Österreich: „Die Presse“ schreibt, wie Wärmewende gehen könnte – doch keinen schert‘s

Wärmewende-Konzepte werden ignoriert

Die nach Leserzahl fünftgrößte überregionale Zeitung Österreichs, „Die Presse“, stellte gerade eine „Roadmap“ vor, die die aktuell rückläufige Solarthermie des Landes wieder auf Wachstumskurs bringen soll. Mehr als 100 Detailmaßnahmen wurden in dem „Fahrplan zur Wärmewende“ ausgearbeitet.

Besonders wichtig, so schreibt Sophie Hanak für „Die Presse“, sei es für eine Trendwende auf dem österreichischen Wärmemarkt, „die Öffentlichkeit vermehrt in die Branche einzubeziehen“. Ihr Artikel ist sicher als ein Mittel zu eben diesem Zweck zu verstehen. Doch ein Blick auf die Social-Media-Buttons unter dem Online-Artikel lässt vermuten, dass das Thema Null Interesse findet. Schade! Und Grund genug für uns, die Roadmap hier auf dem Blog ausführlich vorzustellen.

Die „Roadmap ‚Solarwärme 2025‘ – Eine Technologie- und Marktanalyse mit Handlungsempfehlungen“ von den Autoren Christian Fink und Dieter Preiß vom Institut für Nachhaltige Technologien AEE Gleisdorf ist im Auftrag der österreichischen Bundesministerien für Verkehr, Innovation und Technologie, für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt- und Wasserwirtschaft und für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft sowie dem Branchenverband Austria Solar geschrieben worden.

Ich werde im vorliegenden Beitrag eine kurze Zusammenfassung der Roadmap liefern. Da die Roadmap mit zahlreichen spannenden Grafiken gespickt ist, die ich Euch nicht vorenthalten will, folgen dann in Kürze noch ein oder zwei bildlastigere Beiträge zur Roadmap.

Österreich und die Solarthermie – Statistisches

Doch nun genug der Vorrede, lasst uns auf den Solarwärmemarkt Österreichs blicken und entdecken, wie man ihm zu neuem Schwung verhelfen könnte!

Laut den Autoren der Roadmap waren Ende 2011 „weltweit 335,1 Millionen Quadratmeter (m²) Kollektorfläche installiert, was einer Leistung von 234,6 Gigawatt (GWth) entspricht. Die weltweit absolut größten installierten Leistungen an Flachkollektoren und Vakuumröhrenkollektoren befinden sich mit Ende 2011 in China (152,2 GWth), Deutschland (10,7 GWth) und der Türkei (10,2 GWth). Im Vergleich hierzu erreichte Österreich mit Stand 2011 eine installierte Leistung von rund 3,3 GWth und liegt an 8. Stelle. Bezieht man die installierte Leistung f diaue Einwohnerzahl (Leistung pro 1.000 Einwohner), weisen Zypern (541,2 kWth) und Israel (396,6 kWth) hier die mit Abstand höchste Solaranlagendichte auf. Aber bereits an 3. Stelle folgt Österreich mit 355,7 kWth pro 1.000 Einwohner.“

Weitere Zahlen, die den österreichischen Solarthermie-Markt charakterisieren:

  • Der Exportanteil an den im Jahr 2012 in Österreich produzierten Kollektoren (1,14 Mio. m²) liegt demnach bei rund 81 Prozent.
  • Und der Marktanteil von Kollektoren aus heimischer Fertigung belief sich 2012 in der EU 27 (und der Schweiz) auf ein gutes Drittel (33 Prozent).
  • Der Branchenumsatz betrug im Jahr 2012 345 Millionen Euro und ermöglichte durch primäre Arbeitsplatzeffekte rund 3.400 Vollzeitarbeitsplätze.
  • Insgesamt konnte durch die im Jahr 2012 insgesamt in Betrieb befindlichen Solaranlagen eine Vermeidung von knapp 460.000 Tonnen CO2äqu erreicht werden.

Wärmewende in Österreich – drei offene Fragen

Der Installationsrückgang von Solarthermie in den vergangenen vier Jahren in Österreich bildet den Hintergrund für drei konkrete Fragen, die die Roadmap zu beantworten versucht:

  • Wie können die zuletzt zweistelligen Rückgänge (in Prozent) bei den jährlichen Neuinstallationen abgefedert und möglichst rasch eine Trendumkehr herbeigeführt werden (zeitliche Perspektive 2014 bis 2025)?
  • Was können konkrete Maßnahmen für die Trendumkehr sein und welche Gruppe von Akteuren betrifft die Umsetzung?
  • Was sind die möglichen Beiträge von Solarwärme auf dem Weg in ein zuvor beschriebenes zukunftsfähiges Energiesystem bzw. in eine „Low-Carbon-Economy“ (zeitliche Perspektive 2025 bis 2050)?

Wie könnte die Wärmewende in Österreich aussehen? Drei Szenarien

Nach einer detaillierten Analyse des österreichischen und internationalen Solarthermie-Marktes und unter Berücksichtigung derzeit herrschender Rahmenbedingungen zeigt die Roadmap drei mögliche Entwicklungsszenarien auf, die sich sowohl in den jeweiligen Aktivitätsintensitäten als auch der Entwicklung externer Faktoren unterscheiden:

  1. Szenario „Business as Usual“

Szenario 1 steht für die Beibehaltung bisheriger Methoden, Modelle, Instrumente und Aktivitätsintensitäten ohne relevante technologische Entwicklungen und nennenswerte Kostensenkung für den Verbraucher zu erzielen. „Die Marktangebote reduzieren sich dabei bis 2025 praktisch auf das private Segment der Ein- und Zweifamilienhäuser“, schreiben die Roadmap-Autoren.

  1. Szenario „Forcierte Aktivitäten“

Szenario 2 geht im Vergleich zu Szenario 1 von erheblich gesteigerten Aktivitäten auf unterschiedlichen Ebenen (Branche, öffentliche Hand, Forschung & Entwicklung) aus, welche die aktuellen Erfordernisse der Technologie gezielt adressieren. „Relevante technologische Entwicklungen steigern die Wettbewerbsfähigkeit mit anderen Wärmetechnologien enorm und können in Verbindung mit angepassten Aktivitäten (Geschäftsmodelle, Markteinführungs-programme, etc.) den verschiedenen Zielgruppen (Kleinanlagen im privaten Bereich als auch gewerblich genutzte Großanlagen) zugänglich gemacht werden“, heißt es in der Roadmap.

  1. Szenario „Ambitionierte Aktivitäten“

Szenario 3 setzt im Vergleich zu Szenario 2 „noch deutlich gesteigerte Aktivitäten auf unterschiedlichen Ebenen voraus. Neben durchschlagenden Erfolgen im Bereich der Technologieentwicklung (Kostenreduktion um bis zu 60 Prozent bei Kleinanlagen bzw. 40 Prozent bei Großanlagen; Saisonale thermische Energiespeicher mit hohen Energiedichten sind kostengünstig verfügbar; Solarwärme ist integraler Bestandteil multifunktionaler Gebäudebauteile und andere mehr) und dem Einsatz neuer Geschäftsmodelle unterstützt eine von der Politik verabschiedete, ambitionierte österreichische Energiestrategie die Branchenangebote in allen Anwendungs-bereichen.“

Handlungsfelder für Akteure der österreichischen Wärmewende

Für die Entwicklung einer Handlungsstrategie haben die Roadmap-Autoren in einem nächsten Schritt vier Handlungsfelder festgelegt:

  1. Branchenaktivitäten
  2. Forschung & Entwicklung
  3. Rahmenbedingungen
  4. Begleitmaßnahmen.

Diese vier Handlungsfelder wurden mit spezifischen Intensitäten und ihrem Zusammenspiel mit den zuvor beschriebenen Szenarien verbunden. Die folgende Abbildung zeigt das Ergebnis dessen grafisch aufbereitet.

Maßnahmen & Handlungsfelder

Hinter den vier Maßnahmegruppen stehen über 100 einzelne Detailmaßnahmen, die in der Roadmap identifiziert werden. Doch dazu mehr im nächsten Beitrag.

Drei Szenarien für Österreichs Wärmewende und ihre Auswirkungen

Hier nur noch die Aussicht darauf, wie sich die Entwicklung der Wärmewende in Österreich vollziehen würde – je nachdem, welches Szenario ihr zugrunde läge. Dei Abbildung aus der Roadmap zeigt „hierzu in zusammenfassender und vergleichender Form (mit dem Jahr 2012) die mögliche Wirkung der drei definierten Szenarien anhand der 2025

  • in Betrieb befindlichen Kollektorfläche,
  • der solarthermisch erzeugten Wärme,
  • der vermiedenen CO2-Emissionen
  • und der erzielten Umsätze und der Vollzeitarbeitsplätze.

Zukunft der Wärmewende - drei Szenarien für Österreich

Die Roadmap-Autoren fassen die Grafik mit folgenden Worten zusammen:

Vergleicht man den aktuellen Umsetzungsstand (Ende 2012) mit dem Szenario 1 = „Business as Usual“ wird deutlich, „dass die insgesamt in Betrieb befindliche Kollektorfläche bei knapp 5 Millionen m² Kollektorfläche stagnieren wird. Die jährlich installierte Kollektorfläche entwickelt sich rückläufig (von rund 207.000 m² im Jahr 2012 auf rund 122.000 m² Kollektorfläche im Jahr 2025) und auch der erzielte Umsatz durch Solarwärmeanlagen reduziert sich erheblich (von rund 345 Millionen Euro im Jahr 2012 auf 275 Millionen Euro im Jahr 2025)“.

Gelänge es demnach eine Marktentwicklung in Anlehnung an das Szenario 2 = „Forcierte Aktivitäten“ zu erreichen, „beträgt die im Jahr 2025 installierte Kollektorfläche rund 441.000 m² Kollektorfläche, was im Vergleich zum Jahr 2012 mehr als eine Verdopplung bedeutet. Die insgesamt in Betrieb befindliche Kollektorfläche macht rund 6,6 Millionen m² Kollektorfläche aus. Der erzielte Umsatz steigt von rund 345 Millionen Euro in 2012 auf rund 600 Millionen Euro in 2025 bei gleichzeitigem Anstieg der geschaffenen Vollzeitarbeitsplätze von 3.400 auf rund 6.100.

Kann sogar eine Marktentwicklung in Anlehnung an das Szenario 3 = „Ambitionierte Aktivitäten“ erreicht werden, so die Roadmap-Autoren weiter, „beträgt die im Jahr 2025 installierte Kollektorfläche rund 822.000 m² Kollektorfläche, was im Vergleich zum Jahr 2012 rund eine Vervierfachung bedeutet. Die insgesamt in Betrieb befindliche Kollektorfläche macht in diesem Szenario in 2025 etwa rund 8,2 Mio. m² Kollektorfläche aus. Der erzielte Umsatz steigt von rund 345 Mio Euro in 2012 auf rund 990 Mio. Euro in 2025 bei gleichzeitigem Anstieg der geschaffenen Vollzeitarbeitsplätze von 3.400 auf rund 10.200″.

Anhand dieser Aussichten für Österreichs Solarthermie, die zwischen düster (Szenario 1) und sonnig (Szenario 3) variieren, wird klar, dass zwar viel getan werden muss, um die Wärmewende zu vollziehen – aber eben auch, dass sie machbar wäre, wenn viele an einem Strange zögen. Wer was tun könnte, dazu mehr in den anderen Beiträgen zur Roadmap.

Fotos: pixelhans / photocase.de (Titel), AEE (2 Grafiken)

 

 

 

 

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