Deutschland im Modernisierungsstau: Dino-Heizung statt Digi-Heizung

Modernisierungs-Stau bei deutschen Heizungen

17,6 Jahre – so alt ist laut einer Studie des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) eine Heizungsanlage in Deutschland im Schnitt. Mehr als ein Drittel der Heizungen, ist demnach vor 1995 eingebaut und damit älter als 20 Jahre. Eine alte Heizung heizt weit unter dem höchst effizienten Niveau, das bei modernen Heizungen längst Standard ist. Eine Dino-Heizung verbraucht dabei mehr Energie und erzeugt zugleich auch deutlich mehr CO2-Emissionen als neuere Geräte. Das ist kein Geheimnis. Dass eine alte Heizung viel mehr Geld verheizt als nötig wäre, um die Bude warm zu bekommen, sollte sich auch herumgesprochen haben. Oder etwa nicht? Ich mache mich hier auf die Suche nach einer Antwort auf die Frage, warum die Dino-Heizungen in deutschen Heizungskellern nicht aussterben.  Kommt ihr mit?

Seit Jahren kritisieren Experten den Modernisierungsstau, der offensichtlich in deutschen Heizungskellern herrscht. Die Gründe dafür sind vielfältig.

Politik verantwortlich für Modernisierungsstau

Es liegt an Bund und Ländern und deren Energiepolitik. Dazu zwei Expertenstimmen:

“Die Ergebnisse (der eingangs genannten Studie aus dem Jahr 2014 – Anmerkung der Redaktion) zeigen deutlich, dass das Alter von Heizungsanlagen in Deutschland bedenklich ist. Der Wärmemarkt muss – um unsere Klimaschutzziele zu erreichen – endlich stärker in den Fokus rücken. Das immense Potenzial, das zur Senkung von CO2-Emissionen und zum Energiesparen beispielsweise bei der energetischen Gebäudesanierung vorhanden ist, muss entschieden von Bund und Ländern angegangen werden”, sagte Hildegard Müller, Vorsitzende der BDEW-Hauptgeschäftsführung, als die eingangs genannten Daten der Öffentlichkeit präsentiert wurden.

„Die Ursache liegt in einer verfehlten Landespolitik. Denn bislang passen die Bemühungen, veraltete Heizungsbestände in Deutschland abzubauen, und der tatsächliche Handlungsbedarf in den jeweiligen Bundesländern mit hohen Altbeständen, kaum zusammen. So verzeichnen gleich mehrere Bundesländer mit sehr hohen Altbeständen eher moderat zurückgehende Altanlagenzahlen, wohingegen Bundesländer mit niedrigeren Altbeständen deutlich mehr Altanlagen in einem Jahr außer Betrieb genommen haben. Aufeinander abgestimmt zeigen sich hohe Abbau-Quoten und hohe Altbestände nur in zwei der sechzehn Bundesländer. Dass Deutschland in seinen Heizungskellern einen bereits seit langem andauernden Sanierungsstau vor sich herschiebt, ist jedoch nichts Neues. So wird immer wieder berichtet, dass zwar ein Großteil der Deutschen Heizungsbesitzer Heizöl- oder Gas einsparen wollen, in der Praxis dann aber doch nur ein geringer Bruchteil tatsächlich auch die Heizung erneuert. Als Grund für diese Diskrepanz führen die meisten an, dass sie keinen Anlass zu Sanierungsarbeiten an ihrer Heizungsanlage sehen, solange diese noch funktioniert.“ Diese Einschätzung veröffentlichte der Energie-Experte Robert Doelling unter dem Titel „Deutsche heizen wie in der Steinzeit“ hier.

Nun will ich hier nichts beschönigen. Ganz klar sind die deutschen Bundes- und Länderpolitiker hier am Steuer, um die Energiepolitik zu wenden. Dennoch möchte ich das Augenmerk auch in Richtung Verbraucher lenken, denn der sitzt schließlich mit im Boot und rudert. Der letzte Satz, den der eben zitierte Robert Doelling schrieb, spricht hier für sich: Demnach sähen die meisten Heizungsbetreiber keinen Anlass, ihre Heizungsanlage zu sanieren, solange diese noch funktioniere.

Verbraucher verantwortlich für Modernisierungsstau

Ist das tatsächlich so? Never change a running Heizungssystem? Auch nicht, wenn die Sanierung eine meist satte Ersparnis plus grünes Gewissen brächte? Nun, wie der deutsche Heizungsbetreiber denkt, das habe ich kürzlich in meinem Artikel „Wie die Deutschen 2016 heizen – und wie sie gerne heizen würden“ gezeigt. Laut der darin vorgestellten  Studie würden sich bei freier Wahlmöglichkeit immerhin mehr als ein Viertel der Verbraucher für das Heizen mit regenerativer Solarthermie entscheiden. Die Betonung liegt auf: „bei freier Wahlmöglichkeit“. Wer oder was schränkt des Verbrauchers freie Wahlmöglichkeit eigentlich ein?

Und klar, selbst wenn die möchte-gern-mit-Solarthermie-Heizer mehr als ein Viertel der Verbraucher ausmachen und die Zeichen der Zukunft in Sachen Wärmeversorgung sehen – was ist mit dem Rest? Blind vor kuscheliger Wärme?

Zumal dieselbe Studie von TopTarif und °Thermondo auch zu dem Ergebnis kam, dass der Großteil der Befragten (42,3 Prozent) den Energieverbrauch, der sich mit einem Heizungswechsel einsparen ließe, auf ein Fünftel bezifferten. Ein Fünftel weniger Heizkosten – das ist doch mal eine klare Hausnummer. Und 42,3 Prozent  – das ist fast jeder Zweite! Oder sollte ich doch besser schreiben, dass das noch nicht mal jeder zweite sei?

Es liegt offensichtlich am fehlenden Wissen um die mögliche Ersparnis, die die Heizungsmodernisierung brächte. Auch über die höhere Umweltfreundlichkeit neuer Heizungen wissen manche Verbraucher wohl nicht genug Bescheid. Gleichwohl die Befragten dieser Studie die gute Ökobilanz ihrer Heizung noch vor einem günstigen Anschaffungspreis als eine Sache nannten, die sie an ihrer Heizung schätzten. (Manchmal möchte ich den Befragten hier unterstellen, “GRÜN” anzukreuzen, weil es sich zumindest theoretisch so gehört.)

Halten wir fest: Nicht jeder Verbraucher weiß um die Nachteile einer alten Heizung. Nicht jeder kennt die Vorteile einer neuen. Darum saniert Deutschland seine Dino-Heizungen nicht.

Heizungsmodernisierung nach 20plus Jahren bedeutet technologische Transformation von analog zu digital

Die Sache mit der Heizungsmodernisierung ist die: Wer heute nach 20plus Jahren Betrieb seine Dino-Heizung modernisiert, hätte die Chance, eine alte Gas- oder Ölheizung nicht nur mit einer neuen Gas- oder Ölheizung zu ersetzen, was in der Tat schon ein Fortschritt wäre. Nein, er könnte sogar ganz weg vom fossilen Energieträger und hin zu regenerativer Energie wechseln. Ein großer Schritt für den einzelnen Heizungsbetreiber, der unter anderem ein Herz braucht, das für die grüne Umwelt schlägt.

Zumal der Wechsel nicht nur den Energieträger beträfe. Nein, auch die Technik selbst ist nicht mehr vergleichbar: Während die alte Heizung analog ihre wärmenden Dienste tat, will die neue digital gesteuert werden. Das wiederum braucht Verbraucher, denen die digitale Welt nicht wie Neuland vorkommt. Verbraucher, die Interesse zeigen und sich die Auseinandersetzung damit nicht scheuen. Digitale Heizungsregelung will nun mal verstanden sein, wenn man mit ihr Wärme höchster Effizienz aus der Heizung holen will.

Verbraucher sind (noch) nicht bereit für die digitale Heizungswelt

Für die Bereitschaft, sich auf Digitales, besser die Transformation von analog zu digital einzulassen, nutzt man auch den Begriff „digitale readiness“. In Bezug auf die Heizung stelle ich dieselbe hier für einen großen Teil der Verbraucher hierzulande eindeutig in Frage. Und das wohl nicht zu Unrecht: Laut des Artikels hier, der sich auf die frisch veröffentlichte Studie „Think Act“ von Roland Berger bezieht, hätten „nur 50 Prozent der Unternehmen in der GreenTech Branche bereits eine sogenannte ‚digitale Readiness‘ erworben“. Mal ganz ehrlich, wer arbeitet denn in den Unternehmen? Heizwärmeverbraucher wie du und ich. Wer sich daheim schon nicht ins Neuland wagt, tut dies auch nicht on the Job – und umgekehrt.

Eine neue Studie des Düsseldorfer Startups Kesselheld bestätigt den Transformationsstau vor dem Tor zur digitalen Heizungswelt ebenfalls, wie die beiden beispielhaft genannten Ergebnisse zeigen:

  • 91 Prozent aller Befragten gaben demnach an, in Zukunft mit Öl oder Gas heizen zu wollen. Lediglich acht Prozent könnten sich vorstellen, auf regenerative Heizungen wie eine Wärmepumpe, ein Blockheizkraftwerk oder eine Pelletheizung zu setzen.
  • Die Frage, ob ihre Heizung über das Internet steuerbar sein sollte, hätten lediglich 13 Prozent mit Ja beantwortet. 53 Prozent hätten angegeben, nicht interessiert zu sein, während sich 34 Prozent hinsichtlich der Internetfähigkeit ihrer neuen Heizung unschlüssig seien.

Mein Fazit

In Deutschland mag gelten: My home is my castle. Aber es heißt eben nicht: My smart home (with smart heating) is my castle. Ich stelle dem nur mal die Zahl 41,26 Milliarden Euro gegenüber. So viel gaben die private Haushalte hierzulande für Möbel in 2013 aus. Vielleicht könnte es helfen, die Heizung als Einrichtungsgegenstand zu betrachten, der maßgeblicher Teil des digitalen Lifestyles ist?

Und um es nicht zu vergessen: Ich denke, man muss die Heizungsbetreiber in den Ein- und Mehrfamilienhäusern der zunehmend alternden deutschen Verbraucherschaft hierzulande buchstäblich an die Hand nehmen und sie in die Welt der digitalen Haustechnik einführen – andernfalls (nun ja, bei Handys & Co. gibt’s längst Seniorenausführungen) würde ich auch ein entsprechendes Gesetz begrüßen.

Nachwort

Als ecoquenter Solarthermie-Blogger muss ich euch an dieser Stelle auch das folgende Ergebnis der Kesselheld-Umfrage nennen: Immerhin 22 Prozent der Befragten hätten angegeben, ihre neue Heizung mit Solarthermie unterstützen zu wollen, wobei die Ergebnisse, bezogen auf Ergebnis auf die Landesebene ein deutliches Nord-Süd-Gefälle zeigten: Während die Zahl der Teilnehmer, die eine solarthermische Unterstützung beim Heizen wünschten, in den nördlichen Bundesländern unter dem bundesweiten Durchschnitt gelegen hätte, liege der Anteil im Süden tendenziell darüber.

„So geben in Bayern 27 Prozent der Befragten an, bei ihrer nächsten Heizung auf Sonnenenergie setzen zu wollen. Bundesweiter Spitzenreiter ist Baden-Württemberg mit 33 Prozent. In Hamburg hingegen entscheiden sich nur 17 Prozent aller befragten Teilnehmer für eine Solarthermie.“

Dieser Artikel ist Teil der Blogparade #digiEwende

Foto: cw-design / photocase, grafische Bearbeitung: Doreen Brumme

 

 

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