Das erste internationale Solarthermie-Interview ist da

Pedro-Dias

Das große internationale Ecoquent-Interview mit dem ESTIF Generalsekretär Pedro Dias

Inhaltsverzeichnis

Es hat etwas gedauert, aber nun sind wir heilfroh, Euch endlich das Interview mit Pedro Dias, Generalsekretär der ESTIF, zur aktuellen Lage der Solarthermie zu präsentieren. Pedro stellt sich heute ausführlich den Fragen von Ecoquent Positions. Kurz zur Erinnerung: ESTIF steht für „European Solar Thermal Industry Federation“ und ist der europäische Dachverband der Solarthermie-Branche. ESTIF vertritt 95 Prozent des heutigen Solarthermie-Marktes mit mehr als 100 Mitgliedern (Hersteller, Dienstleister und nationale Verbände der Solarthermie-Branche). Die Hauptgeschäftsstelle von ESTIF ist im Renewable Energy House in Brüssel, Belgien. Wer noch mehr zur ESTIF wissen will, guckt hier auf einen unserer ersten Artikel. Wir haben das Interview auf Englisch geführt – und die Fragen und Antworten auch ins Deutsche übersetzt. Ihr findet jeweils die englische und deutsche Frage/Antwort zusammen. Viel Spaß!

Ecoquent Positions: Pedro Dias, could you please briefly explain ESTIF and what is your position  within the organisation?

Pedro Dias: As ESTIF Secretary General, the daily management of the organisation is the most obvious responsibility. Being a European trade association, one of the main roles includes representing the solar thermal industry towards external and internal stakeholders, planning and managing the organisation’s advocacy and policy work, in coordination with the Board of Directors, monitoring the whole range of issues affecting solar thermal markets, proactively identifying upcoming issues and coordinating the external and internal communication work.

Pedro Dias, würden Sie bitte als Erstes kurz erklären wer oder was ESTIF ist und welche Position Sie dort innehaben?

Als Generalsekretär von ESTIF obliegt das tägliche Managen der Organisation vorrangig meiner Verantwortung. Eine meiner Hauptaufgaben ist es, ESTIF – als den europäischen Handelsverband der Solarthermie-Industrie – gegenüber externen und internen Interessensvertretern zu repräsentieren. Hinzu kommen das Planen und Managen der politischen Interessen der Organisation und die Aufgabe, diese Interessen auch nach außen hin zu vertreten – in Abstimmung mit dem Vorstand. Dabei muss eine ganze Reihe von Aspekten berücksichtigt werden, die die Solarthermie-Märkte betreffen. Neue Entwicklungen müssen erkannt werden, um ihnen adäquat entgegentreten zu können. Die interne und die externe Kommunikation muss koordiniert werden.

What are your main goals for the upcoming years?

Our main focus will be on the policy work. There is a lot to do in terms of raising awareness amongst decision makers about solar thermal and renewable heating and cooling. Together with other partners from the renewable and energy efficiency sectors we have been active in this task and we start having the first signs that our efforts are paying off.

In terms of this work there are pressing issues for the industry, such as energy labelling and eco-design. This is the top priority for our work. This is an on-going process that will include solar thermal systems within the energy labelling framework, allowing for system including solar thermal to reach a package label of A+++. The conclusion of the regulatory process will be closely monitored; the implementation at national level will also be of the utmost importance and ESTIF must focus on the capacity building of its members at national level. Furthermore, ESTIF should play a pivotal role in partnering with different organizations, ensuring the active participation of the solar thermal industry.

Our policy work will also tackle pressing issues, such as energy security. We will also focus, mainly during the second semester, on pushing for an adequate implementation of the RES-Directive. It is now clear that Member States are behind target for renewable heating and cooling and the Commission, under the ceasing leadership, as not been as active on assuring the proper implementation of this Directive as it should.

And we cannot ignore the discussions on the 2030 Energy and Climate Package. The initial proposal from the Commission is not ambitious, not too say that it is ambiguous. A serious discussion on 2030 needs to address the forgotten 45% of the energy system – Heating and Cooling. As these needs are mostly decentralised, happening at local level, they become sort of invisible to the Brussels line of sight and that is not acceptable.

Regarding organizational priorities, the main focus must be on improving the services provided by ESTIF to its members and extend the membership base.

Was sind die wichtigsten ESTIF-Ziele für die kommenden Jahre?

Unser Hauptaugenmerk wird weiterhin auf die politische Arbeit gerichtet sein. Es ist eine Menge zu tun, um Entscheidungsträger für die Themen Solarthermie und erneuerbares Heizen und Kühlen zu sensibilisieren. Gemeinsam mit anderen Partnern aus dem Bereich der Erneuerbaren Energie und Energieeffizienz sind wir in dieser Sache aktiv und können erste Anzeichen dafür sehen, dass sich diese Aktivität auszahlt.

Für die Industrie gibt es bezüglich dieser Aufgabe dringende Probleme wie die Energieverbrauchskennzeichnung und das Öko-Design zu lösen. Das hat oberste Priorität in unserer Arbeit. Wobei dies ein fortlaufender Prozess ist, der auch die Energieverbrauchskennzeichnung von Solarthermie-Anlagen einbezieht, so dass die Rahmenbedingungen gesetzt werden, um die Anlagen mit einem A+++ auszuzeichnen. Den Abschluss des Zulassungsverfahrens werden wir genau beobachten; die Umsetzung dessen auf nationaler Ebene ist von größter Bedeutung. ESTIF muss sich dabei auf den Aufbau von Kapazitäten ihrer Mitglieder auf nationaler Ebene konzentrieren. Darüber hinaus sollte ESTIF eine zentrale Rolle in der Zusammenarbeit mit anderen Organisationen spielen, um zu gewährleisten, dass die Solarthermie-Industrie aktiv an dem Ganzen beteiligt ist.

Unsere politische Arbeit wird auch dringende Aufgaben wie die Energiesicherheit angehen. Wir werden, insbesondere im zweiten Halbjahr, auf einer angemessenen Umsetzung der RES-Richtlinie bestehen. Inzwischen ist klar, dass die Mitgliedsstaaten hinter den gesteckten Zielen für erneuerbares Heizen und Kühlen liegen, und, dass die Kommission – unter der scheidenden Führung – nicht in dem Maße aktiv war, wie sie es hätte sein müssen, um diese Richtlinie ordnungsgemäß umzusetzen.

Und: Wir können nicht die Diskussionen über das 2030er-Energie-und-Klimapaket ignorieren. Der ursprüngliche Vorschlag der Kommission ist nicht ehrgeizig genug, um nicht zu sagen, dass er nicht einmal eindeutig ist. Eine ernsthafte Diskussion über 2030 muss die vergessenen 45 Prozent des Energiesystems einschließen, die das Heizen und Kühlen ausmachen. Da der Bedarf meist dezentralisiert ist, also auf lokaler Ebene verortet ist, ist er für Brüssel irgendwie unsichtbar geworden –  und das ist nicht akzeptabel.

In Bezug auf organisatorische Prioritäten muss der Schwerpunkt auf die Verbesserung der Dienstleistungen gelegt werden, die ESTIF für ihre Mitglieder leistet, und auf die Erweiterung der Mitgliederbasis.

Pedro, the solar thermal industry is in turmoil, what are the main reasons therefore?

There have been many discussions about this. The reasons vary from country to country. Though there are some points that can be identified. The main reasons stem from the financial crisis. This crisis lead to lower investment from citizens, either by caution or the need to reduce costs and increase savings, be it due to more difficult access to funding. This affected direct purchases or investments related to new buildings or large refurbishments. Another consequence of the crisis was the strong reduction of financial support to our technology in several countries. Additionally the financial crisis lead to an economic crisis, or slowdown worldwide, resulting in lower costs of fossil fuels.

Solar thermal has not been the only sector affected and today, in the heating market, there is clearly the idea that clients are with-holding investments, increasing the percentage of emergency replacements. Such cases are prone to adopt easy solutions, i.e., replacing the old equipment by a similar one, with limited works, making it harder for technology changes.

But I shall also mention that the Renewables Directive has created us difficulties. On one side, the implementation of the Directive is lagging behind its goals and provisions. On the other side, it created an unlevelled playing field for solar thermal with regard, for instance, solar photovoltaics, which were extremely leveraged with high tariffs, making it an interesting financial investment. It is hard to compete when we only provide savings on conventional energy when someone looks at alternatives as financial investments.

Pedro, die Solarthermie-Branche ist in Bedrängnis geraten, was sind Ihrer Meinung nach die Hauptgründe dafür?

Es gab viele Diskussionen darüber. Die Gründe variieren von Land zu Land. Gleichwohl gibt es einige erkennbare Punkte: Die Hauptgründe ergeben sich aus der Finanzkrise. Diese Krise führte zu geringeren Investitionen seitens der Verbraucher, sei es durch Vorsicht oder die Notwendigkeit, Kosten zu senken und Einsparungen vorzunehmen oder aufgrund schwierigeren Zugangs zu Finanzmitteln. Dies betraf Direktkäufe, Investitionen für Neubauten oder große Sanierungen. Eine weitere Folge der Krise war die starke Reduzierung der finanziellen Förderung für unsere Technologie in mehreren Ländern. Zusätzlich führte die Finanzkrise zu einer Wirtschaftskrise, einer weltweiten Abschwächung, was in niedrigeren Kosten für fossile Brennstoffe resultiert.

Solarthermie ist nicht der einzige Sektor, der betroffen ist. Im Heizungsmarkt herrscht unter Kunden klar die Meinung vor, Investitionen zurückzuhalten, was den Prozentsatz der Not-Instandsetzung erhöht. Solche Notfälle sind anfällig für einfache Lösungen, sprich: das alte Gerät wird von einem ähnlichen mit begrenzter Leistung ersetzt. Ein Technologiewechsel wird somit schwieriger.

Aber ich sollte auch erwähnen, dass die Richtlinie für Erneuerbare Energien selbst uns vor Schwierigkeiten stellt: Auf der einen Seite bleibt die Umsetzung der Richtlinie hinter den Zielen und Vorstellungen zurück. Auf der anderen Seite schuf sie ungleiche Bedingungen für Solarthermie und Photovoltaik zum Beispiel, die mit extrem hohen Tarifen genutzt wurde, so dass PV zu einer interessanten Geldanlage avancierte. Es ist schwer, zu konkurrieren, wenn wir einerseits nur Einsparungen an konventioneller Energie bieten, während andererseits jemand technische Alternativen als Finanzinvestition betrachtet.

In some european countries subsidies are given per square meter and not per yield. This sometimes led to the installation of low quality systems. What is ESTIF’s position on surface subsidies vs. yield subsidies?

The quality of the installations depend on several factors: the system design, the installation, the equipment. All these need to be tackled. The way the support mechanisms are designed makes a big difference. Subsidies based on surface can assure installation use good quality equipment by requiring the Solar Keymark with a minimum system performance, for instance. And it can promote good installation works by supporting the training and certification (or equivalent qualification) of installers. On the other hand, subsidies based on yield will not provide the desired results if there aren’t good flanking measures, be it regarding installers or verification.

In ESTIF we believe that the tendency will be to provide support based on the actual energy provided and not on the m² or yield. This is the case of the Renewable Heat Incentive in the UK. The domestic RHI is using assumptions at the moment, as the cost of installing monitoring systems in small installation (solar thermal or other) is still too high. In this trend, the yield will be more relevant, as long as the system is well dimensioned in order to provide the best possible energy cost over the year.

In einigen europäischen Ländern werden Förderungen pro Quadratmeter und nicht ertragsbezogen vergeben. Dies führte mitunter zur Installation von Systemen minderer Qualität. Was ist ESTIFs Position zur Frage Förderung pro Quadratmeter vs. Förderung des Ertrags?

Die Qualität der Anlagen hängt von mehreren Faktoren ab: dem System-Design, der Installation, der Ausrüstung. All diese müssen angegangen werden. Die Art, wie die Fördermechanismen konzipiert sind, macht einen großen Unterschied. Zuschüsse auf Basis der Fläche können eine gute Anlage mit guter Ausrüstung gewährleisten, wenn dieser einen Mindestertrag laut Solar Keymark liefert. Förderung kann aber auch gute Montagearbeit bewirken, indem sie die Ausbildung und Zertifizierung (oder eine gleichwertige Qualifikation) von Installateuren unterstützt. Auf der anderen Seite werden Zuschüsse auf Ertragsbasis nicht die gewünschten Ergebnisse liefern, wenn es nicht gute, begleitende Maßnahmen bezüglich der Installateure oder der Überprüfung gibt.

Wir von ESTIF glauben, dass die Tendenz dahin geht, nicht auf Grundlage von Fläche oder Ertrag zu fördern, sondern die tatsächlich bereitgestellte Energie zu fördern. So wie es in Großbritannien mit der Renewable Heat Incentive (RHI) der Fall ist. RHI geht davon aus, dass die Kosten von Überwachungssystemen in kleinen Anlagen (solarthermische oder andere) noch immer zu hoch sind. Demnach wird der Ertrag insofern relevanter, als nur ein gut dimensioniertes System die besten Gesamtenergiekosten übers Jahr liefert. 

Do you see good reasons for subsidy in relation to the yield and not the size and why isn’t this happening already?

I would assume this is mostly due to bureaucratic reasons. Having a support scheme based on the yield would require additional data and assurances on the reliability of the data.

Sehen Sie gute Gründe für Ertragsförderung statt Förderung nach Fläche – und warum gibt’s das nicht schon längst?

Ich nehme an, dies ist vor allem auf bürokratische Gründe zurückzuführen. Eine Förderregelung auf der Grundlage des Ertrags würde nach zusätzlichen Daten und Garantien für die Zuverlässigkeit der Daten verlangen.

After the „Energiewende“ how can we set up the „Wärmewende„?

At European level we been working hard in order to get heating and cooling into the agenda. As surprising as it maybe, heating and cooling, which represents 46% of the total energy demand in Europe, is completely superseded by the focus on electricity. For instance, it is commonly ignored that renewable heating and cooling represents 27% more energy than renewable electricity. Renewable heating and cooling contributed with the equivalent to 83 Mtoe of energy while renewable electricity provided 65 Mtoe (Eurostat data from 2012).

Though I believe things are changing. For instance, DG ENER has set Heating and Cooling as a priority topic for 2015. They are organizing a High Level event on Heating & Cooling in February 2015, followed by a Communication on the topic. A strong communication from EC will help to guide EC policies but also Member States actions in addressing effectively Renewable Heating and Cooling and Energy Efficiency.

We will always have to deal with strong lobbies, promoting the use of fossil fuels or electricity from the grid. Though the advantages of reducing our energy dependency, of producing our energy locally with RES, reducing emissions while creating local economic growth and jobs is becoming a stronger message. We need to keep working on it to become even stronger so that it can supersede even the strength of the lobbies from oil companies or large utilities.

There is still a lot to do. But I think we are on the right path.

Nach der “Energiewende”: Wie können wir die „Wärmewende“ vollziehen?

Auf europäischer Ebene haben wir hart daran gearbeitet, Heizen und Kühlen auf die Tagesordnung zu bringen. So überraschend es vielleicht sein mag, Heizen und Kühlen, was 46 Prozent des gesamten Energiebedarfs in Europa ausmacht, wird völlig überdeckt durch den Fokus auf Strom. Zum Beispiel wird häufig übersehen, dass erneuerbare Wärme und Kälte 27 Prozent mehr Energie repräsentieren als Strom aus Erneuerbaren Energien. Erneuerbare Wärme und Kälte entsprechen 83 Megatonnen Öleinheiten, während Strom aus erneuerbaren Energien 65 Megatonnen Öleinheiten entspricht (Quelle: Eurostat-Daten von 2012).

Obwohl – ich glaube, die Dinge ändern sich gerade. Zum Beispiel hat die DG ENER Heizen und Kühlen zum vorrangigen Thema für 2015 gemacht. Sie organisieren eine hochrangige Veranstaltung „Heizen & Kühlen“ im Februar 2015, gefolgt von einer Veröffentlichung darüber. Eine starke Thematisierung seitens der Europäischen Kommission wird helfen, entsprechende EU-Politik zu machen. Und sie wird den Mitgliedstaaten helfen, effektive Erneuerbare Heizung und Kühlung sowie Energieeffizienz umzusetzen.

Wir werden es immer mit starken Lobbys zu tun haben, die die Nutzung fossiler Brennstoffe oder Stroms aus dem Netz stützen. Obwohl die Vorteile der

  • Verringerung unserer Energieabhängigkeit,
  • der lokalen Produktion unserer Energie mit RES,
  • der Reduzierung von Emissionen bei gleichzeitiger Stärkung lokalen Wirtschaftswachstums und Beschäftigung

zu einer stärkeren Botschaft werden. Wir müssen weiter daran arbeiten, die Vorteile stärker werden zu lassen, die Botschaft zu stärken, so dass sie auch starke Lobbys von Ölunternehmen oder große Programme ersetzen kann.

Es gibt noch eine Menge zu tun. Aber ich denke, wir sind auf dem richtigen Weg.

Vielen Dank, Pedro Dias, dass Sie uns so ausführlich Rede und Antwort standen!

Foto: Pedro Dias, ESTIF

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