"Das Zeitalter des Verstehens von Gesamtkomplexität beginnt"

Interview mit Prof. Timo Leukefeld über die Wärmewende und warum Wärme politisch nicht sexy ist.

Versprochen ist versprochen! Hier kommt das Interview mit Prof. Dipl.-Ing. Timo Leukefeld, einem unserer Nominierten auf der Liste der wichtigsten Akteure der Wärmewende.

Prof. Dipl.-Ing. Timo Leukefeld, Sie wurden auf unserem Blog gerade als wichtiger Akteur der Wärmewende nominiert. Warum denken Sie, dass Sie hier jemand nominiert hat?

Prof. Timo Leukefeld: Da kann ich nur Vermutungen anstellen … (lacht)

Vielleicht weil ich 2013 als Hauptprotagonist beim ZDF in einer 30 minütigen Dokumentation mit dem Namen „die Wärmemacher“ mitgewirkt habe, in der wir die bedeutende Rolle eines energetischen Wandels im Wärmebereich gezeigt und erklärt haben?! Das war eine sehr erfolgreiche Sendung, die vielen Akteuren die Augen geöffnet hat.

Eine effektive Wärmebereitstellung aus erneuerbaren Energien ist mein Hauptthema seit 20 Jahren. In jährlich etwa 80 Vorträgen, in Zeitungsinterviews und in zahllosen Veröffentlichungen widme ich mich genau diesem Thema. Ganz aktuell mit einer Buchveröffentlichung im Oktober 2014 zusammen mit den Autoren  Hüttmann und Baer das Thema “Modern heizen mit Solarthermie” (mehr zum Buch hier auf dem Blog – Anmerkung von Doreen). Darin kann man lesen, warum wir Herrn Putin danken können…

Solare Wärme ist mein zentrales Thema: mit Solarthermie zur Energieautarkie, zur Altersvorsorge und zur Lösung des Phänomens der „saisonalen Illusion“. Nur ein erneuerbarer energetischer Wandel im Wärmemarkt ermöglicht die Umstellung der fossilen Energiewirtschaft auf 100 Prozent erneuerbare Energie. Wir treten gerade ein in ein Zeitalter des Verstehens von Gesamtkomplexität: Wärme, Strom  und Mobilität müssen im Zusammenhang bedacht werden. Vielleicht hat derjenige oder diejenige, die mich nominiert hat, davon gelesen oder gehört….

Davon bin ich überzeugt. Prof., welches Zeugnis würden Sie der Wärmewende heute ausstellen?

Note 4, also “fast durchgefallen”. Wärme ist politisch nicht sexy und hat viel zu wenig Lobby. Fast alle Energiediskussionen handeln von Strom (Atomenergie, Windkraft, Photovoltaik, Effizienzklassen, Kohle, Wärmepumpen, Verbot der Glühlampe etc.) – es geht also genauer betrachtet um eine Stromwende und nicht um eine Energiewende.

Was ist Ihr persönlicher Beitrag zur Wärmewende?

Ich schreibe zur neuen Wärme viele Veröffentlichungen, gebe Themen für Studien- und Diplomarbeiten aus und betreue die StudentINNEN dabei, habe eine neue Vorlesung zu energieautarken Gebäuden entwickelt, stelle in allen meinen  Vorträgen dieses Thema in den Mittelpunkt, erkläre zum Beispiel wie jeder zu Hause seinen Geschirrspüler oder die Waschmaschine ans warme Wasser anschließen kann, damit diese Stromfresser bis zu 80 Prozent weniger Strom verbrauchen (warmes Wasser zuführen und Strom sparen), ich berate die Politik und Bauherren in Wärmeangelegenheiten. Außerdem wohne ich mit meiner Familie im ersten bezahlbaren energieautarken Haus Europas, dessen Energieautarkie (bei Wärme, Strom und Mobilität) erst durch Solarthermie und Langzeitwärmespeicher möglich wurde.

Welchen Beitrag kann Solarthermie Ihrer Meinung nach zur Wärmewende leisten?

Dezentral im Gebäudebereich, zentral im Fern- und Nahwärmebereich und auch in der Prozesswärme kann die Solarthermie Enormes leisten. Das beweist zum Beispiel das Sonnenhaus-Konzept des Sonnenhaus Institut e.V. Hier wird großflächig Solarthermie eingesetzt in Kombination mit Langzeitwärmespeichern, die solare Deckung beträgt mindestens 50 Prozent – da geht es los – und der Primärenergiebedarf liegt unter 15 kWh/m²a. Hier führt der Einsatz von Solarthermie zu den effektivsten, sparsamsten Gebäuden Europas, was als Sonnenhaus-Konzept auch sehr gut im Altbau anzuwenden ist. Nach der Definition gibt es allein in Deutschland über 1.500 solcher Gebäude mit zunehmendem Anteil von Mehrfamilienhäusern, obwohl das Sonnenhaus nicht über das MAP extra gefördert wird!

Solarthermie hat einen wesentlich höheren Wirkungsgrad als beispielsweise Photovoltaik oder Biomasse. Die Solarthermie hat auch als eine der wenigen Techniken das Speicherproblem gelöst: Langzeitwärmespeicher können die Wärme sehr effektiv über mehrere Wochen speichern und haben Investitionskosten von 10 bis 30 Euro/kWh inklusive Montage und Mehrwert-Steuer. Stromspeicher, beispielsweise LiIo-Akkus, können den Solarstrom typischerweise einige Stunden speichern und kosten 100 mal so viel, nämlich etwa 2.000 Euro/kWh.

Was wird gefördert? Stromspeicher! Solarthermie kann die Hauptlast im Gebäude abtragen: den Wärmebedarf größtenteils und ganz umweltfreundlich decken. Eine Solarthermieanlage erzeugt aus einer kWh Strom mehr als 150 kWh Wärme. Bei der beliebten Luftwärmepumpe, die inzwischen bei den Wärmepumpen einen Marktanteil von rund 70 Prozent hat, liegt das Verhältnis bei 1 zu 3. Ist das nicht verrückt?

Welche Gesetzesänderungen bräuchte es denn, um die Wärmewende in Gang zu bringen?

Eine Möglichkeit wäre ein Wärme-EEG gewesen. Diese Möglichkeit ist nun politisch leider verbrannt worden… Da fasst kein Politiker mehr dran. Genau genommen braucht es dazu klare politische Entscheidungen: Besteuerung fossiler Energie, schrittweises Verbot von Ölheizungen, flexible Strompreise (Straftarif anstatt Sondertarif für Wärmepumpen in Zeiten von Strommangel, also von Windflauten von Dezember bis Februar), ein dezentrales Energieversorgungssystem mit Kraft-Wärme-Kopplung und die Förderung von Langzeitwärmespeichern. Jeder Neubau müsste ab 2020 einen größeren Wärmespeicher integrieren, um Abwärme aufzunehmen, Kraft-Wärme-Kopplung anzuschließen, regenerativen Überschussstrom oder Solarwärme aufnehmen zu können….

Welche Förderungen wären geeignet, um die Wärmewende voran zu treiben?

Wesentlich bessere Förderung für solare Nah- und Fernwärme, für Solarthermieanlagen in Mehrfamilienhäusern, für Solarthermieanlagen sowie Langzeitwärmespeicher in Gebäuden mit hohem solarem Deckungsgrad von über 50 Prozent.

Wie könnte und sollte eine ertragsbezogene Förderung von Solarthermie aussehen?

Eine ertragsbezogene Förderung ist dann sinnvoll, wenn sie einfach und unbürokratisch umsetzbar ist. Als Nachweis könnte die solare Deckungsrate dienen. Sie ist ein Gradmesser für:

  • Umweltentlastung,
  • Unabhängigkeit,
  • CO2-Einsparung,
  • sowie Primärenergie- und Heizkosteneinsparung.

Das ist mit jedem gängigen Solarsimulationsprogramm berechenbar.

Eingereicht werden sollte die Solarsimulation, dazu im Neubau der EnEV Nachweis, im Altbau die Heizenergierechnung der letzten drei Jahre, Fotos von allen Außenansichten (Süd, West, Ost und Nord) sowie Benutzer- und Gebäudedaten (Personenanzahl, beheizte Fläche bzw. AN Fläche, Dachneigung, Dachausrichtung etc.). Damit kann eine Stichprobenkontrolle erfolgen. Staffeln könnte man das folgendermaßen:

  • bis 20 Prozent solarer Deckungsgrad (SD) gilt das jetzige MAP
  • größer als 20 Prozent SD Fördersatz 120 €/m² Kollektor
  • größer als 30 Prozent SD Fördersatz 150 €/m² Kollektor
  • größer als 40 Prozent SD Fördersatz 180 €/m² Kollektor
  • größer als 50 Prozent SD Fördersatz 210 €/m² Kollektor
  • größer als 60 Prozent SD Fördersatz 240 €/m² Kollektor

Diese hohe Förderung ist berechtigt, da in der Regel dann in den höheren solaren Deckungsraten ein wesentlich größerer Solarpufferspeicher / Langzeitwärmespeicher erforderlich wird, der die Investitionskosten nach oben treibt.

Eine ertragsbezogene Förderung auf die kWh/m²a bezogen halte ich nicht für sinnvoll, da mit steigendem solaren Deckungsgrad der spezifische Solarertrag in allen Systemen stark abnimmt und somit wieder nur kleinere Anlagen mit geringeren solaren Deckungsraten gefördert werden, die nur eine kleinere Umweltentlastung bringen und eine geringere Unabhängigkeit.

Das Argument der steigenden Wirtschaftlichkeit mit steigendem spezifischem Kollektorertrag halte ich nur für bedingt wirkungsvoll/verkaufsfördernd, da man durch den Vergleich des Wärmepreises solar gegenüber dem Wärmepreis Gas (aktuell 5 bis 6 Cent/kWh) kaum konkurrenzfähig auftreten kann. Deswegen braucht es andere Motivationsargumente wie die Unabhängigkeit, die sich eben durch die solare Deckung ausdrückt und nicht durch den spezifischen Kollektorertrag.

Was ist Ihrer Meinung nach das größte Hemmnis der Wärmewende?

Die Wärmewende allgemein genießt politisch kaum Aufmerksamkeit. Die Solarthermie speziell hat politisch gar keine Aufmerksamkeit . Das größte Hemmnis ist meiner Meinung nach also die fehlende Lobby …

Vielen Dank, Prof. Leukefeld, dass Sie uns Rede und Antwort gestanden haben!

Foto: Prof. Dipl.-Ing. Timo Leukefeld

Darf’s ein bisschen mehr sein? Passend zum Thema:
  • Modern heizen
    Buchtipp: Modern heizen mit Solarthermie

  • Die wichtigsten Akteure der Wärmewende – wen nominierst Du?
  • heizen mit Photovoltaik: nur Zubrot?
    Heizen mit Strom – Photovoltaik kann nur Zubrot sein

  • Timo Leukefeld im Interview: Braucht es eine Kultur des intelligenten…
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7 Kommentare zu “"Das Zeitalter des Verstehens von Gesamtkomplexität beginnt"”

  1. sam

    Stromwende keine Energiewende! Oh wie das stimmt. Und wie traurig, dass die wenigsten, wirkliches Interesse am eigentlichen Thema haben!

    Note 4? Note 5! Mangelhaft ist die Leistung.

    Sehr interessantes Interview. Danke!

  2. Andreas Kühl

    Zur Wärmewende gehört auch die Reduzierung des Energiebedarfs von Gebäuden und diese wird momentan überall wo es nur geht schlecht geredet. Sicher ist an einigen Kritikpunkten etwas dran. Aber bei der Art und Weise wie diskutiert wird, wird die gesamte Wärmewende in Mitleidenschaft gezogen. Daher finde ich es wichtig, dass hier erwähnt wird, das Sonnenhaus ist nur machbar mit einem geringen Primärenergiebedarf von 15 kWh/m2a.

    Zu den Aufgabe für die Energiewende wird in der nächsten Zeit die Verzahnung der Bereich Strom, Mobilität UND Wärme gehören – letzteres wird gerne mal weggelassen, auch von Unterstützern der Energiewende.

    1. Cornelia Daniel-Gruber

      Das Wort Primärenergiebedarf wird oft in unterschiedlichem Zusammenhang gebracht, wenn ich das richtig verstehe und ich würde das gern mal klären.

      Ein Heizwärmebedarf von 15 kWh/m2 bei einem Passivhaus bedeutet nicht, dass das Sonnenhaus so weit gedämmt sein muss, dass es nur 15 kWh/m2 BRAUCHT, sondern nur 15 kWh/m2 Primärenergie VERBRAUCHT, ist das richtig Herr Leukefeld? So können eben auch Altbauten saniert werden, bei denen 15 kWh/m2 HWB einfach nicht möglich sind und wo eine Reduzierung von 150 kWh/m2 auf 40 kWh/m2 schon eine Herausforderung sind.

    2. Cornelia Daniel-Gruber

      Sabine hat das hier schon mal sehr gut erklärt und ist auch einer der meistgelesenen Artikel:
      https://blog.paradigma.de/primaerenergie-endenergie-nutzenergie/

      Passivhaus-Kriterien: Primärenergiebedarf maximal 120 kWh/(m²*a) für Heizung, Warmwasserbereitung und Haushaltsstrom; Heizwärmebedarf unter 15 kWh/(m²·a),

      Sonnenhaus-Kriterien: Primärenergiebedarf maximal 15 kWh/(m²*a) für Heizenergie und Hilfsstrom (Pumpen etc.), aber ohne Haushaltsstrom; der Heizwärmebedarf wird vom Sonnenhaus-Institut mit 40 kWh/m²a oder kleiner angegeben (durchschnittliches Einfamilienhaus ohne Lüftungsanlage).

      Wie viel von den 120 kWh/m2 ist der Haushaltsstrom??

    1. Cornelia Daniel-Gruber

      Genau und ich sehe sehr oft, dass diese beiden Dinge verwechselt werden. Und was bei euch kfW Standard 40 bedeutet, heißt bei uns glaub ich HWB (Heizwärmebedarf) und dabei finde ich unseren Wert ehrlich gesagt etwas aussagekräftiger ;-).

  3. Willi

    Timo Leukefeld schreibt: “Eine ertragsbezogene Förderung auf die kWh/m²a bezogen halte ich nicht für sinnvoll, da mit steigendem solaren Deckungsgrad der spezifische Solarertrag in allen Systemen stark abnimmt und somit wieder nur kleinere Anlagen mit geringeren solaren Deckungsraten gefördert werden, die nur eine kleinere Umweltentlastung bringen und eine geringere Unabhängigkeit.”

    Dieser vermeintliche Nachteil der “Ertragsbezogenen Förderung auf die kWh/m²a” kann sehr einfach umgangen werden, wenn statt der vorgeschlagenen, mühsam individuell errechneten solaren Deckungsrate einfach der für alle Kollektoren bekannte “Bruttowärmeertrag nach Datenblatt 2 des Solar keymark” als Förderkriterium herangezogen wird! Dieser ist für kleine Kollektorflächen mit geringer solarer Deckungsrate pro m² genau so hoch wie für große Kollektorflächen mit hoher solarer Deckungsrate. Letztere werden damit automatisch pro kWh höher gefördert, genau wie von Timo Leukefeld gefordert! Fördermodelle sind nur dann erfolgreich, wenn sie einfach, transparent und nachvollziehbar sind! Die “Solare Deckungsrate” als Grundlage erfüllt diese Forderung nicht, der “Bruttowärmeertrag nach Solar keymark” sehr wohl!

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