mehrheit für die von mir entwickelte Methodik und das Kollektorertragslabel entschieden. Als Pioniere gehen sie diesen Weg gemeinsam, auch wenn Bedenkenträger unermüdlich die Gefahren der Verunsicherung des Marktes hochstilisieren und subtil immer wieder rechtliche Bedenken anmelden. Wer als Solarfirma überleben will, muss heute Farbe bekennen, diese Firmen haben das erkannt. Es wird also eher nicht die Frage sein, ob sondern wann die anderen Firmen nachfolgen werden. Es herrscht derzeit insgesamt eine große Verunsicherung, sodass viele erst mal abwarten werden, was passiert. Große Heizungshersteller werden erst dann folgen, wenn die Wirkung beim Endkunden einsetzt. Ihre Hoffnung ist insgeheim noch, dass das Label ein Flop wird. Es ist allerdings sehr unwahrscheinlich, dass dies eintritt. Denn auch wenn der Hersteller selbst nicht freiwillig kennzeichnet, wird es Vergleichsmöglichkeiten für alle Kollektoren geben. Aktuell haben erzkonservative und rückwärtsgewandte Kräfte noch die Darstellung von spezifischen Kollektorerträgen auf der BAFA Seite und damit eine Endkundentransparenz verhindert, dies wird auf Dauer aber nicht mehr möglich sein. Jeder weitere Unterstützer des Labels wird die Akzeptanz verbessern und den Druck auf die Verhinderer erhöhen. Im Übrigen ist das Label ja europaweit geplant und Hersteller aus dem Ausland warten bereits, um das Label ebenfalls einführen zu können. Sonnenklar ist aber auch, dass ertragsschwache Produkte sicher nicht freiwillig gelabelt werden. Das ist auch gar nicht notwendig, denn der Endkunde ist sicher so schlau, dass er Produkten ohne Label sehr skeptisch gegenübersteht, sofern er sich überhaupt damit auseinandersetzen will.

Vielen Dank für dieses ausführliche Interview. Ich denke, es wird auch hier wieder eine spannende Diskussion entstehen und ich habe nun auch wieder einige Denkanstösse, dich ich gern in einem weiteren Artikel verarbeiten möchte.

 

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