Erderhitzung schneller als gedacht

Erderhitzung: Uns bleibt weniger Zeit als gedacht

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Wir greifen dieses Thema auf, weil es wichtig ist, und zwar für jeden Haushalt. Der Sommer 2026 brachte Deutschland Hitze, Dürre und Waldbrände. Das Robert Koch-Institut (RKI) schätzt, dass in den Kalenderwochen 15 bis 37 rund 16.000 Menschen an der Hitze gestorben sind, bei einer Spanne von 14.400 bis 17.600 (RKI, Stand: 24.09.2026).
Jetzt sagt einer der bekanntesten Klimaforscher Europas, was ihn daran besorgt. Johan Rockström, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, warnt im Interview mit dem Focus: Der Planet reagiere immer unberechenbarer auf den Klimawandel, und die Menschheit habe möglicherweise weniger Zeit als gedacht.
Das ist keine Prognose, sondern ein Hinweis darauf, dass bisherige Annahmen zur Erderhitzung womöglich zu optimistisch waren. Wir ordnen hier ein, was Rockström sagt, was sich unabhängig belegen lässt und was offen bleibt. Die Zahlen zum aktuellen Stand der Klimapolitik findet ihr in unserem Artikel zum UN-Umweltprogramm.


Wer Johan Rockström ist

Johan Rockström ist Professor für Erdsystemforschung an der Universität Potsdam und gehört zu den meistzitierten Wissenschaftlern der Welt. International bekannt wurde der Schwede mit seiner Forschung zu den planetaren Grenzen. Das sind neun Systeme, die nach seinem Konzept die Stabilität des Erdsystems regulieren, darunter Klima, Artenvielfalt und Süßwasser. Wenn er von Risiken spricht, spricht er also nicht nur über Temperaturen.

Die Kernaussage zur Erderhitzung: Das Kohlenstoffbudget könnte falsch eingeschätzt sein

Klimapolitik beruht auf Annahmen des Weltklimarats IPCC zur Erwärmungsrate und damit zum Kohlenstoffbudget. Das ist die Menge CO2, die noch ausgestoßen werden kann, ohne eine Temperaturgrenze zu reißen. Rockström sagt, die Erwärmung habe sich beschleunigt, die Geschwindigkeit sei um 60 Prozent gestiegen. Angesichts dessen könnten „wir uns geirrt haben“. Fossile Brennstoffe müssten dann noch schneller auslaufen als geplant.

Unabhängig davon zeigt der jüngste Bericht „Indicators of Global Climate Change“ in dieselbe Richtung. Danach liegt die menschengemachte Erwärmung bei rund 0,27 Grad Celsius (°C) pro Jahrzehnt, einem Allzeithoch, und erreichte 2025 den Wert von 1,37 °C. Das verbleibende Budget für 1,5 °C beträgt ab Anfang 2026 laut Zentralschätzung 130 Gigatonnen (Gt) CO2. Bei den aktuellen Emissionen wäre es in etwa drei Jahren aufgebraucht.

Zwei Einordnungen sind uns wichtig:

  1. Die 60 Prozent geben wir als Rockströms Einschätzung wieder: Die Pressemitteilung zum Bericht nennt keinen Vergleichswert, aus dem sich diese Zahl ableiten ließe.
  2. Und die Aussage stammt aus einem Interview, sie ist kein neuer Konsens des Weltklimarats.

Warum die Erderhitzung schneller läuft

Warum sich die Erhitzung beschleunigt, ist laut Rockström kompliziert zu erklären, weil es mehrere Ursachen gibt. Er nennt zwei:

  1. Mehr zusätzliche Wärme im System: Dazu zählt nicht nur das Verbrennen von Kohle, Öl und Gas. Paradoxerweise spielt auch eine Rolle, dass die Luftverschmutzung zurückgeht. Die Partikel in der Atmosphäre haben den Planeten bisher gekühlt, weil sie einen Teil des Sonnenlichts zurückwerfen.
  2. Rückkopplungen in den Ökosystemen: Die Erderhitzung führt zu mehr Waldbränden. Die Wälder speichern dann weniger CO2, was wiederum Waldbrände begünstigt.

Daraus folgt nach seiner Einschätzung: Es gebe mittlerweile viele Hinweise, dass der Planet empfindlicher auf unsere Treibhausgasemissionen reagiere als noch vor einigen Jahren. Das ist eine wichtige Unterscheidung: Die Physik der Treibhausgase ist gut verstanden. Offen ist, wie stark die Verstärker im Erdsystem wirken.

Die Erde verliert ihren Puffer

Bisher hat die Natur uns einen Teil der Folgen abgenommen. Nach Rockströms Darstellung nehmen Ozeane und Landnatur zusammen jedes Jahr rund die Hälfte des CO2 aus fossilen Brennstoffen auf, je etwa 25 Prozent. Dazu verschwinden fast 99 Prozent der zusätzlichen Wärme im Ozean, an Land und beim Schmelzen von Eis. Seine Sorge: Dieser Puffer werde schwächer. Die Erde „verliert ihre Fähigkeit, Schocks abzufedern“.

Dazu passt der Planetary Health Check, den das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung gemeinsam mit dem Stockholm Resilience Centre veröffentlicht. Er prüft die neun planetaren Grenzen. Nach der Ausgabe von 2025 sind sieben davon überschritten: Klimawandel, Integrität der Biosphäre, Landsystemänderung, Süßwassernutzung, biogeochemische Flüsse, neuartige Substanzen und Ozeänversauerung. Im sicheren Bereich liegen nur Ozonabbau und Aerosolbelastung. Die Ozeanversauerung galt zum Berichtszeitpunkt erstmals als überschritten.

Rockström beschreibt den doppelten Fehler so: Wir bringen das Energiegleichgewicht der Erde mit fossilen Brennstoffen durcheinander und schwächen zugleich die Systeme, die Folgen dämpfen könnten.

Erderhitzung: Was belegt ist und was offen bleibt

Rockström räumt selbst ein, dass vieles zur Erderhitzung unsicher ist. Niemand wisse genau,

Das Risiko einer erheblichen Verlangsamung der Amoc in den nächsten 50 Jahren liege je nach Studie zwischen einem und 50 Prozent. Sein Schluss: Selbst die konservativste Risikoeinschätzung sei inzwischen inakzeptabel hoch, und Unsicherheit sei kein Grund, nicht zu handeln.

Die Forschung bestätigt die Unsicherheit. Eine Studie in Science Advances aus dem Jahr 2026 kommt bei einem mittleren Emissionsszenario auf eine Abschwächung der Amoc um rund 51 Prozent (plus/minus 8 Prozentpunkte) bis zum Jahr 2100. Der Wert aus dem Weltklimarat-Bericht lag bei 32 Prozent, mit einer deutlich größeren Spanne von plus/minus 37 Punkten. Ein vollständiger Kollaps noch in diesem Jahrhundert gilt dagegen als Minderheitsposition, und der Zeitpunkt ist stark umstritten. Der Klimaforscher Niklas Boers hält einen Zeitpunkt „zwischen morgen und in 5.000 Jahren“ für realistisch. Das Risiko selbst bestreitet keiner der in der Debatte genannten Forschenden.

Festhalten lässt sich deshalb: Mehrere Messreihen deuten auf eine Abschwächung hin, Tempo und Zeitpunkt der großen Kipppunkte sind aber offen.

Warum die Politik hinterherhinkt

Deutschland hat sich im Klimaschutzgesetz verpflichtet, die Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2040 um 88 Prozent gegenüber 1990 zu senken und 2045 klimaneutral zu sein. Rockström nennt dieselben Zahlen. Aus seiner Sicht reichen jedoch selbst solche Ziele nicht, wenn das Kohlenstoffbudget zu groß angesetzt wurde. Auch das EU-Ziel der Klimaneutralität bis 2050 sei zu spät.

Warum geht es trotzdem langsam voran? Er nennt zwei Gründe:

  • Klima ist nur ein Thema unter vielen: Es steht neben Krieg, Inflation, Arbeitsplätzen und Migration. Politiker neigten dann dazu, bei Maßnahmen wie der CO2-Bepreisung auf die Bremse zu treten. Sein Einwand: Mit dem Planeten könne man nicht verhandeln. Planetare Risiken gehörten auf eine höhere Ebene und setzten allen anderen Politikfeldern eine Obergrenze.
  • Die Welt ist zersplittert: Großmächte übernehmen keine Verantwortung, und das macht es auch wohlmeinenden Ländern leicht, sich herauszuhalten.

Die EU lobt Rockström ausdrücklich dafür, eine zumindest einigermaßen wissenschaftsbasierte Klimapolitik zu betreiben. Sie entspreche aber nicht der Dringlichkeit und dem Ausmaß des Risikos.

Und jetzt? Es gibt auch positive Kipppunkte

Rockström endet nicht mit einer reinen Warnung. Er verweist auf positive Kipppunkte: Wenn Wirtschaft und Gesellschaft in einen sich selbst verstärkenden Prozess zunehmender Klimaanstrengungen geraten, wie bei der Einführung einiger fossilfreier Technologien, könne das Entwicklungen beschleunigen. Für ihn ist das ein Grund, zuversichtlich zu bleiben.

Für euch heißt das: Eine einzelne erneuerbare Heizung ersetzt keine Klimapolitik. Aber Haushalte sind Teil der Entwicklung, die der Klimaexperte meint. Wenn ihr ohnehin über eure Heizung nachdenkt, lohnt sich ein Blick auf diese Bausteine:

Häufige Fragen zur Erderhitzung

Heißt „geirrt“, dass alles schlimmer wird als gedacht?

Nicht automatisch. Rockström sagt, wir könnten uns geirrt haben, er sagt nicht, dass es so ist. Die Beschleunigung der Erwärmung zeigt sich auch im jüngsten Bericht zum Stand des Klimas (rund 0,27 °C pro Jahrzehnt, ein Allzeithoch). Wie stark sie das Kohlenstoffbudget verschiebt, ist offen.

Ist das 1,5-°C-Ziel noch erreichbar?

Das verbleibende Budget ist knapp: 130 Gt CO2 ab Anfang 2026, bei aktuellen Emissionen in etwa drei Jahren aufgebraucht. Welche Szenarien die UN danach noch sieht, beschreibt unser Artikel zum UN-Umweltprogramm.

Was bringt mein eigenes Handeln?

Eine einzelne Entscheidung ersetzt keine globale Klimapolitik. Rockström hält aber selbstverstärkende Entwicklungen bei fossilfreien Technologien für einen Grund zur Zuversicht, und dazu tragen Haushalte bei, die auf erneuerbare Wärme umsteigen.

Ist der Focus-Artikel eine wissenschaftliche Studie?

Nein. Es ist ein Interview. Rockströms Einschätzungen sind die eines führenden Forschers, aber keine neue Veröffentlichung des Weltklimarats.

Foto: Cagkan – Adobe.Stock.com (Titel)