Stopp in the Name of Love!

Hinsehen! Denn Wegsehen verhindert den Klimakollaps nicht!

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Das Klima kollabiert. Die Anzeichen vom bevorstehenden Klimakollaps mehren sich rund um den Erdball. Doch es gibt keine adäquate Berichterstattung dazu – die angesichts der Dramatik der Klimaereignisse zu erwartende Aufmerksamkeit der Weltbevölkerung bleibt aus. Und somit auch das aus dem Wissen resultierende Dagegenhandeln. Wir müssen hinsehen! Denn das Wegsehen wird uns alles kosten. 

Es ist ja nicht so, als wüsste keiner, wie es um unser Klima steht. Die Wissenschaft, zumindest ein Teil davon, zeigt seit Jahren das uns bevorstehende tödliche Szenario auf, das sie Tag für Tag mit neuen Daten aktualisiert. Dennoch führt das Wissen zum Klimakollaps nicht dazu, dass wir unsere Kenntnisse und Kräfte bündeln und alles Menschenmögliche unternehmen, um unser Klima zu retten – zumindest das, was davon noch zu retten ist.

Die Frage ist, warum nicht genug getan wird, um der größten globalen Katastrophe global entgegen zu treten. Liegt es an fehlender oder zu schwacher Betroffenheit? Liegt es an fehlendem Wissen zu Ursache und Folge sowie dem kausalen Zusammenhang beider? Funktionieren unsere Urinstinkte nicht mal mehr? Angesichts einer Gefahr ist der Mensch doch darauf gepolt, entweder zu erstarren (freeze), wegzurennen (flight) oder sich ihr entgegen zu stellen (fight).

Kaum jemand erstarrt. Viele fliehen: 2020 seien über 30 Millionen Menschen laut Angabe der UNO, auf der Flucht vor Naturereignissen wie Dauerregen, langanhaltenden Dürren, Hitzewellen und Stürmen gewesen – sie verließen ihre Heimat demnach sowohl kurz- als auch langfristig. Doch wo sind die Fighter? Wobei mit Fighten gezieltes Handeln gemeint ist: Es gibt so viele Möglichkeiten, gegen die Klimakatastrophe vorzugehen. Die Wissenschaft hat längst zig Pläne aufgestellt, was wie von wem wann zu tun ist. Wir stecken im Knowing-Doing-Gap fest. 

Denn noch nichts passiert im dem globalen Maße, wie es nötig ist. Woran liegt das? Nehmen wir den drohenden Klimakollaps nicht als Gefahr wahr? Unterschätzen wir noch immer seine Gefährlichkeit? Glauben wir, wenn wir nicht hinsehen, wird er ausbleiben? Schluss damit: Stopp, in the name of love! Lasst uns besser ganz genau hinsehen.

Auf Telepolis, einem Angebot von heise.de, hat einer dieser Tage den Mund aufgemacht und einen augenöffnenden Gastkommentar mit dem Titel “Die Unbelehrbaren: Mit immer mehr Kohle, Gas und Öl Richtung Abgrund” geschrieben: Hans-Josef Fell. Er ist laut der Erklärung unter dem Beitrag “Präsident der Energy Watch Group und Mitautor des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes (EEG). Von 1998 bis 2013 war er für die Grünen im Bundestag. Er hat zahlreiche Preise und Auszeichnungen für sein Engagement erhalten. Fell ist Botschafter für 100 Prozent Erneuerbare Energien.”

Augenöffnend ist der Gastkommentar insofern, als dass Hans-Josef Fell – und dafür DANKE! – mit seltener Offenheit den Finger auf die wunden Punkte legt:

  • Auf die verheerende Unbelehrbarkeit über die wirkliche Dramatik der Erdüberhitzung – die, angefangen “von Wissenschaft über Medien bis hin zu Politik und insbesondere in die Chefetagen der fossilen Konzerne ” reiche.
  • Auf die Tatsache, dass laut dem gerade vorgelegten “Renewables 2022 Global Status Report”  die Energiewende weltweit zum Erliegen gekommen sei.  Der Anteil der erneuerbaren Energien am weltweiten Energieverbrauch liege demnach für das Jahr 2020 bei 11,7 Prozent. Gegenüber dem Jahrzehnt davor sei somit kaum eine Steigerung zu verzeichnen.
  • Auf den zeitgleichen Run auf fossile Brennstoffe.
  • Auf die wegen der anderen Krisen wie Pandemie, Kriege fehlende Aufmerksamkeit der (breiteren politischen) Öffentlichkeit für die dramatische Erdüberhitzung, das schnell schwindende Treibhausgasbudget für die Verhinderung der gefährlichen Erdüberhitzung und die heute notwendige Energie-Revolution, um das Schlimmste noch zu verhindern.

Hans-Josef Fell startet seinen lesenswerten Gastkommentar zum Klimakollaps mit dem Klimawandel und seinen Folgen, die bereits heute viele Menschen weltweit, auch uns in Deutschland, betreffen. Und mit der geringe medialen Präsenz, die die Meldungen darüber in unseren Medien und damit in unserer Wahrnehmung haben. Fell weist darauf hin, dass diese in weiten Weltregionen für viele Menschen schon tödlichen Wetterextreme aktuell bei einer Erdaufheizung von 1,2 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau stattfänden. Und er fragt zu Recht: Was wird erst bei 1,5 oder gar 2 Grad Celsius passieren – ein Zustand, den der größte Teil der Menschen, Medien, Wissenschaftler und Politik scheinbar als akzeptabel ansehen?

Er beklagt weiter zu Recht, dass die “banale physikalische Erkenntnis” dazu, dass die Atmosphäre längst übervoll mit Treibhausgasen sei,  nicht einmal bei vielen Wissenschaftler anzukommen scheint. Noch immer würden sie hoch kompliziert berechnen, schreibt Fell weiter, welches Kohlenstoffbudget die Menschheit noch bis 2050 oder 2030 habe, um 1,5 Grad Celsius nicht zu überschreiten. Womit sie blind dafür handelten, dass dann 1,5 Grad längst überschritten sein würden und jede Emission die Erde weiter auf dem 3-Grad-Pfad lasse, mit welchem die Auslöschung menschlicher Zivilisation für den größten Teil der Menschheit schon für 2050 klar vor Augen sei.

Mit scharfem Verstand identifiziert Fell dann auch den Grundfehler der Klimawissenschaft: Die Botschaft, wonach die Welt noch ein “ungefährliches” und damit erlaubtes Kohlenstoffbudget hätte. Damit würde, so argumentier er weiter, der Welt immer signalisiert werden, dass sie ruhig noch weiter emittieren könne. Und genau das habe dann die Weltgemeinschaft getan, mit der fatalen Folge, dass wir heute bei 421 ppm stünden.

Und selbst bei 421 ppm werde uns mit dem Benennen eines Kohlenstoffbudgets noch immer signalisiert, wir könnten ja noch eine weitere Menge Treibhausgase emittieren.

 Fell gibt zu, dass man angesichts der Unbelehrbarkeit so vieler Erwachsener an entscheidenden Positionen verzweifeln könne. Zugleich weist er auf das gute  Verständnis der Jugendlichen für die wirkliche Dramatik der Erdüberhitzung hin, deren Zukunft wir Erwachsenen ihm zufolge zerstören würden. Ein Großteil der heutigen jungen Generation habe demnach längst begriffen, dass heute über ihr Überleben in 20 Jahren entschieden werde. Sie mahnten mit Recht an, dass sich die gesamte Gesellschaft an den Beschluss des Bundesverfassungsgerichtes zu halten hätte, wonach jetzt die Bundesregierung das Überleben der heute jungen Generation sichern müsse.

Abschließend erwähnt Fell ein Beispiel für gewaltfreien zivilen Ungehorsam angesichts schreiender staatlicher Ungerechtigkeiten. Und er fragt, wie der Rechtsstaat in Deutschland mit diesen Verzweiflungstaten umgehe. Demnach sei ein junger Student an der Uni München von der Polizei abgeführt worden, weil er es gewagt hätte, einige Flyer der Letzten Generation [die nach eigenen Angaben den Klimakollaps noch aufhalten könne – Anmerkung der Redaktion] aufzuhängen. Fell fragt, was das für ein Staat geworden sei, der junge Menschen, die aus Verzweiflung über die Untätigkeit zum Klimaschutz von weiten Teilen der Gesellschaft, mahnende Flyer aufhängten und dann gleich von der Polizei abgeführt würden?

Vor diesem Hintergrund stellt Fell dann die entscheidende Frage: Wo ist die Polizei, die in die Chefetagen der fossilen Wirtschaft eindringe und diese abführe, weil diese massenhaft neue Investitionen in neue Treibhausgasemissionen mit Erdgas, Erdöl, Kohle finanzierten und sich so nicht an das Grundgesetz zum Schutze der künftigen Generationen hielten? Diese Manager organisierten Fell zufolge die Auslöschung der Zukunft nicht nur des jungen Münchner Studenten, sondern großer Teile der gesamten menschlichen Zivilisation und blieben bisher ungeschoren.

Und so kommt Fell zu dem Schluss, dass “bei einem Ausführen der großen geplanten Investitionen in die Erschließung neuer fossiler Fördergebiete und Infrastruktur die menschliche Zivilisation mit diesen aktuellen Handlungen von Konzernen und großen Teilen der Politik nicht mehr zu retten” sei. Sein Schlussausruf: “Was für ein Versagen der Demokratie!”

Foto: Doreen Brumme