Die 7 Energiethesen für Wien – 50% Solarthermie bis 2050?

Heute haben wir mal Neuigkeiten aus der österreichischen Hauptstadt für Euch: Die Stadt Wien will bis zum Jahr 2050 die Hälfte der von den Wienern benötigten Wärme mit Hilfe von Solarthermie bereitstellen. Das ist mal eine sehr mutige Ansage von Mag. Bernd Vogl, Leiter der Wiener Abteilung für Energieplanung (MA 20), der die „Sieben Energiethesen“ für Wien der Öffentlichkeit vorstellte. Das ist uns aber natürlich einen großen Artikel wert. Ein Interview mit dem visionären Herrn werden wir auch noch machen. 

Sieben Energiethesen für Österreichs Hauptstadt Wien: Solarleitlinien für die Zukunft

Die „Sieben Energiethesen“ für die Stadt Wien, das sind zukunftsorientierte Solarleitlinien, die sowohl Solarthermie als auch Photovoltaik umfassen, ebenso wie Gebeäudebegrünung. „Die Leitlinien dienen als Grundlage für die Stadtentwicklung und werden Bauvorschriften ebenso beeinflussen wie die Förderpolitik“ sagt Klaus Mischensky, neuer Geschäftsführer des Österreichischen Solarverbandes Austria Solar. Dazu muss man wissen: Seit 2010 hat Wien mit Maria Vassilakou, eine grüne stellvertretende Bürgermeisterin und Stadträtin, die auch für die Bereiche Stadtplanung, Verkehr & Transport, Klimaschutz, Energie und Bürgerbeteiligung verantwortlich ist. „Wien goes green“ – fällt mir dabei gerade ein.

Energiewende – nur mit Wärmewende

Mischensky sagt zudem, dass ein wachsendes Interesse an Solarthermie festzustellen sei, insbesondere an solarthermischer Fernwärme – und das nicht nur in der Stadt Wien, sondern landesweit. Wie in anderen europäischen Ländern auch, hätten Klaus Mischensky zufolge auch die österreichischen Energieunternehmen die sinkenden Großhandelspreise für Strom zu verkraften. Der Preisverfall stelle insbesondere die Rentabilität der Kraftwerke in Frage. Das Bundesministerium für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft habe deshalb das Austrian Institute of Technology (AIT) beauftragt, das technische und ökonomische Potential von Solarwärme in österreichischen Fernwärmenetzen auszuloten. Die Ergebnisse dessen sollen am 3. Dezember 2014 vorgestellt werden, heißt es in der entsprechenden Pressemeldung. Mischensky fügt hinzu: „Die Debatte über die Energiewende dreht sich zu sehr um Elektrizität. Die Energiewende wird jedoch unmöglich, solange der Wärmemarkt nicht auch einbezogen wird.“

Die „Sieben Energiethesen“ für Wien in sieben Bildern

So, los geht’s mit These Nummer 1 der Sieben Energiethesen. Ganz klar, die Energiewende darf sich nicht allein auf auf Strom beziehen. Auch in Österreich ist der Wärmebedarf viel höher als der Strombedarf, wobei die begrenzten Flächen in der Stadt, die zum Einfangen solarer Wärme zur Verfügung stehen, die besondere Herausforderung für zukünftige Konzepte sein dürften. Es kommt zuallererst auf das an, was man mit der besten Solarthermie-Technik pro Quadratmeter an Solarthermie abgreift, nicht auf die Quadratmeterzahl an sich.
Sieben Energiethesen für Wien 1
These Nummer 2 der Sieben Energiethesen für Wien zielt auf die Herkunft der Wärme ab: Künftig soll die Stadt nur noch mit Abwärme und Umweltwärme beheizt werden. In Wien sei demnach ein Riesenpotential an oberflächennaher Geothermie abzugreifen. Fossile Wärmequellen haben in den Heizungen der Wiener Zukunft nichts zu suchen.
Sieben Energiethesen für Wien 2
Weiter geht’s mit These Nummer 3 der Sieben Energiethesen für Wien. Sie ist von übergreifender Natur. Genauer: Künftige Energiesysteme sollen nicht mehr pro Gebäude gedacht und verwirklicht werden, sondern über dessen Grenzen hinaus. Stichwort: Energieverbund!. Damit sei man insbesondere in dichtbesiedelten Stadtteilen in der Lage, verlässliche Energiesysteme zu installieren, die Schwankungen in der Stromerzeugung ausgleichen können.
Sieben Energiethesen für Wien 3
Und schon folgt These Nummer 4 der Sieben Energiethesen für Wien. Sie ruft nach Hirn-Energie statt Heizenergie, wenn es künftig darum geht, effizient zu heizen. Zudem positioniert sie Energieversorger künftig als Dienstleister.
Sieben Energiethesen für Wien 4
These Nummer 5 der Sieben Wiener Energiethesen legt den Fokus auf Geothermie, also die Wärme im Erdreich unter der Stadt Wien. Und auf die Wärme beziehungsweise Kälte, die in den Gebäuden selbst, also im Gemäuer, aufgefangen und vor allem: gespeichert wird. Unter Zuhilfenahme von Wärmepumpen ergäben Solarthermie und die Gebäude / das Erdreich als solare Speicher ein effizientes Heiz- und Kühlkonzept.
Sieben Energiethesen für Wien 5
These Nummer 6 der Sieben Energiethesen für Wien knüpft an die vorhergehende an. Denn wenn man die Geothermie aus dem Erdreich zapft, wird das unweigerlich kühler. Solarthermie, aufgefangen mit Anlagen auf dem Gebäude, so These Nummer 6, könne das Erdreich wieder erwärmen helfen. So weit, so gut, auch wenn wir finden, dass die Solarthermie als reiner Erdspeicherlieferant ein wenig zu sehr in den Hintergrund gerückt wird, aber das ist sicher nicht ganz so gemeint wie es klingt.
These Nummer 6 wird allerdings mit einem Foto dekoriert, das statt eben dieser Solarthermie-Anlage eine Photovoltaik-Anlage zeigt bzw. angeblich eine Hybridanlage, was aber unter dem Aspekt, dass das ohnehin viel zu oft verwechselt wird, eher unglücklich ist. Da hat sich der Dekorateur des Thesenpapiers  in der Schublade vergriffen. Er ist damit jedoch nicht der erste – und wird wohl auch nicht der letzte sein… Damit’s beim nächsten Mal besser passt, hier der Hinweis auf unseren Artikel zur Erklärung des Unterschieds und hier eine extra bebilderte Anleitung zum Unterscheiden von Photovoltaik- und Solarthermie-Anlagen.
Sieben Energiethesen für Wien 6
Kommen wir zu These Nummer 7 der Sieben Energiethesen für Wien. Sie kümmert sich um die Herkunft des Wassers, das künftig als Brauchwasser und Heizwasser genutzt und deshalb schön erwärmt werden soll. Kommt es von zentralen Versorgern, geht beim Bereitstellen viel Energie flöten, das sind die sogenannten Bereitstellungsverluste. Deshalb sollte man sich über eine effizientere Alternative wie eine dezentrale Versorgung mit warmen Brauch- und Heizwasser mehr Gedanken machen.
Sieben Eenergiethesen für Wien 7

Die Sieben Energiethesen für Wien im Überblick

Und zum Schluss unserer Bilderstrecke noch einmal alle Sieben Energiethesen für Wien im Überblick:

Sieben Energiethesen für Wien all
Was denkt Ihr, haben die Wiener damit alle Aspekte der Energiewende = Stromwende + Wärmewende + … abgedeckt? Wer Ergänzungen hat, schreibt sie bitte gleich unten ins Kommentarfeld. Wir leiten das dann weiter, schließlich sitzt unsere Conny in Wien!
Fotos: Wiener Abteilung für Energieplanung (Grafiken (8)), Kobierski / photocase.de (Titel)
Darf’s ein bisschen mehr sein? Passend zum Thema:
  • Flächenförderung bei Solarkollektoren sinnvoll?
    Warum die Förderung über Quadratmeter schlichtweg doof ist
  • Armin Staudigl
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6 Kommentare zu “Die 7 Energiethesen für Wien – 50% Solarthermie bis 2050?”

    1. Cornelia Daniel-Gruber

      Danke, ich habe eh ergänzt, dass es Hybridkollektoren sind und die Auswahl aber unglücklich finde, weil eh schon so viel falsches Bildmaterial im Umlauf ist. Es sei denn die 50% Solarthermie sollen alle mit Hybridkollektoren geschafft werden. Wenn schon ein so großes Ziel postuliert wird, wäre es schön, wenn zumindest ein Solarthermiebild dabei gewesen wäre. Aber lass uns nicht über so Kleinigkeiten diskutieren. Ich bin gespannt wie das angegangen wird. Gibt es Material was das in Zahlen bedeutet? Wie viel Tausend/Millionen? Quadratmeter sind das ca.?

  1. Bernd Vogl

    hallo aus Wien! Es freut mich, dass unsere pointierten Thesen zu Diskussionen führen – genau das soll passieren! Wie und wer die 50% Solarhermie erfunden hat, ist für mich nicht nachvollziehbar! Dieses Ziel wurde nicht verkündet. In der Smart City Rahmenstraregie strebt Wien die Umsetzung folgender Ziele an: -40% Energieverbrauch; 50% Erneuerbare; -80% CO2 an.

    1. Cornelia Daniel-Gruber

      oh, na das ist ja interessant wenn auch furchtbar schade… Wir hatten diese Information aus der Solar Thermal World http://solarthermalworld.org/content/austria-solar-thermal-breathe-new-life-viennas-urban-development die eigentlich immer top-informiert ist und hatten nur vergessen den Artikel zu verlinken…

      Das Gerücht lässt sich jetzt aber leider nicht mehr zurückholen, jetzt werdet ihr weltberühmt für diesen Vorstoss und müsst es jetzt erst recht machen ;-), wobei auch 20% als Ziel schon großartig (und sogar realistischer) wären.

      Ich melde mich so schnell wie möglich mit den Fragen!

  2. Franz Bergen

    Oberflächennahe Geothermie ist eine erneuerbare Energie (These 2)? Derzeit ist das wohl eher eine fossile Energiequelle, da noch relativ wenig erneuerbarer Strom zur Verfügung steht.. Auch in zukünftigen Wintern mit vielleicht immer mehr Wärmepumpen (WP), wenn relativ wenig Strom aus erneuerbaren Energien zur Verfügung steht (weniger Sonne, Windflauten, Wasser gebunden in Form von Eis und Schnee), die Wärme aber hauptsächlich benötigt wird, muss der Strombedarf für WP durch fossile Kraftwerke gedeckt werden. Bei geringem Angebot gibt es eine hohe Nachfrage. Der Strom wird im Winter teuer sein. Im Sommer gibt es künftig erneuerbaren Stromüberschuss, was den Strom dann günstiger macht, weil weniger Nachfrage existiert. Unter diesen Voraussetzungen sollten sich Immobilienbesitzer vor Wärmepumpen hüten. Prof. Leukefeld hat für das Ausblenden dieser Fakten den Begriff der „saisonalen Illusion“ geprägt. Es zählt nicht die Jahresbilanz, der Jahresdurchschnitt, sondern das, was an verfügbarem Strom zum jeweils aktuellen Zeitpunkt dem Bedarf gegenüber steht. Die Zuhilfenahme der Solarthermie (These 5+6) mildert das Problem unwesentlich. Zudem sollte die Solarthermie eher der direkten Wärmenutzung zur Verfügung stehen und nur die Überschüsse zur Regeneration der Bodenwärme genutzt werden. Gezielt und vereinzelt eingesetzt können WP helfen Probleme zu lösen. Massenhaft eingesetzt sind WP ein Problem.

    1. Cornelia Daniel-Gruber

      Der letzte Satz ist wohl sehr wichtig. Gezielt und vereinzelt sinnvoll. In der Masse kann es langfristig problematisch werden, wie das in Frankreich bereits der Fall ist. Leider werden das viele erst verstehen, wenn der Preis im Winter tatsächlich dort ist, wo Sie ihn schon jetzt sehen. Dafür braucht es erstmal eine Strommarktreform…

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