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Interview mit Roger Hackstock zu 5 Trends, die Solarwärme 2018 wieder in Fahrt bringen

Seit Jahren hat Solarwärme mit einer anhaltenden Talfahrt zu kämpfen, der Solarwärmemarkt in Österreich ist in zehn Jahren um zwei Drittel geschrumpft, auch Deutschland verzeichnet seit fünf Jahren einen kontinuierlichen Rückgang. Und der Sonnenenergie-Fachverband Swissolar meldete für 2017 gerade einen weiteren Marktrückgang auf rund 50‘000 m2 zusätzlicher Kollektorfläche (entspreche Rückgang von 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr). Mit dem Preisverfall bei Photovoltaik und einem Boom bei Wärmepumpen ist eine neue Konkurrenz am Wärmemarkt gewachsen, die Solarwärme zunehmend zu schaffen macht.

Wir haben darüber mit dem Austria Solar Geschäftsführer und Buchautor Roger Hackstock gesprochen und nachgefragt, wie es mit Solarwärme weitergeht und welche Chancen für die Technologie in Zukunft bestehen.

Roger Hackstock, die Talfahrt bei Solarwärme scheint seit Jahren ungebrochen fortzuschreiten. Wie kann dieser Trend Ihrer Meinung nach aufgehalten werden?

Roger Hackstock: Die Solarwärmebranche befindet sich im Umbruch, der traditionelle Markt der Kleinanlagen bricht zunehmend weg und wird von Photovoltaik und Wärmepumpen übernommen, dafür werden immer mehr Großanlagen installiert, bei Betrieben, Siedlungen und im Fernwärmenetz. Diese neuen Megawattanlagen mit mehreren hundert bis tausenden Quadratmetern können den Rückgang am Massenmarkt aber mengenmäßig nicht auffangen, zumindest derzeit noch nicht. Die Großanlagen stellen auch einen völlig neuen Markt dar, auf den sich die Branche erst einstellen muss, wie den Solaranbieten langsam klar wird.

Was ist bei Großanlagen anders als bei einer Kleinanlage fürs Einfamilienhaus?

Man hat mit ganz anderen Kunden zu tun, die wissen wollen, was sie die Kilowattstunde Wärme aus der Sonne über 20 Jahre kostet, die Planungen sind viel aufwändiger und dauern länger, Zuverlässigkeit und Fernwartung der Anlage stehen im Vordergrund. Es ist grundsätzlich so, dass die künftigen Herausforderungen bei Solarwärme der Branche mehr abverlangen als bisher, das thematisieren wir stark im Verband. Die Veränderungen gehen von Systemlösungen über radikal vereinfachte Sonnenheizungen bis zur Digitalisierung der gesamten Wertschöpfungskette. Man kann diese Veränderungen in fünf Trends zusammenfassen, die den Solarwärmemarkt stark verändern werden.

Welche Trends sind das?

Das sind zum einen die erwähnten Großanlagen. Ab einer Anlagengröße von 350 Kilowatt, das sind 500 Quadratmeter, beginnen die Kosten stark zu sinken. Bei zehnmal so großen Anlagen gilt mittlerweile die Faustregel, dass eine schlüsselfertige Solaranlage Wärme unter 5 Cent pro Kilowattstunde liefert. Das sind die Größenordnungen, um die es bei Prozesswärme und Fernwärme geht.

Bei großen Gebäuden und Siedlungen wiederum geht es um eine schlaue Kombination von Wärmepumpen und Solaranlagen, um Synergieeffekte zu nutzen und aus beiden Technologien das Maximum rauszuholen. Mit Erdspeicher und Bauteilaktivierung kann man solare Deckungsgrade von 70 Prozent und mehr erreichen, in manchen Fällen kommt man sogar ohne Zusatzheizung aus. heizt voll solar, zu unschlagbar günstigen Kosten.

Gibt es auch einen Trend am Massenmarkt oder ist der für Solarwärme bereits verloren?

Hier müssen wir radikal umdenken und fragen: Wie klein und einfach kann die Restheizung sein, wenn wir es schaffen, zu zwei Drittel und mehr mit der Sonne zu heizen? Mit den heutigen Niedrigenergiegebäuden im Neubau geht das nämlich relativ problemlos, das muss nicht einmal ein Passivhaus sein. Mit einer 20-Kilowatt-Anlage am Dach, das sind 30 Quadratmeter, einem 2.000 Liter Speicher im Keller und Bauteilaktivierung in der Decke kann man locker ganzjährig 70 Prozent mit der Sonne heizen. Die Restenergie ist so gering, dass man dafür keine eigene Heizung mehr braucht. Das ist der dritte Trend der Zukunft, die Sonnenheizung, wo im Speicher eine Elektropatrone steckt, die denkbar einfachste Art der Nachheizung. Braucht man nur mehr sehr wenig Energie zur Sonne dazu, kann man das auf diese Weise machen. Mit einem Ökostromvertrag ist auch die kleine Restheizung ökologisch. Damit könnte Solarwärme der Photovoltaik Paroli bieten, wenn sich das durchsetzt.

Sie reden immer von Kilowatt, meinen aber nicht Photovoltaik sondern Solarthermie, oder?

Das stimmt, es geht darum, die Leistung von Solaranlagen mit anderen Technologien wie Photovoltaik oder Heizkessel zu vergleichen – damit man ein Gefühl dafür bekommt, dass nicht nur Quadratmeter installiert sind, sondern Heizleistung geliefert wird. Vor allem bei Großanlagen geht es darum, dass hier Megawattanlagen am Werk sind, was bei Solarwärme nicht so im Bewusstsein ist. Die Umrechnung hat die Internationale Energieagentur IEA festgelegt, wo man sich vor Jahren in der Statistik darauf geeinigt hat, dass ein Quadratmeter Kollektor 700 Watt Spitzenleistung liefert.

Sie sprachen von fünf Trends, dank derer die Solarthermie 2018  Schwung bekäme, welche zwei kommen noch auf die Solarwärme zu?

Der vierte wichtige Trend wird die Digitalisierung bei Solarwärme sein, sozusagen Solarwärme 2.0. Wir hatten im Dezember des Vorjahres einen Workshop mit 35 Teilnehmern, zur Hälfte Solarunternehmen und Zulieferer und zur Hälfte Startups aus dem Bereich Heizen 2.0. Das war für beide Seiten spannend und hat gezeigt, wo wir die Digitalisierung überall nutzen können. Das reicht von der Kundenansprache und Anbgebotlegung bis zur Planung und Überwachung der Anlagen. Dass man Solaranlagen auf diese Weise auch updaten kann, was selbst bei Rasenmähern schon normal ist, ist in der Solarwärmebranche noch unbekannt.

Die Digitalisierung schließt an den fünften Trend an, der wahrscheinlich die Zukunft der Solarwärme in Gebäuden generell bestimmen wird: die Anbindung an Smart Home Systeme. Wenn wir da keine passenden Schnittstellen haben, sind wir in Zukunft nicht dabei und das Heizen wird ausschließlich von der Stromwelt und Photovoltaik bestimmt. Das ist der mächtigste Trend, dem sich Solarwärme gegenübersieht. Wenn wir den ignorieren, sind wir draußen aus dem Heizungsgeschäft, dann bleiben nur noch die riesigen Freiflächenanlagen für die Fernwärme als Geschäftsfeld übrig. Dazu wollen wir es nicht kommen lassen.

Danke, Roger Hackstock, dass Sie sich die Zeit für unser Gespräch genommen haben!

Foto: Roger Haberstock, Foto Wilke