NEW 4.0 Studie Fachkräfte für die Energiewende Ausbildung Erneuerbare Energien

Fachkräfte braucht die Energiewende – hat Deutschland genug?

Der Klimawandel ist menschengemacht. Ihn zu bremsen, bestenfalls zu stoppen, müssen wir Menschen in die Hand nehmen. Doch gibt es genug Fachkräfte, die die Kompetenzen mitbringen, damit die Energiewende gelingt? Dieser Frage geht eine aktuelle Studie im Rahmen des Großprojektes „NEW 4.0 – Norddeutsche EnergieWende“ nach und zeigt bestehende Möglichkeiten zur Aus- und Weiterbildung inklusive Qualifizierungslücken im Erneuerbare Energiesektor auf. Große Bedeutung schreibt die Studie Quereinsteigern zu: Wieso, weshalb, warum – das lest ihr hier.

Der Klimawandel nimmt Einfluss auf alles Leben und unser aller Leben. Seine Wirkung ist massiv und komplex. Ihm entgegenzutreten, ihn zu bremsen und bestenfalls aufzuhalten, das ist die Herausforderung unserer Zeit an uns alle. Daran führt kein Weg vorbei – für keinen von uns: Die Energiewende als Teil einer gesamtgesellschaftlichen Wertewende braucht uns alle. Jeder einzelne kann und muss sein Verhalten ändern. Die Energiewende braucht Fachkräfte, die Kompetenzen zu Erneuerbaren Energien wie Solarthermie mitbringen und/oder erwerben, um mit dem besten Wissen der Menschheit dazu beizutragen, dass die Wende gelingt.

Wie es um das Wissen und den Wissenstransfer zu Erneuerbaren Energien steht und welche Lücken in der Aus- und Weiterbildung derzeit auszumachen sind, das hat eine umfassende hochschulübergreifende Studie im Rahmen des Großprojektes „NEW 4.0 – Norddeutsche EnergieWende“ jetzt untersucht. Die Federführung hatte dabei das CC4E der HAW Hamburg, das die Studie in enger Zusammenarbeit mit der Hochschule Flensburg, der Technischen Hochschule Lübeck, der Universität Hamburg und der Handwerkskammer Hamburg entwickelte.

Die Qualifizierungsstudie liefere laut ihren Verfassern den Grundstein, um passgenaue Angebote für die akademische und auch die gewerbliche Weiterbildung in der Erneuerbare-Energien-Branche zu entwickeln.

NEW 4.Qualifizierungsstudie_Ergebnisse auf einen Blick_Grafik

Wie viele Fachkräfte braucht die Energiewende?

Laut der Studie zeige der Anstieg der Beschäftigten in der Energiebranche mit Tätigkeitsfeld im Bereich der erneuerbaren Energien von 161.000 im Jahr 2004 auf 355.400 im Jahr 2014 wie rasant die Branche wachse. Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit prognostiziert demanch von 2014 bis 2030, also im Zuge der beschriebenen Entwicklungen, einen Anstieg der Beschäftigtenzahl um etwa weitere 250.000 auf dann insgesamt 600.000.

Im Bereich der konventionellen Energieerzeugung sei die Beschäftigtenzahl dagegen zwischen 1998 und 2013 um 125.000 gesunken. Halte diese Entwicklung an, würden bis 2030 etwa 110.000 weitere Stellen entfallen.

Der langfristige Ausbau erneuerbarer Energien, so schreiben die Verfasser der Studie,  verlang nach neuen technischen und wirtschaftlichen Lösungen. Insbesondere

  • die Systemintegration
  • und die Sektorkopplung

würden demnach mit dem Fortschreiten der Energiewende immer weiter in den Vordergrund rücken. Zur Systemintegration gehörten

  • die Flexibilisierung von Produktion und Verbrauch
  • sowie die weitreichende Vernetzung und Digitalisierung und damit einhergehende neue Marktmodelle.
  • Auch die Entwicklung und Installation von Speichertechnologien gehörten zu den Herausforderungen der kommenden Jahre.
  • Mittelfristig gewinne zudem die intelligente Vernetzung der Sektoren Wärme, Verkehr und Industrie an Bedeutung.

Alle diese Entwicklungen bräuchten neue Fachkräfte.

Lebenslanges Lernen – der Schlüssel für die Macher der Energiewende

Angesichts des Fachkräftemangels in technischen Berufsfeldern sei die

  • Rekrutierung
  • und Qualifizierung

von Personal ein entscheidendes Erfolgskriterium für die Branchenunternehmen. Das lebenslange Lernen erscheint den Verfassern der Studie unabdingbar, um in einer zunehmend digitalisierten Arbeitswelt mit immer kürzeren Innovationszyklen erfolgreich zu bestehen.

Fachkräfte für die Energiewende: das sind die aktuellen Lücken in der Aus- und Weiterbildung

Für die Studie seien 58 norddeutsche Studiengänge und 240 deutschlandweite Weiterbildungsmöglichkeiten analysiert worden. Ergänzend habe man den heutigen und zukünftigen Personal- und Qualifizierungsbedarf erhoben, indem 50 Experten aus dem NEW 4.0-Konsortium befragt worden seien. Um eventuelle Qualifizierungslücken zu identifizieren, seien außerdem Angebote und Bedarfe gegenübergestellt worden, die branchenspezifische Angebotslücken aufzeigen sollten.

Die Ergebnisse böten einen weitreichenden Überblick über die bestehenden Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten im Energiesektor. Sie belegten laut der zugehörigen Pressemitteilung große Engpässe im IKT-Bereich und in der Sektorenkopplung.

Die Auswertung habe demnach ergeben, dass die Befragten am häufigsten in den drei Bereichen

  • Informations- und Kommunikationstechnik,
  • IT-Sicherheit
  • und Data Science

personelle Engpässe befürchteten. Diesen Vertiefungsbereichen mit dem höchsten Bedarf an passgenauen Weiterbildungsmöglichkeiten stünde laut der Studie gleichzeitig ein sehr geringes Angebot gegenüber. Nur rund fünf Prozent der gewerblichen Weiterbildungen im Energiebereich würden sich überhaupt mit IKT­-Themen befassen. Data Science und IT-Sicherheit im Speziellen seien in Weiterbildungsangeboten kaum vertreten.

„Diese Lücken sollten schnell geschlossen werden, um die nötigen Fachkräfte auszubilden“, bekräftigt der wissenschaftliche Leiter der Studie, Prof. Dr. Jens-Eric von Düsterlho von der HAW Hamburg. „Der fortschreitende Ausbau erneuerbarer Energien und insbesondere die erforderliche Verknüpfung des Stromsektors mit dem Wärme- und Verkehrssektor sorgen zudem für ganz neue Anforderungen.“

Demzufolge gebe es auch in den Bereichen

  • Sektorenkopplung,
  • Energiespeicher
  • und Lastmanagement

einen erhöhten Weiterbildungsbedarf. Diese Vertiefungsbereiche würden in der aktuellen Bildungslandschaft für Energieberufe wenig bis gar nicht abgebildet, obwohl sich die befragten Experten gerade hier Angebote wünschten und Personalengpässe erwarteten.

Das empfehlen die Experten, um genug Fachkräfte für die Energiewende auszubilden

Berufsbegleitende modulare Weiterbildung und ein schneller Wissenstransfer seien  entscheidende Erfolgsfaktoren für die Energiewende.

Deshalb empfehlen die Experten hinter der Studie NEW 4.0 eine intelligente Verzahnung akademischer und gewerblicher Weiterbildung.

Für Weiterbildungsmaßnahmen bestünde vorrangiger Handlungsbedarf in den Bereichen Data Science, Informations- und Kommunikationstechnik und IT – Sicherheit.

Dabei müssten, um von einer Strom- zu einer Energiewende zu gelangen, die Sektoren Wärme und Verkehr miteinbezogen werden. Dies erfordere eine Flexibilisierung von Lasten sowie das Zwischenspeichern von Energie. Dementsprechend gebe es auch in den Bereichen Speicher– und Sektorkopplung sowie Lastmanagement einen erhöhten Handlungsbedarf bezüglich Weiterbildungen.

Neben den inhaltlichen Angebotslücken sei auch ein deutlicher Mangel an modularen und berufsbegleitenden Weiterbildungsangeboten festgestellt worden.

Die Ausbildung an Hochschulen über Bachelor- und Masterstudiengänge bzw. durch Handwerks-, Industrie- und Handelskammern über duale Ausbildungen werden den oben auf insgesamt 600.000 Beschäftigte bezifferten Bedarf sowohl quantitativ als auch zeitlich nicht decken können. Derzeitige Absolventenzahlen und eine Ausbildungsdauer von drei bis fünf Jahren blieben weit hinter dem Bedarf für 2030 zurück.

Im akademischen Bereich sollten Hochschulen neben den Säulen Lehre (Bachelor- und Masterstudiengänge) und Forschung auch den Bereich der Weiterbildung verstärkt ausbauen, empfiehlt die Studie.

Modulare berufsbegleitende Zertifikatskurse ermöglichten lebenslanges Lernen und eine adäquate Qualifizierung für die Energiewende. Eine flexible Weiterbildung dieser Art lase sich zudem von der Aufstiegsqualifikation bis hin zu einer berufsbegleitenden Promotion in den Berufsalltag integrieren.

Gewerblichen Weiterbildungsinstitutionen rate man, im Austausch mit Fachverbänden und Innungen ergänzende Seminare zu entwickeln, um die Digitalisierungskompetenzen des vorhandenen Personals weiterzuentwickeln. Im gewerblichen Bereich empfiehlt es sich, weniger auf ausgewählte High-End-Lösungen zu setzen, sondern zunächst breiter nachgefragte Angebote zu entwickeln und Hersteller von Standardtechnik mit einzubinden.

Die Energiebranche zeichne sich laut den Studienverfassern durch eine hohe Interdisziplinarität technischer und wirtschaftswissenschaftlicher Kompetenzen aus. Dank der Innovationskraft und Internationalisierung stelle sie zudem einen attraktiven Arbeitsmarkt dar. Die Bedarfe der Branchenunternehmen von heute und morgen und die Antizipation der zukünftigen Berufsbilder sowie die damit zusammenhängenden Qualifikationsprofile entlang der gesamten Wertschöpfungskette seien richtungsweisend für die zukünftig erforderliche Bildungslandschaft.

Unternehmen, Hochschulen und gewerbliche Bildungsträger seien daher gefordert, bestehende Aus- und Weiterbildungsdefizite durch geeignete berufsbegleitende Qualifizierungsmaßnahmen zu kompensieren und kurzfristig benötigte Angebote zu schaffen.

Energiebranche ist offen für Quereinsteiger

Die Studie lege zudem offen, dass die Energiebranche bereit sei, auf Quereinsteiger aus anderen Berufsfeldern zurückzugreifen, um den herrschenden Fachkräftemangel zu decken. Insbesondere für diese Quereinsteiger könnten Weiterbildungsangebote zu Grundlagen und Herausforderungen der Energiewende hilfreich sein, um ihre fachliche Integration in die Unternehmen zu beschleunigen.

Bereits heute betrage die Zahl der Quereinsteiger in den für die Studie befragten Unternehmen des NEW-4.0-Konsortiums im Schnitt 30 Prozent. Um die Sicherung des Fachkräftebedarfes zu gewährleisten, seien berufsbegleitende Qualifizierungsmaßnahmen von entscheidender Bedeutung für eine erfolgreiche Energiewende.

Auf der Basis der Studienergebnisse würden, so ist in der Pressemitteilung zu lesen, derzeit im Rahmen von NEW 4.0 von den beteiligten Partnern Zertifikatskurse entwickelt, die neue Angebote schaffen und hohe Bedarfe decken sollen.

Über die NEW 4.0-Studie

Die wesentlichen Ergebnisse der NEW 4.0-Studie könnt ihr in einer kompakten Broschüre nachlesen, wo diese auch visuell zusammengefasst worden sind. Die Broschüre und die vollständige Studie findet ihr unter dieser Internetadresse.

 Über NEW 4.0

Unter dem Titel NEW 4.0 – Norddeutsche EnergieWende 4.0 hat sich in Hamburg und Schleswig-Holstein eine nach eigenen Angaben einzigartige Projektinitiative aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik gebildet, die in einem länderübergreifenden Großprojekt eine nachhaltige Energieversorgung realisieren und zugleich die Zukunftsfähigkeit der Region stärken möchte. Rund 60 Partner bilden demnach eine wirkungsvolle „Innovationsallianz” für das Jahrhundertprojekt Energiewende mit gebündeltem Know-how, unterstützt von den Landesregierungen beider Bundesländer. Gemeinsam legen sie den Entwicklungspfad zu dem Ziel, die Gesamtregion bis 2035 zu 100 Prozent mit regenerativem Strom zu versorgen – versorgungssicher, kostengünstig, gesellschaftlich akzeptiert und mit wesentlichen CO2-Einsparungen. Das Projekt wird im Rahmen des Förderprogramms „Schaufenster Intelligente Energie – Digitale Agenda für die Energiewende“ mit rund 45 Millionen Euro durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) gefördert. Weitere 60 bis 80 Millionen Euro investieren die beteiligten Unternehmen.  

Foto: David-W-/photocase (Titel), Grafik: New 4.0 Studie