Die Kosten von Shale Gas und warum Fracking einfach nicht billig ist

Seit Wochen liegt mir dieses Thema auf der Zunge bzw. unter den Fingerspitzen. Es sind Dinge im Gange, die mal wieder meine Aufmerksamkeit verdienen. Letzte Woche hat mich leider die Ignoranz der österreichischen Energiepolitik in Geiselhaft genommen und verhindert, dass ich diesen Artikel fertig schreiben konnte, aber jetzt widme ich mich diesem wichtigen Thema und hoffe, dass die Österreicher doch noch zur Vernunft kommen.

Dieser Artikel dient dazu, die von mir gewonnen Eindrücke zum Thema Fracking zu destillieren und in einfach Worte zu bringen. Doreen hat letztes Jahr schon ähnliches geschrieben und in mir regt sich mal wieder der Verdacht, dass viele Entscheidungsträger wie so oft, mit zwei Jahre alten Informationen hausieren gehen und demnach offensichtlich fehl informiert sind. Nachdem die Mär vom billigen Atomstrom hier widerlegt wurde, möchte ich die Meinungen zum billigen Schiefergas mal auf den Prüfstand stellen und lade alle ein mich zu korrigieren, falls ich hier nicht richtig liege. Ich will es einfach selber mit Sicherheit wissen und belastbare Quellen zitieren können.

Die Kosten von Gas und die Krux mit den Energieeinheiten

Aber alles der Reihe nach. Bevor wir uns die Kosten von Fracking bzw. Hydraulic Fracturing ansehen, sollten wir uns erstmal über die Kosten von Gas im Allgemeinen unterhalten. Tut man dies, werfen vermutlich viele gleich das Handtuch, weil man vor lauter unbekannten Buchstaben keine Ahnung mehr hat, wo hinten und vorne ist. Gott sei Dank gibt es Seiten wie Energycomment, die all diese Arbeit schon einmal gemacht haben. Sie haben erst letzen Monat einen Preisvergleich veröffentlicht und auch beschrieben warum $/MMBTU ihre favorisierte Energieeinheit ist. Die Kosten von Gas werden also meistens in MMBtu angegeben. Im englischsprachigen Raum findet man aber auch das Wort Mcfe. Deshalb ein kurzer Ausflug in die Einheitenlehre.

Was ist der Unterschied zwischen MMBtu und Mcfe?

  • mmBTtu oder MMBTU steht für Million British Thermal Units; MM kommt von tausend tausend
  • Mcfe bedeutet Thousand Cubic Feet Equivalent also 1000 Kubikfuss

Natürliches Gas hat eine Energiedichte von 800-1200 BTU pro Kubikfuss und um euch nicht vollends zu verwirren gehen wir hier von 1000 BTU/Kubikfuss aus, dann wird nämlich alles viel einfacher und man kann folgendes behaupten:

MMBtu = Mcfe abhängig von der Gasqualität

Nachdem wir das geklärt hätten, werde ich im folgenden nur mehr MMBtu schreiben und euch gleich dieses Bild zeigen, welches ziemlich klar macht, was da in den letzten Jahren passiert ist.

Kosten Gas, USA, Germany, Japan, Cost of natural gas

Internationale Gaspreise, Quelle: www.energycomment.de

Im verlinkten Artikel sind die Hintergründe dazu recht gut beschrieben, deshalb hier nur die Zusammenfassung für den hochumjubelten Gaspreis in den USA und die von vielen in Österreich und Deutschland hochgejubelte „Energiestrategie“, bei der behauptet wird, die USA wäre so viel klüger als die dummen Europäer, die auf erneuerbare Energien setzen. (Die Kohlegeschichte erspar ich euch jetzt, das ist eine andere Baustelle). Hier zusammengefasst:

  • Die Gaspreise waren bis letztes Jahr vor allem deshalb so niedrig weil es auf einmal viel Schiefergas, aber keine Exportmöglichkeiten gab (lange war es in den USA verboten Energie zu exportieren).
  • 2009 war das so stark, dass man sich von den britischen Gaspreisen entkoppelt hatte.
  • Der Unterschied zwischen den Regionen innerhalb der USA ist sehr groß und nicht überall ist Gas so billig (Liegt vermutlich auch hier an der fehlenden Verteilungsstruktur).
  • Die Preise steigen wieder und derzeit schreiben die Gasunternehmen ein fettes Minus, weil sich Fracking zu dem Preis nicht ausgeht. Dazu später mehr.
  • Ab 2015 wird es Exportmöglichkeiten geben und der Preis wird auch dadurch vermutlich wieder auf das Vorkrisenniveau zurückkehren.

Die Kosten von Fracking

Der Hausverstand sagt uns vorab, dass Gas aus Fracking (Hydraulic Fracturing) nicht billiger sein kann als klassisches Erdgas, da dieses lange Zeit als Nebenprodukt der Erdölförderung „angefallen“ ist und sich dadurch, dass es unter der Erde unter Druck steht, quasi selbst nach oben befördert hat. Hier ist wohl eher das Problem, dass man es oben einfängt und nicht einfach in die Atmosphäre entweichen lässt, wie das leidige Thema Flaring (Abfackeln von Erdgas) zeigt. Beim in Steinen eingeschlossenem Schiefergas ist es aber leider so, dass das Gas nicht so gerne an die Oberfläche kommt. Es fühlt sich dort unten eigentlich recht wohl aber mit viel Aufwand und noch mehr Chemie, wird versucht das Zeug irgendwie aus den Steinen raus zu pressen und nach oben zu befördern.

Frackingkosten um 70% höher als konventionelles Erdgas

Mein Hausverstand hat mal wieder gesiegt. Forscht man ein wenig in den Tiefen der Energiestudien, wird auch vom IFO (Institut für Wirtschaftsforschung) wissenschaftlich belegt, dass Hydraulic Fracturing deutlich teuer ist, als konventionelles Erdgas. Die Förderkosten liegen mit $1,90/MMBtu laut dieser Quelle um 70% darüber. Auch Hans Georg Babies von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe hat die Wirtschaftlichkeit von Fracking untersucht und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass ein Problem der Förderung ist, dass diese Schiefergasfelder nach wenigen Jahren „leer“ sind und dadurch viel mehr Bohrlöcher notwendig sind und jetzt haltet euch fest: So ein Loch kostet zwischen drei und zehn Millionen Dollar!! Mehrere HUNDERT solcher Bohrungen sind aber nötig. Ihr dürft selbst ausrechnen, was das bedeutet.

Sind es nun $1,9/MMBTU oder doch $ 4, $ 4,5 oder $ 7/MMBtu?

Die Zahl des IFU in Ehren. Da 2010 schon fast Steinzeit im Energiezeitalter ist, würde ich dieser Zahl nicht allzuviel Relevanz beimessen, wenn sie auch einen guten Ausgangspunkt bildet. In einem sehr sehenswerten Beitrag der Houston Geological Society (siehe unten) findet man folgenden deutlich aktuelleren Satz:

[su_quote cite=“Wood Mackenzie im Oil & Gas Journal, Juli 2013″]“Nearly all current US gas drilling is economic at prices above $4/MMBtu“[/su_quote]

Hmm, mindestens $4/MMBtu egal welches Gas gerade gefördert wird. Ebendort wird auch erwähnt, dass man sich nicht ganz einig ist ob die $ 4 jetzt reichen, oder ob es vielleicht doch $4,5/MMBtu oder sogar $ 7/MMBtu sind.

Verglichen mit der oben gezeigten Grafik, wird auch klar, warum die Investitionen in Fracking so stark zurückgegangen sind. Wenn Gas wegen eines kurzfristigen Überangebotes nur $ 3,7/MMBtu kostet, es aber nur ab $ 4 aufwärts wirtschaftlich ist, wird es eng und es ist absehbar, dass dieses Billigniveau nicht nachhaltig und schon gar nicht langfristig ist.

Hier auch noch eine Zusammenfassung eines Beitrages der Houston Geological Society

  • Nach 10 Jahren Schiefergasproduktion in den USA wird klar: Schiefergas ist „a commercial failure“ also ein wirtschaftliches Disaster.
  • Die USA hat zwar sehr viel Schiefergas aber damit es wirtschaftlich wird, muss der Gaspreis kräftig steigen
  • Shale Plays – Die Schieferspielereien sind eine Pensionistenparty und die Katerstimmung ist nicht zu übersehen.

Das mit der Pensionistenparty ist ein besonders böser Teil des Videos unten, aber jetzt wo ich drüber nachdenke, kenne ich nur alte Männer, die vom billigen Schiefergas träumen… und junge Männer, die diese alten Männer als Chefs haben… Ein Fünkchen Wahrheit könnte also dran sein.

Aber in den USA sind die CO2 Emissionen deshalb zurückgegangen!

Ein Argument das ebenfalls gerne gebracht wird, ist dass die USA wegen des Fracking Booms ja so viel besser in Sachen Klimaschutz dastehen. Diesen Menschen sei dieser Artikel von Georg Guensberg ans Herz gelegt der kritisch hinterfragt ob Fracking das Klimaproblem löst? Hier ein Teil der Conclusio:

  • Schiefergas löst das Klimaproblem nicht. Es kann unter Voraussetzungen wie in den USA eine temporäre Alternative zur Kohle sein, wird aber nicht wirken, wenn nicht unabhängig davon regulative oder preissteigernde Maßnahmen für die CO2-Schleuder Kohle ergriffen werden.
  • Jede Strategie, die darauf abzielt, fossile Energie möglichst billig anzubieten, wird letztlich zu einem Anstieg des Energieverbrauchs und der Treibhausgasemissionen führen – auch wenn das die Lobbies einzelner Branchen nicht gerne hören.

Der größte Unterschied zwischen USA und Europa: Einer hat eine Strategie, der andere nicht.

Was man den Amis aber lassen muss. Sie haben zumindest eine Strategie. Diese heisst Energy Independence. Und dabei ist nicht festgelegt, ob diese Unabhängigkeit durch Gas erreicht wird. Wer die Flexibilität der amerikanischen Denke kennt, wird voraussagen, dass sobald Energie in den USA wieder teurer wird, der Schwenk ganz schnell in Richtung Erneuerbare gehen könnte. Erste Anzeichen dazu sind schon absehbar. Das Ziel ist Unabhängigkeit und wie diese erreicht wird, wird am Weg entschieden.

Wenn die Amis klug sind, werden sie die Chance nutzen und den Energiemarkt so aufstellen, wie es Europa schon länger vorhaben sollte. Ausbau von Erneuerbaren und einen immer kleiner werdenden Anteil von Gas als Regelenergie, welches dann auch höhere Preise erzielen kann.

Genau diese amerikanische Zielstrebigkeit vermisse ich in Europa. Da wird neidisch auf das amerikanische Gas geschaut anstatt neidisch auf die Gesamtstrategie zu schauen. Dabei sind nicht der Inhalt der Gesamtstrategie entscheidend, sondern der Umstand DASS es eine Strategie gibt. Also bitte, hören wir auf da neidisch rüber zu schauen. Bis wir die amerikanische Strategie in Europa implementiert haben, haben die schon wieder auf die aktuellen Gegebenheiten reagiert und gehen in eine andere Richtung. Denken wir lieber darüber nach, wie die gemeinsame Energiestrategie für ein erneuerbares Europa aussehen kann. Dabei wird Gas auf jeden Fall eine Rolle spielen, aber ganz sicher nicht Schiefergas.

Hier noch das Video: Was sie immer schon über Shale Gas wissen wollten.

Titelbild: madochab / photocase.com, Grafik: Energycomment

Nachtrag:

Die ELEEP Meetings in Brüssel haben noch sehr viele andere Informationen zu diesem Thema zu Tage befördert und viele meiner Vermutungen wurden bestätigt. Der Gaspreis ist deshalb so billig, weil Öl eben gerade so teuer ist und die Amis deshalb wie wild Öl fördern. Dabei fällt viel überschüssiges Gas an, was widerum den Gaspreis drückt und die Frackingfelder unwirtschaftlich macht. Eigentlich alles sehr logisch aber die Europäer scheinen das nicht verstehen zu wollen…

 

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Darf’s ein bisschen mehr sein? Passend zum Thema:
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5 Kommentare zu “Die Kosten von Shale Gas und warum Fracking einfach nicht billig ist”

  1. Ludwig Memmer

    Hi,

    schöner und guter Artikel. Leider ein paar (zu viele) Rechtschreibfehler drin (meist Buchstaben vergessen…Aufregung?)
    sunny greets

  2. Jan Gesthuizen

    Hat mir gut gefallen. Vor allem der Hinweis auf die klare Unabhängigkeitsstrategie der Amerikaner. Wer sich gerade den Streit mit Russland ansieht, der braucht auch nicht an den Klimawandel zu glauben, um zu sehen, dass Unabhängigkeit extrem wichtig ist.

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