Fracking in den USA: Bad News, Mr. President!

Fracking in den USA

Wenn Politiker den Mund mal zu voll nehmen, dann tun sie das entweder wissend, um vorzugeben, was nicht ist. Oder sie wissen’s wirklich nicht besser, weil sie falsch und/oder schlecht beraten werden. Bestechungen und sowas wie Lobby lasse ich hier mal außen vor. Während ich die erste Möglichkeit als bewusste Wählertäuschung verabscheue, fürchte ich die zweite nicht minder. Nicht oder schlecht beraten geht Politik eben auch daneben. Barack Obama, seines Zeichens noch US-Präsident, bescheren aktuelle Analysen entsprechende „bad news“: Seine 2012 so hoch bezifferten Schiefergasvorräte werden wohl doch nicht 100 Jahre reichen. Lest selbst!

100 Jahre Schiefergas! 100 Jahre Schiefergas?

Als die USA 2012 ihren Energiebedarf zu 80 Prozent aus inländischen Quellen deckten, war das ein „really big step“ in die Unabhängigkeit vom Öl, das bis dato en masse und Barrel importiert werden musste. Angeblich günstiges Hydraulic Fracturing beziehungsweise Fracking von Schiefergas trug einen Großteil dazu bei. Immerhin war der Anteil des Frackings an der Gesamtgasförderung der USA innerhalb eines Jahrzehnts von zwei auf 37 Prozent gewachsen. Grund genug für Präsident Obama, Fracking in seiner 2012er-Rede zur Lage der Nation euphorisch zu feiern: „Wir verfügen über Erdgasvorkommen, die Amerika für nahezu 100 Jahre versorgen können„. Der Optimismus Obamas (und seiner Berater) fiel offensichtlich auf fruchtbaren Boden: „Im gesamten Land hallen Begriffe wie ‚Schiefergasrevolution‘ und ‚Energieüberfluss‘ durch die Vorstandsetagen von Unternehmen“, schreibt das Online-Portal Spektrum.de dieser Tage.

Die US-Firmen setzen demnach sehr auf die Vision von reichlich billigem Erdgas (Warum Fracking nicht billig ist, hat Cornelia übrigens hier schon mal erklärt): „In den kommenden 20 Jahren werden die Industrie sowie Stromproduzenten in den USA voraussichtlich hunderte Milliarden Dollar in neue, auf Erdgas basierende Anlagen investieren. Und weitere Milliarden an Dollar fließen in den Bau von Verladestationen und anderer Infrastruktur, mit der die Vereinigten Staaten verflüssigtes Erdgas nach Europa, Asien und Südamerika verschiffen können.“ Und selbst der Direktor der US-Energieinformationsbehörde EIA (U.S. Energy Information Administration), Adam Sieminski, sagte laut Spektrum.de im vergangenen Jahr, dass seine Behörde keinen Zweifel daran hätte, dass die Förderung von Erdgas bis hin zum Jahr 2040 weiterhin anwachsen könne.

100 Jahre Fracking-Boom – zweifellos?

Nun, auch wenn Mr. Sieminski samt seiner Bediensteten keinen Zweifel daran hegt, taten und tun dies andere. Schon von Anfang an gab es auch seitens US-amerikanischer Wissenschaftler Zweifel an der Größe der Schiefergasvorräte, auf die sich der Präsident 2012 berief. Ich habe einige der Zweifel 2013 hier auf dem Blog schon einmal ausführlich vorgestellt. Nicht nur hierzulande sprach man vor zwei Jahren schon von einer Fracking-Blase, auf die die USA gesetzt hätten. Ein Heißluftballon quasi, befeuert von der Begeisterung über die angeblichen Schiefergasvorräte. Nur was, wenn die in Wirklichkeit gar nicht so groß sind?

Neue Analysen haben jetzt die Annahmen unter die Lupe genommen, die den Studien der großen Schiefergasformationen zugrunde liegen, auf die sich wiederum die ach-so-zuversichtlichen Prognose des Mr. President 2012 stützte. Und siehe da, die Analysen ergeben längst nicht so optimistische Aussichten. Im Gegenteil: Die Ergebnisse seien bad news, zitiert Spektrum.de Tad Patzek von der University of Texas in Austin. Als Leiter des Department of Petroleum and Geosystems Engineering ist er demnach an den detaillierten Analysen beteiligt. Sollten Firmen das Schiefergas so schnell wie möglich extrahieren und beträchtliche Mengen exportieren wollen, begründet der Experte, „manövrieren wir uns selbst in ein großes Fiasko“.

Hat sich der Fracking-Boom in den USA bereits ausgeboomt?

Zwei Prognosen. Die sich ziemlich unterscheiden. Der wesentliche Unterschied zwischen beiden läge laut Spektrum.de in den Ansätzen, auf denen sie beruhten: „Die EIA unterteilt jede Formation nach den verschiedenen Countys und berechnet dann eine durchschnittliche Fördermenge für die Bohrungen in diesen Gebieten. Die Countys erstrecken sich aber oftmals über mehr als 1.000 Quadratkilometer und können Tausende von Horizontalbohrungen umfassen. Das Team der University of Texas zerlegt dagegen jede Formation in eine Quadratmeile (2,6 Quadratkilometer) große Blöcke – ein mindestens 20 Mal feineres Raster als bei der EIA.“

Und das sei demnach entscheidend, denn jede Formation verfüge nicht nur über sehr ergiebige Stellen, so genannte „sweet spots“, sondern auch über ausgedehnte Bereiche, in denen die Bohrungen weniger Erdgas zu Tage brächten. Die Firmen, so Spektrum.de weiter, versuchten, zuerst die gewinnbringendsten Lagerstätten anzuzapfen – künftige Bohrungen könnten demzufolge weniger Ertrag bringen als die gegenwärtigen. In ihrem Modell nehme die EIA aber bislang an, dass sich bei künftigen Bohrungen mindestens genauso viel Erdgas gewinnen lasse wie bei früheren Bohrungen in einem bestimmten County. Doch dieser Ansatz führe laut dem schon weiter oben zitierten Tad Patzek zu viel zu optimistischen Ergebnissen.

Auch bezüglich der Schätzung der Gesamtzahl der Bohrungen, die sich in jeder Formation ökonomisch durchführen ließen, unterscheiden sich die Ansätze der Studien der EIA und der Wissenschaftler von der Uni of Texas, schreibt Spektrum.de weiter. Während die EIA eine höhere Zahl prognostiziere, schlösse die Forschergruppe „bei ihrer Schätzung alle Gebiete aus, in denen Bohrungen schwierig wären – etwa unterhalb von Seen oder großen Städten. Diese Eigenschaften des Modells, die auf der langjährigen Erfahrung von Teammitgliedern aus der Erdölindustrie basieren, sollten die „Realität nachbilden“, heißt es weiter.

Der Fracking-Boom dürfte laut den Forschern der Uni of Texas ungefähr in den nächsten zehn Jahren einen Höhepunkt erreichen – und danach werde es einen starken Rückgang geben. Patzek sagt laut Spektrum.de: „Das verspricht ein böses Erwachen für die Vereinigten Staaten zu werden.“ Der Experte nimmt demzufolge an, dass die Gaspreise stark ansteigen werden und das Land letztlich über mehr gasbetriebene Industrieanlagen und Fahrzeuge verfüge, als profitabel wäre. „Das Fazit lautet: Egal was passiert und wie es sich entwickelt, für die US-Wirtschaft kann es nicht gut sein.“

Fracking ohne Ende?

Noch handelt man in den USA offensichtlich, als kenne man Analysen wie die hier vorgestellte nicht. Oder sollte ich besser schreiben, als wolle man sie nicht kennen? Der US-amerikanische Fracking-Heißluftballon steigt munter gen Himmel.

Die Frage ist: Wird Präsident Obama – oder von mir aus auch sein Nachfolger – die zuversichtliche Prognose bezüglich des Frackings ändern? Und seine Fehleinschätzung (und/oder die seiner Berater) einräumen? Und damit die heiße Luft aus dem Fracking-Ballon ablassen – so dass er auf dem harten Boden der Tatsachen landet?

So wie ich die Politik kenne, eher nicht. Und selbst wenn. Hätte das überhaupt noch eine Auswirkung auf die unter Volldampf agierende Fracking-Industrie in den USA und die in ihrem Windschatten agierende weltweit? Wer kann diesen Fracking-Wahnsinn überhaupt noch stoppen?

Foto: matze_ott / photocase.de

Darf’s ein bisschen mehr sein? Passend zum Thema:
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Ein Kommentar zu “Fracking in den USA: Bad News, Mr. President!”

  1. Wagner

    es geht nicht nur um den falschen fossilen Weg der Energieerzeugung und die verpasste Chance für die frühzeitige Installation von nachhaltigen Erneuerbaren Energien. Fracking zerstört die Bodenökologie und vergiftet das Grundwasser.

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