Fracking in Hamburg – Interview mit einer Vierländerin

Kurz nachdem hier auf Ecoquent Positions mein Artikel „Fracking in Deutschland“ veröffentlicht war, traf ich in einer Facebook-Diskussion um die ZDF-Reportage „Problem Fracking – ZDF Zoom 2011“ auf Bianca. Sie kommentierte unter anderem „… Ein Problem, das wir leider auch direkt vor der Haustüre haben.“ Ich bat Bianca sofort um ein Interview, um die Sicht der Anwohner einer Fracking-Zone kennenzulernen. Bianca Ziegler erklärte sich prompt dazu bereit und hier kommt eine Mitschrift unseres anschließenden Gesprächs.

Fracking vor der Haustür – eine Vierländerin in Sorge

Doreen Brumme für Ecoquent Positions: Bianca, Du wohnst in Altengamme. Lebst Du dort mit Deiner Familie?

Bianca Ziegler, 30: Ja, meine kleine Familie besteht aus meinem Mann und unserer Hündin.

Ecoquent Positions: Altengamme ist Teil der sogenannten Vierlande – ein gut 77 Quadratkilometer großes Gebiet im Stadtbezirk Bergedorf, das aus meiner Sicht Hamburgs fruchtbarer Obst- und Gemüsegarten ist. Was gefällt Dir besonders an Deinem Zuhause? Warum lebst Du dort gerne?

Bianca Ziegler: Wegen der Natur. „Hamburg“ mag städtisch klingen, aber wir leben hier inmitten von Natur- und Vogelschutzgebieten, inmitten von Feldern, die auf Genmanipulation verzichten. Mit einem Fußweg von 15 Minuten erreiche ich den Elbdeich, die Borghorster Elblandschaft, um genau zu sein. Weitere Infos über die Region finden deine Leser auf der Internetpräsenz der Stadt Hamburg und beim NABU. Mein Mann und ich wollten mitten rein in die Natur, möglichst wenig Menschen um uns, möglichst wenig Verkehr – und möglichst viel Natur.

Ecoquent Positions: Bianca, Deinem Kommentar auf Facebook entnahm ich deine Sorge. In der Nähe Deines Zuhauses wird / soll nach unkonventionellem Erdgas gebohrt werden. Mit der umstrittenen Methode „Hydraulic Fracturing“, kurz: „Fracking“. Warum sorgst Du Dich deshalb?

Bianca Ziegler: Richtig, Fracking ist hier in der Gegend ein großes Thema. Die Vierlande, das Gebiet, in dem wir leben, ist bereits zum Fracken freigegeben worden. ExxonMobil beziehungsweise die Tochter BEB Erdgas und Erdöl GmbH haben die sogenannte Aufsuchungs-Erlaubnis erhalten, in den Vierlanden nach Ergasvorkommen zu suchen. Ich habe vor gut zwei Wochen von der Freigabe in der Region erfahren und umgehend damit aufgehört, Leitungswasser zu trinken, weil ich Angst vor Verunreinigungen und Chemikalien habe.

Um das bei unserer Hündin zu vermeiden, wird künftig eine Regentonne ihren Platz im Garten finden. Davon abgesehen fürchte ich mich davor, was mit unserer wunderschönen Umgebung passieren wird. Enteignungen zugunsten des Profits sind ja keine Seltenheit mehr – was passiert, wenn die Felder in den Vierlanden oder gar die unter Naturschutz stehenden Wiesen in die Hand der Ölmultis geraten und unsere Umgebung zerstört wird? Was passiert, wenn Chemikalien während der Bohrungen austreten? Wasser ist Lebenselixier für Mensch und Umwelt, genauso wie die Luft, die wir atmen. Noch sind Wasser und Luft sauber, aber wie wird das sein, wenn die Bohrstationen errichtet werden? Das macht mir wirklich Sorgen.

Ecoquent Positions: Bianca, würdest Du Konsequenzen ziehen, wenn das Fracking bei Dir großtechnisch durchgeführt wird? Könntest Du Dir vorstellen, Dein Zuhause zu verlassen / verlassen zu müssen?

Bianca Ziegler: Ein ganz klares … Jein. Einerseits will ich meine Familie und mich schützen. Andererseits denke ich, dass wir Anwohner dagegen kämpfen müssen. Und wenn wir weg sind, haben die Konzerne freie Fahrt. Ich denke, das würden wir in Ruhe diskutieren und dann eine gemeinsame Entscheidung fällen: Fliehen oder kämpfen und damit die Gesundheit aufs Spiel setzen? Keine leichte Entscheidung …

Ecoquent Positions: Von wem geht die konkrete Bedrohung aus?

Bianca Ziegler: ExxonMobil ist der Konzern, von dem die Bohrungen ausgehen. (Laut Wikipedia ist der BEB-Konzern größter deutscher Erdgas- und Schwefelproduzent. Nahezu die Hälfte des in der Bundesrepublik produzierten Erdgases würden demnach aus der BEB-Produktion gedeckt. Die Explorations- und Produktionsaktivitäten (Upstream) des BEB-Konzerns erstreckten sich über das gesamte Bundesgebiet mit Konzentration auf Niedersachsen. – Anmerkung: Ecoquent Positions.)

Ecoquent Positions: Bianca, glaubst Du, dass die Frackingfirma BEB Dich umfassend mit den Gefahren des Frackings bekannt macht?

Bianca Ziegler: Nein! Mit Sicherheit nicht – zum einen habe ich mich informiert und wurde nicht informiert, zum anderen werden die Ölmultis einen Teufel tun! Allein der TV-Spot von ExxonMobil ist eine Frechheit; hier wird nicht aufgeklärt, hier wird mit Lügen geworben.

Ecoquent Positions: Gibt es aktuelle Reaktionen auf die Bedrohung, zum Beispiel seitens der Anwohner oder der Lokalpolitik?

Bianca Ziegler: Die LINKE hat sich bereits an das Bezirksamt Bergedorf gewendet (Schriftliche große Anfrage vom 20.12.2012). Es ist auch die LINKE, die sich um Informationsveranstaltungen in der Region kümmert. Dazu werden Experten für Bergbau und Bergerecht angesprochen. Daneben haben CDU-Ortspolitiker einen Antrag eingebracht (Schriftliche kleine Anfrage vom 20.01.2012). Während also die Stadt Hamburg die Erlaubnis zur Erdgassuche durch ExxonMobil beziehungsweise der Tochter vorliegen hat, wehren sich die Ortsverbände der Parteien.

Ecoquent Positions: Fühlst Du Dich von der Politik / den Politikern in dieser Sache gut vertreten?
Bianca Ziegler: Ich finde es sehr positiv, dass die Reaktionen seitens der Politik in der Region so ausgefallen sind. Dass die LINKE sofort aktiv wurde, wenige Stunden, nachdem sie vom Fracking in den Vierlanden erfahren hat. Auch bei der CDU, SPD, bei den Grünen und den Piraten lese ich immer wieder das Wort „unverantwortlich“. Meinem Empfinden nach ist die LINKE diesbezüglich die Partei, die am schnellsten und besten reagiert: Veranstaltungen und Aufklärung. Das ist wichtig, denn von der Stadt Hamburg dürfen wir offenbar nichts erwarten.

Ecoquent Positions: Ist das Fracking bei Dir im Ort Gesprächsthema?
Bianca Ziegler: Im Alltag sind mir keine Gespräche übers Thema begegnet, aber wie gesagt: Wir leben hier in einer eher menschenarmen Gegend (lacht). Die Seite vierlaender.de engagiert sich extrem, hier beziehe ich meine Informationen her und von der Seite weiß ich, dass die Menschen in der Umgebung Fracking durchaus als Gesprächsthema haben.

Ecoquent Positions: Bianca, eEngagierst Du Dich gegen das Fracking?
Bianca Ziegler: Ich engagiere mich mit Informationen, mit Interviews wie diesem und mit selbst gestreuten Infos im Web. Aufgrund unserer redaktionellen Arbeit haben mein Mann und ich Kontakte, um über Fracking informieren zu können – die Presse schläft glücklicherweise nicht.

Ecoquent Positions: und Deine Nachbarn, engagieren sie sich gegen das Fracking vor der Haustür?

Bianca Ziegler: Nachbarn engagieren sich im Rahmen der Veranstaltungen gegen Fracking. Hinzu kommen Petitionen, die bereits viele Unterzeichner fanden.

Ecoquent Positions: Gibt es einen direkten Draht zu politischen Akteuren?
Bianca Ziegler: Ich selbst habe keinen Kontakt zu politischen Akteuren, aber die Veranstaltungen gehen teilweise von Parteien, teilweise von Bürgern aus – dort sind Politiker anwesend.

Ecoquent Positions: Bianca, was wünscht Du Dir für die Zukunft?
Bianca Ziegler: Ein sauberes, Fracking-freies Leben (lacht). Von der Politik erwarte ich mir, dass Menschen- und Tierleben mehr zählen als Geld. Von den Konzernen erwarte ich, dass sie Verantwortung übernehmen und entsprechend handeln. Beides ist utopisch, insbesondere meine Erwartungshaltung gegenüber den Konzernen.

Ich wünsche mir, dass ich Leitungswasser trinken kann, ohne mir Sorgen machen zu müssen. Dass unsere wundervolle Natur erhalten bleibt. Dass wir nicht den Gefahren ausgesetzt werden, die das Fracking mit sich bringt.

Von den Bürgern in der Nachbarschaft wünsche ich mir, dass sie alternativen Energiegewinnungen zustimmen – das muss ich Dir schnell noch erklären: Es findet sich in der Gegend kaum ein Haus, in dessen Garten nicht ein Schild prangt mit: „Windenergie – ja, aber so nicht!“ (Kopfschütteln) Dann wird darüber gemeckert, dass die Erzeugung von Windenergie das Ortsbild versaue und laut sei. Ich wünsche mir, dass diese Doppelmoral aufhört: Einerseits laut gegen Fracking schreien – das finde ich völlig richtig! – andererseits aber gegen Alternativen angehen. Funktioniert in meinen Augen nicht. Ich wünsche mir, dass wir mehr auf Windenergie und andere saubere Alternativen setzen und dass Fracking aufgrund unserer Verantwortung gegenüber unserem Planeten schnellstmöglich ein Ende findet.

Doreen Brumme für Ecoquent Positions: Bianca, vielen Dank für das informative Gespräch!

Als Hamburgerin bin ich wegen der Umweltprobleme, die das Fracking in den Vierlanden verursachen kann, ebenfalls in Sorge. Ich fürchte um meinen Obst- und Gemüsegarten ebenso wie um das Stück Natur vor meiner Haustür, das mir als Ausflugsziel sehr am Herzen liegt.

Foto: Bianca Ziegler

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2 Kommentare zu “Fracking in Hamburg – Interview mit einer Vierländerin”

  1. Doreen Brumme

    Die Bundesregierung hat gestern bekannt gegeben, dass der umstrittene Gesetzentwurf zum Fracking in Deutschland, den Union und FDP einbringen wollten, nicht mehr in dieser Legislaturperiode einzubringen. Ein Sieg für die Frackinggegner? Wohl nicht, denn die Lobby der Frackingverfechter ist stark. Und deshlab ist nach der Bndestagswahl irgendwie auch wieder vor der Wahl …

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