Solarwärmenetze als Motor der Energiewende

Experten-Interview zu Wärmenetzen mit Solarthermie „made by Ritter XL Solar“ (Teil 3)

Unsere Interview-Reihe mit Christoph Bühler, Bereichsleiter Vertrieb und Marketing für das Profitcenter der Großanlagen der Ritter Energie, geht in die dritte Runde: Heute sprechen wir über das Potential von solaren Wärmenetzen als Motor der Wärmewende und die Voraussetzungen, die seitens der Verbraucher, der Wirtschaft und der Politik nötig sind, um das Potential zu heben.

Christoph Buehler erklaert das Potential solares Waermenetze als Motor der Wärmewende
Christoph Bühler ist der Experte für solare Wärmenetze bei der Ritter Energie. Foto: Christoph Bühler/Ritter Energie

Christoph Bühler, wie kann „das solare Wärmenetz zum Motor der Wärmewende werden? Was braucht das an Voraussetzungen, Umdenken, Entscheidungen, Gesetzen …

  • seitens des Verbrauchers?

Christoph Bühler: Die Energiewende ist nichts, was von der Politik vorgegeben und umgesetzt werden kann. Die Politik kann nur die Rahmenbedingungen sinnvoll gestalten, dazu komme ich gleich noch mal.

Ich erwähne das jedoch an dieser Stelle, weil auch der Verbraucher, der Bürger, aktiv die Energiewende mitgestalten kann und meines Erachtens auch muss – auch im Sinne der folgenden Generationen. Jeder Mensch, der Kinder hat (natürlich auch Menschen ohne Kinder), hat eine Verantwortung gegenüber den nachfolgenden Generationen. Jeder muss Interesse an einer zeitnahen Energiewende haben.

Wir betrachten Energie noch immer, als sei uns deren Endlichkeit nicht bewusst. Jeder Mensch hat die Möglichkeit, auch etwas in diesem Bereich zu bewegen. Sei es individuell für sein Eigenheim, als Mieter in einem Mehrfamilienhaus oder auch als engagierter Bürger, der eine kommunale Lösung oder eine Quartierslösung in einem Stadtteil vorantreibt. Das zeigen auch alle bis dato realisierten Projekte, in denen engagierte Bürgermeister einer Kommune, Ökogruppen unter den Bürgern oder Stadtwerke ein solches Konzept vorangetrieben haben. Ohne Engagement, Treiber, Kümmerer werden wir hier nicht schnell genug voran vorankommen.

Die größte Herausforderung auch im kommunalen Bereich, in dem Freiflächen eigentlich meist ausreichend auch am Ortsrand zur Verfügung stehen, ist tatsächlich die Flächenfindung. Identifiziert werden Flächen zwar schnell, aber es scheitert dann oft daran, dass niemand

  • eine Fläche bereitstellen/verkaufen möchte,
  • die Anlage in der Nähe seines Hauses haben möchte usw.

Natürlich muss hier eine gut Aufklärung der Bürger und eine gute Kommunikation erfolgen, das ist ganz klar. Aber mir persönlich ist das hier oftmals zu kompliziert. Energiewende ja, aber nicht vor meiner Haustür. Den Menschen müssen wieder die weniger schönen Alternativen vor Augen geführt werden, wenn wir die Energiewende nicht beschleunigen. Ich spreche hier nicht aus kaufmännischer Herstellersicht, sondern als jemand, der wie so viele Menschen dieser Branche aus ideellem Antrieb im Bereich der erneuerbaren Energien arbeitet.

Der Verbraucher braucht Offenheit für das Thema und muss sich dessen bewusst sein, was passiert, wenn wir die Energiewende nicht angehen. Wir müssen dem Verbraucher seine individuelle und hier primär auch die wirtschaftliche Situation vorrechnen. Es ist nun Mal Fakt, dass die wenigsten einem Konzept zustimmen, weil das gut für die Umwelt wäre, schlussendlich zählt bei den meisten Menschen die rein individuelle wirtschaftliche Sicht. Dafür werden im Zuge der Projektanbahnung auch Rechner zur Verfügung gestellt, die dem Verbraucher seine aktuelle Situation mit der möglichen zukünftigen wirtschaftlich gegenüber stellen. Also konkret: Was kostet es ihn, seine bestehende Ölheizung über 20 Jahre zu betreiben, was kostet es ihn, sich für die nächsten 20 Jahre an das Netz anzuschließen. Nur so bekommt man die breite Zustimmung für ein solches Bauvorhaben.

  • seitens der Wärmeerzeuger?

Wenn ich diese Frage so verstehe, was wir von der Wirtschaft erwarten müssen, also den Stadtwerken, Energieversorgern und  Netzbetreibern, lautet meine Antwort wie folgt:

Der bis dato doch recht zögerliche Ausbau der Erneuerbaren im Bereich der Wärme hat auch damit zu tun, dass Unternehmen den Handlungszwängen der freien (das „sozial“ lasse ich weg, weil es mir immer schwerer fällt, das zu erkennen) Marktwirtschaft unterworfen sind. Hier geht es um Renditen. Die Renditen solcher Projekte sind bis dato noch gering, zumindest was die Erwartungen von Shareholdern angeht. Die bis dato realisierten Projekte wurden von kleineren Unternehmen realisiert. Unternehmen, die langfristig planen, Unabhängigkeit anstreben, und nicht rein renditeorientiert denken, zumindest nicht kurzfristig.

Warum sind die Renditen gering? Das hat natürlich auch mit den aktuellen Brennstoffpreisen zu tun. Wenn Energieversorger aktuell Gas teilweise zu 10 Euro/MWh einkaufen können, fehlt der wirtschaftliche Antrieb für die Investition in Erneuerbare.

Daher ging Dänemark strategisch damals nach der ersten Ölkrise folgenden Schritt: Es gab eine zusätzliche Steuer auf Gas, diese liegt bei ca. 35 Euro je MWh. Ölkessel wurden verboten. Ich bin mir dessen bewusst, dass nicht für jedes Land die gleiche Lösung die jeweils richtige ist. Ich finde den Ansatz aber sehr gut. Wer emittiert, der zahlt.

Daher fordern wir in Deutschland schon lange eine zusätzliche CO2-Steuer auf fossile Energieträger, damit können Sie sich die komplexe Förderpolitik von heute auf Morgen schenken. Förderpolitik hat den Nachteil der lobbyistischen Einflussnahme und einer enormen Komplexität der Harmonisierung der Förderung für einzelne Technologien. Dass energieintensive Unternehmen als auch sozial schwächere Menschen hier von der Gesellschaft aufgefangen werden, ist für mich für einen Sozialstaat selbstredend. Nun bin ich fließend in den Bereich der Politik übergegangen, was bei der engen Verstrickung von Politik und Wirtschaft an sich auch nicht zu trennen ist.

  • seitens der Politik?

Hier habe ich nun ja schon einige Dinge erwähnt. Es gibt drei Hauptpunkte:

  • CO2-Steuer
  • Kommunale Wärmepläne
  • Hilfe bei der Flächenfindung und -bestimmung

Zum ersten Punkt habe ich bereits einiges gesagt.

Der Punkt 2 ist ebenfalls ein enorm wichtiger. Kommunen müssten zum einen in die Pflicht genommen werden, aber auch gleichzeitig unterstützt werden. Jede Kommune muss verpflichtet werden, eine Strategie für die zukünftige Wärmeversorgung zu erarbeiten. Dabei muss sie vom Bund unterstützt werden.

Punkt 3 beinhaltet reichhaltige Probleme bei der Flächenbestimmung. Ich sage bewusst Bestimmung. Kein Mensch möchte Privatbesitz enteignen (allein die Erwähnung des Wortes sollte man vermeiden, ich weiß). Aber hier stehen viele gesetzliche Rahmenbedingungen im Weg, sei es das Baurecht oder andere Bereiche.

Auch einen Anschlusszwang an Bestandsnetze sehe ich als zu überdenkenden Bereich.

Vieles von meinen Punkten mag radikal wirken, aber wer sich der Notwendigkeit der Energiewende bewusst ist (beziehungsweise der Folgen, wenn diese nicht zeitnah angegangen wird), der wundert sich eher, warum hier noch viel zu inkonsequent und zögerlich gehandelt wird.

Christoph Bühler, Sie haben eben schon unsere dänischen Nachbarn erwähnt. Was würden Sie sagen, wo Deutschland im internationalen Vergleich mit seiner solarwärmenetzbetriebenen Wärmewende steht?

Ich weiß nicht um die Gradzahl der Zielerreichung anderer europäischer Staaten. Ich denke, wir sollten uns hier auch nicht an anderen Staaten orientieren, die hier – was erneuerbare Energien angeht – noch hinter uns liegen, sondern, wie in vielen anderen Bereichen, eine Vorbildrolle übernehmen.

Fakt ist aber, dass wir hinsichtlich unserer Ziele im Wärmesektor deutlich hinterherhinken. Ich kenne hier nur Dänemark, die Solarthermie als Technik betrachten, die in der zukünftigen Energieversorgung um die 50 Prozent beitragen soll. Zudem gehört der Netzausbau in Dänemark zu einer klaren langfristigen Strategie der Energiewende. Auch China hat große Projekte im Bereich solarer Wärmenetze angestoßen.

In Deutschland liegt aktuell der Anteil der erneuerbaren Wärme bei ca. 13 Prozent, der Anteil der Solarthermie an diesen 13 Prozent liegt bei knapp 5 Prozent, absolut also bei 0,65 Prozent.

Hat Deutschland die Rolle der Solarthermie für die Wärmewende erkannt?

Ich habe aktuell zumindest das Gefühl, dass die Politik die Notwendigkeit des Wärmenetzausbaus als zwingenden Treiber der Wärmewende erkannt hat, auch die Notwendigkeit der Unterstützung der Solarthermie. Warten wir ab wie sich das Thema entwickelt. Aktuell können wir aber noch nicht von einem Boom sprechen, wir stehen hier ganz am Anfang – hoffentlich – einer noch großen Entwicklung.

Vielen Dank, Christoph Bühler, für dieses spannende Interview über das Potential solarer Wärmenetze als Motor der Wärmewende. Und bis zum nächsten Mal!

Foto: wsfp/photocase, grafische Bearbeitung: doreen brumme (Titel), Christoph Bühler / Ritter Energie (Porträt)

Zu den weiteren Teilen der Interviewreihe:

Experten-Interview zu Wärmenetzen mit Solarthermie „made by Ritter XL Solar“ (Teil 1)

Experten-Interview zu Wärme­netzen mit Solar­thermie „made by Ritter XL Solar“ (Teil 2)