EU entwirft Strategie: So sollen wir morgen heizen

EU-Flagge

Vor einiger Zeit habe ich mich hier auf dem Blog damit auseinandergesetzt, womit wir Deutsche heizen. Noch ist das Heizen hierzulande alles andere als nachhaltig: Die durchschnittliche deutsche Heizung ist heute älter als 17 Jahre, gut zwei Drittel unserer Häuser stammen aus Baujahren, wo es noch keine Verordnungen zur Energieeinsparung gab und die meist verfeuerten Brennstoffe sind fossiler Herkunft. Grund genug, für mehr Nachhaltigkeit zu sorgen, auf allen Ebenen. So hat auch die EU-Kommission vor gut einem Jahr beschlossen, eine Strategie für Europas Wärme- und Kältemarkt zu entwickeln: die „EU strategy for heating and cooling“. Jetzt berichtet das Branchenmagazin Sonne, Wind und Wärme in seiner Onlineausgabe über einen entsprechenden Entwurf dazu, der geleaked worden sei, den man also an die Öffentlichkeit „durchsickern“ ließ. Und um den Inhalt des Strategiepapiers geht’s mir heute.

Laut Schreibe von SWW-Kollege Jan Gesthuizen sei besagter 12-seitiger erster Entwurf, ein sogenanntes Kommuniqué der Kommission ans Parlament, ins Internet gesickert und stehe vermutlich kurz vor der offiziellen Veröffentlichung.

Um Eure Hoffnung schon von vornherein auf kleiner Flamme flackern zu lassen: Der SWW zufolge fände sich nicht viel Strategie im ersten Strategie-Papier. Dafür stünde viel zum Thema Bestandsaufnahme drin. Somit entspräche der erste Entwurf zur europäischen Wärme- und Kältestrategie den Aussagen, die auf der Auftaktkonferenz „Heating and Cooling in the European Energy Transition“, die am 26. und 27. Februar 2015 in Brüssel stattfand, getroffen wurden. Damals hätte die Kommission eingestanden, sie wisse recht wenig über den gesamteuropäischen Wärme- und Kältemarkt und müsse erstmal Daten sammeln, heißt es in der SWW.

Vor der Strategie kommt die Bestandsaufnahme zu Energieverbrauch und Energieeinsparpotential im Gebäudesektor

Die Fakten sprechen für sich: Gut die Hälfte der Endenergie verbrauche der Wärme- und Kältesektor demzufolge. Davon gingen 45 Prozent für Wohngebäude, 37 Prozent für die Industrie und 18 Prozent für den Dienstleistungssektor drauf. Dem hohen Verbrauch der drei Bereiche, allen voran dem der Wohngebäude, stünde eine sehr niedrige Sanierungsquote zwischen 0,4 und 1,2 Prozent gegenüber. Noch mehr Zahlen und Fakten dazu lest Ihr hier. Mit dieser Sanierungsquote erreicht Europa die selbst gesteckten Klimaschutzziele nicht, soviel steht fest!

Nun ist eh die Frage, was die EU-Kommission mit einer Strategie für Europas Wärme- und Kältemarkt zu bewirken vermag. Denn gleichwohl die ein Zeichen dafür sein kann, dass endlich auch die Wärmewende in Angriff genommen und nicht nur wie bislang die Stromwende voran getrieben wird, so kommt es bei einer Strategie ja doch vor allem auf deren Umsetzung an – und dafür braucht’s die einzelnen EU-Staaten. Deutsche Energie-Experten engagieren sich in dieser Sache sehr und haben im Gespräch mit Brüssel bereits im Oktober wichtige Maßnahmen zur jeweils nationalen Umsetzung vorgeschlagen. Laut der Deutschen Energie-Agentur Dena  sei es wichtig „dass alle EU-Mitgliedsstaaten

  1. ambitionierte, belastbare und langfristige Energieeffizienzstrategien für den Gebäudebereich entwickeln,
  2. zentrale Instrumente wie den Energieausweis für Gebäude und die Energiekennwerte in Immobilienanzeigen qualitativ hochwertig ausgestalten,
  3. die Qualifikation der Fachakteure weiter voranbringen und sichern,
  4. für attraktive Förder- und Finanzierungsangebote sorgen und
  5. die Informations- und Kommunikationsangebote deutlich ausbauen, um die Eigentümer zur Umsetzung von Sanierungsmaßnahmen an ihren Häusern zu motivieren.“

Umsetzung der EU-Wärmewende-Strategie soll auf Information und Freiwilligkeit fußen

Und so baue die Kommission vor allem auf Information und Freiwilligkeit und entsprechende Maßnahmen. Laut SWW „soll etwa die EPDB-Gebäuderichtlinie (Energy Performance of Buildings Directive) überprüft werden und Effizienzzertifikate und Energielabel gestärkt werden“. Damit würde man die bisher beschlossenen Maßnahmen wie das Effizienzlabel für Wärmeerzeuger fortführen. Wobei man das Labeling immerhin auch auf Bestandsheizungen ausweiten wolle. Wir Deutschen sind da bekanntlich der europäische Vorreiter: Bei uns gilt genau das nämlich schon seit Jahresbeginn.

Ein weiterer Punkt in dem Entwurf ist das sogenannte Mieter / Vermieter-Dilemma bezüglich des fairen Schulterns von Vorteilen und Kosten der energetischen Sanierung (wer dazu was lesen will, den verweise ich gerne auf den umfassenden Grundlagenartikel „Energetische Sanierung – Grundlagenwissen zu Konzept, Maßnahmen und Wirtschaftlichkeit“ von mir auf dem Portal Energie-Experten), das laut Kommission untersucht werden soll, und das, gleichwohl 70 Prozent der EU-Bürger in Eigentum wohnen. Weitere Punkte: Anreize zu schaffen, so dass mehr erneuerbare Energien genutzt würden, den Strom und Wärmemarkt zu koppeln sowie die Möglichkeiten zur Finanzierung von Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz zu verbessern.

Kritik an der entworfenen EU-Strategie

Die SWW kritisiert in ihrem Bericht, dass die EU-Kommission mit ihrer Strategie recht naiv an die Wärmewende gehe: So soll die effiziente Kombi (statt unnötiger Konkurrenz wie heute oft noch) von erneuerbaren Energien und Kraft-Wärme-Kopplung eine wichtige Rolle spielen. Schön und gut – aber das braucht entsprechende Rahmenbedingungen. Solche, wie es derzeit nur in Dänemark gibt.

Und auch das energiesparende Potential der Smart-Home-Technologie (Wer wissen will, was genau Smart Home und Energiewende miteinander zu tun haben, liest diesen Blogbeitrag von Energieblogger Andy Kühl) sehe die EU-Kommission als groß an – gleichwohl es vielstimmige Bedenken dazu gebe, insbesondere in Sachen Datensicherheit und Kosten-Nutzen-Effekt sind die Bedenken eher groß.

Dem Fazit von Jan Gesthuizen: „Der große Wurf ist diese Strategie nicht.“ kann ich nur zustimmen. Aber: Die Wärmewende hängt jetzt davon ab, wie der Entwurf ausformuliert und schließlich in die Tat umgesetzt wird. Und da die EU-Strategie den Endkunden in den Fokus rückt, besteht Hoffnung. Denn das, so schließt der SWW-Bericht, habe ja auch die Stromwende gelingen lassen: „Investitionen in Wind- und Solarstrom wurden in der Vergangenheit in vielen Ländern zum Großteil von Privatpersonen getragen …“.

Wer mehr zum Thema lesen will, dem empfehle ich das Strategie-Papier „Energieeffiziente Gebäude: Wege zu einem nahezu klimaneutralen Gebäudestand“, das das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) ins Internet gestellt hat. Darin geht es um die Energiewende im Gebäudebereich und ihre Umsetzung hierzulande, wozu eben auch die EU-Strategie (siehe Seite 5 im PDF) zugrunde gelegt wird. Zur Strategie der EU könnt Ihr hier noch mehr lesen.

Foto: krockenmitte / photocase.de

Darf’s ein bisschen mehr sein? Passend zum Thema:
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3 Kommentare zu “EU entwirft Strategie: So sollen wir morgen heizen”

  1. Wilhelm Stock

    “ Aber: Die Wärmewende hängt jetzt davon ab, wie der Entwurf ausformuliert und schließlich in die Tat umgesetzt wird. Und da die EU-Strategie den Endkunden in den Fokus rückt, besteht Hoffnung. Denn das, so schließt der SWW-Bericht, habe ja auch die Stromwende gelingen lassen: „Investitionen in Wind- und Solarstrom wurden in der Vergangenheit in vielen Ländern zum Großteil von Privatpersonen getragen …“.“

    Bisher werden gut 19% Strom aus Wind und PV für über 20 Mrd @ Subvention p.a. erzeugt – da gilt die Stromwende schon als gelungen? Also noch mehr Milliarden in unwirtschaftliche Erneuerbare und Wärmedämmung stecken? Netzausbau, Speicher: Alles noch Milliardenkosten, die bisher unter der decke gehalten werden. Der Sachverständigenrat für Umweltfragen hat in einem Sondergutachten 2011 die Kosten dieser Stromwende auf 1,42 Billionen € geschätzt – unter sehr optimistischen Annahmen.

    Ihr Hinweis, dass ja EU-weit 70% der Bürger Eigenheimbesitzer sind kann dann wohl so gedeutet werden, dass man Eigenheimbesitzer ruhigeren Gewissens schröpfen kann als Mieter, gelle?

    Wer bräuchte denn Subventionen, wenn alles unter Marktbedingungen funktionieren würde?

  2. Wolfgang Horn

    In der ganzen Diskussion fehlt mir der Begriff Fernwärme/Fernkälte. Praktisch betrachtet leben die meisten Menschen in Städten und diese sind ideal fernwärmetauglich, d.h. leitungsaffin. Hier ist Technik aus den 80-er Jahren („Manta-Technik“) am Werken. Das „Tesla-Zeitalter“ hier hinein zu bringen ist der Task. Die Gebäudediskussion mit der Fernwärmediskussion zu vermischen ist grober Unfug. Es gilt, die Anschlussdichten zu maximieren (schrittweiser komplette Anschlusspflicht) und auf 100% erneuerbare Energie umzustellen. Das beides zusammen ist Arbeit genug für 15 Jahre, aber: das ist machbar von relativ „kleinen“ Einheiten (den Städten) im Vergleich zu der „großen“ EU. Dauernd auf neue Regulative zu warten bringt gar nichts, Handeln ist die Devise.

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