Paul Fay: "Frankfurt soll bis 2050 zu 22% mit Solarthermie beheizt werden"

Ich habe hier schon von dem interessanten Event zur Wärmewende in der Stadt in Wien berichtet. Den ersten Vortrag machte damals Christian Maaß vom Hamburg Institut, der uns über Fernwärme 3.0 berichtet hatte. Das Interview könnt ihr über den Link oben nachlesen. Weiter geht es mit Paul Fay vom Energiereferat in Frankfurt/Main über die großen Ziele Frankfurts bis 2050 100% erneuerbar zu sein.

Cornelia Daniel: Herr Fay, können Sie uns kurz erzählen, was in den letzten beiden Jahren in Frankfurt passiert ist?

Paul Fay: Nun ja, wir hatten zunächst einmal die Aufgabe herauszufinden wo die Reise hingeht, wenn wir im Jahr 2050 den Energiebedarf einer Stadt wie Frankfurt zu 100% regenerativ und weitestgehend aus der Region bzw. aus dem Stadtgebiet versorgen wollen. Das herauszufinden ist dann natürlich auch ein langer Prozess mit Beteiligung der Frankfurter Zivilgesellschaft, den Unternehmen, Wohnungsbaugesellschaften und nicht zuletzt der Experten von den Energieversorgungsunternehmen. Das Ergebnis ist erst mal ein Masterplan für Frankfurt und eine Simulation –basierend auf Lastkurven – wie der erneuerbare Energiemix im Jahr 2050 aussehen könnte.

Aber der Prozess geht ja weiter, weil wir die Region schon eingebunden haben und nun ein Konzept, zusammen mit der Region erstellen wollen.

Von wem ging der Impuls für die Initiative aus und wie lang hat der Prozess der Studienerstellung Frankfurt 2050 gedauert?

Der Impuls ging von den Stadtverordneten aus. Diese haben im Jahr 2012 beschlossen, dass Frankfurt sich auf den Weg zu 100% erneuerbarer Energieversorgung im Jahr 2050 machen soll. Wir haben uns dann als „Masterplankommune“ beim Deutschen Umweltministerium beworben. Mit Fördergeldern vom Bund konnten wir und 18 andere Kommunen und Kreise Pläne entwickeln, die als Blaupause für die Energiewende auf Bundesebene dienen können. Die Erstellung der Studie für Frankfurt hat ,wie gesagt, ungefähr 2 Jahre gedauert – bedingt dadurch, dass man ja alle gesellschaftlichen Gruppen beteiligen wollte.

Es handelt sich um eine ganzheitliche Studie mit sehr viel Fokus auch auf die Wärmewende, könnten Sie uns etwas über die Pläne in Sachen Solarthermie erzählen?

Die Ergebnisse der Studie und insbesondere der Simulation war schon ein Stück weit überraschend. Etwa 22% der im Jahr 2050 benötigten Wärme in Frankfurt sollen dann aus solarthermischen Anlagen kommen. Das wären dann etwa 1,2 TWh – was im Vergleich zu heute unglaublich viel ist. Linear hochgerechnet müssten wir etwa 50.000 -70.000 m² pro Jahr zubauen, um das zu erreichen. Und natürlich saisonale Wärmespeicher, Einbindung in die Fernwärme usw. machen, damit wir den Wirkungsgrad maximieren.

Aber auf der anderen Seite gibt es dazu tatsächlich wenig Alternativen: unser Biomassepotenzial schöpfen wir schon jetzt zu knapp 90% aus, und das soll eher für Hochtemperaturprozesse in der Industrie zu Verfügung stehen. Da bleibt als lokale Energiequelle nur noch die Photovoltaik und Solarthermie übrig.

Wenn ich Ihre Berechnungen weiterführe, sind für die 1200 GWh etwa 2 Mio. Quadratmeter Fläche nötig. Ist diese Fläche in Frankfurt vorhanden?

Davon gehe ich aus. Das Fraunhofer hat sowohl die Flächen für PV und Solarthermie geprüft und mit den zur Verfügung stehenden Flächen abgeglichen. Mir wurde mitgeteilt, dass es dann immer noch Dächer gibt, die keine Solaranlage „brauchen“. In jedem Fall ist es eine Mammutaufgabe. Derzeit sind erst 24000 m² installiert und der jährliche Zubau lag 2009 bei nur 3000 m2 und ist seitdem sogar noch gefallen. Der Zubau muss sich also mehr als verzehnfachen, was nur mit Großanlagen realistisch ist.

Sie haben gesagt, dass Sie die Solarthermie besonders pushen möchten, weil sie derzeit so ein Schattendasein fristet, das Potenzial jedoch riesig ist. Wie wird das geschehen?

Das ist eine gute Frage. Wir beobachten bei der Solarthermie eher einen Rückgang des Zubaus. Hier müssen wir Werkzeuge finden gegenzusteuern. Das ist eine große Herausforderung, insbesondere für eine Kommune. Wir hoffen aber, dass die Ergebnisse der Masterplanuntersuchung auch in Berlin Gehör finden.

Ist auch solare Fernwärme geplant? Welches Temperaturniveau braucht das Frankfurter Netz dafür?

Das ist ja der Trick, die Solarwärme in die Fernwärme einzubinden. Derzeit gibt es hierfür in Frankfurt einen Piloten in einem Nahwärmenetz. Das auf die anderen Netze – und durchaus kleinteilig (jeden Fernwärme Hausanschluss) zu übertragen, wird es erfordern Fernwärmenetze völlig neu zu denken.

Wir haben in Wien beim Vortrag auch vom Züricher Anergienetz gehört. Sind auch solche Projekte geplant?

Das ist sehr spannend – und ich könnte mir auch vorstellen, dass die Fernwärme in der Zukunft nur mit „Anergie“ oder „Low-Ex“ Netzen betrieben wird. Aber das ist natürlich Schnee von Übermorgen. Heute kann ich mir das natürlich für Neubau- oder Sanierungsgebiete vorstellen. Aber das werden dann die kleinteiligen Energiekonzepte zeigen, die wir hier für jedes Neubaugebiet machen. Am Ende des Tages muss sich das für die Nutzer rechnen.

Vielen herzlichen Dank für diese tollen Einblicke. Bin wirklich beeindruckt. Wenn das auch nur ansatzweise umgesetzt wird, könnte die Wiedergeburt der Solarthermie ihren Ausgangspunkt in Frankfurt haben. Als Finanzstadt hat sie auch die besten Voraussetzungen das ungelöste Problem der Finanzierung günstiger Solarthermie zu lösen. Hier geht’s zum Masterplan 100% Klimaschutz Frankfurt und hier auch noch der gesamte Vortrag zum Nachschauen. 


Foto: Sylvester*1 / photocase.com

 

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Vielen Dank und sonnige Grüße

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