FVEE-Positionspapier: Solarexperten sagen, wie die Wärmewende geht

Der ForschungsVerbund Erneuerbare Energien (kurz: FVEE) hat dieser Tage ein sogenanntes Positionspapier veröffentlicht. Es soll als Beitrag des FVEE zu einer fundierten Diskussion über adäquate Politikinstrumente für die Wärmewende dienen. Dazu liefere das Paper einen Überblick über die Herausforderungen und Handlungsoptionen im Wärmesektor. Es beschreibe zudem die Rolle der wichtigsten Technologien, die für eine nachhaltige Wärmeversorgung erforderlich seien: Solarthermie, Biomasse, Wärmepumpen und Tiefengeothermie. Ich habe mir das Paper mal näher angeschaut …

Ein Positionspapier …

Was hat es damit auf sich? Als Politologin weiß ich, dass ein Positionspapier ein Instrument ist, dessen man sich beispielsweise dann bedient, wenn man seine Meinung kundtun will, auch wenn sie gar nicht gefragt ist. Parteien in der Opposition nutzen Positionspapiere, um ihre Haltung zur Politik der Regierung zu erklären. In der Hoffnung, Aufmerksamkeit von Multiplikatoren, wie einzelne politische Akteure oder Journalisten es oft sind, zu bekommen, werden die Positionspapiere häufig nach allen Regeln der marketingtechnischen Kunst veröffentlicht. Positionspapiere können ganz einfach aufgemacht sein, beispielsweise in Form eines Briefes oder einer Pressemitteilung. Aus wissenschaftlichen Kreisen haben Positionspapiere dagegen oft Essay-Form. So wie das 32-seitige vom FVEE, um das es mir heute geht und das Ihr hier kostenlos aus dem Internet laden könnt.

Ein Positionspapier vom FVEE …

Wer ist das eigentlich, der FVEE? Der ForschungsVerbund Erneuerbare Energien ist laut eigenen Angaben eine bundesweite Kooperation, dessen Mitglieder „Technologien für erneuerbare Energien, Energieeffizienz, Energiespeicherung  und das optimierte technische und sozio-ökonomische Zusammenwirken aller Systemkomponenten“ erforschen und entwickeln. Sitz der Geschäftsstelle ist Berlin. Ziel der Kooperation sei demnach „die Transformierung der Energieversorgung zu einem nachhaltigen Energiesystem“. Dass der FVEE wissenschaftlich Gewicht hat, soll diese hausgemachte Angabe belegen: „Der FVEE repräsentiert rund 80 Prozent der außeruniversitären Forschungskapazität für erneuerbare Energien in Deutschland und ist das größte koordinierte Forschungsnetzwerk für erneuerbare Energien in Europa.

32 Seiten wissenschaftliche Analyse und Handlungsoptionen zur solaren Wärme …

Warum schreiben die FVEE-Solarwärme-Experten, deren geballte Expertise quasi in dem Papier steckt, ein solches Positionspapier: „Erneuerbare Energien im Wärmesektor – Aufgaben, Empfehlungen und Perspektiven? Ich kann da zwar nur vermuten … aber als der Solarthermie zugetaner Journalist stelle ich mir das bundesweite Kopfschütteln der Solarwissenschaftler lebhaft vor, das ihnen (wie mir) angesichts des stockenden Verlaufs der deutschen Wärmewende und somit der Energiewende nur bleibt. Immerhin erklären die Experten seit einigen Jahren schon dem Energieverbraucher Deutschland, angefangen vom Privatverbraucher (Menschen wie du und ich) über den selbständigen Unternehmer in einem KMU bis hin zu den Großverbrauchern Industrie und Landwirtschaft, wie die Wende auf dem Energiesektor aussehen müsste – ohne dass ihre Erklärungen erfolgreich und zielstrebig umgesetzt werden. Im Gegenteil: Mittlerweile sind eine ganze Reihe „unterschiedliche politische Instrumente entstanden, die nicht optimal aufeinander abgestimmt sind. Durch strukturelle Bedingungen, wie das Fehlen eines alle Akteure verbindenden Netzes, sowie starke externe Faktoren, wie Preise für fossile Energien, ist die politische Beeinflussbarkeit des Wärme- und Kältemarktes deutlich geringer als im Strommarkt“, schreiben die Experten im Fazit des Positionspapiers.

Was sollten die Experten der Solarthermie & Co. also anderes tun, als wieder einmal ihr Wissen einfach und verständlich niederzuschreiben, es öffentlich diskutieren zu lassen (so geschehen Ende September in Berlin) und zu hoffen, dass das neue Positionspapier den eingangs erwähnten Beitrag zu einer fundierten Diskussion um die Wärmewende leistet?

Forderungen an Energiepolitik und -wirtschaft stehen seit Jahren – bisher leider kaum oder un-erhört!

Es ist daher keine Überraschung, die uns Leser des Positionspapiers erwartet: Wieder einmal geht es um die Rolle von Solarthermie, Biomasse, Wärmepumpen und Tiefengeothermie – Technologien also, die wichtig für eine nachhaltige Wärmeversorgung sind. Selbstverständlich kommt auch die Kälteversorgung nicht zu kurz dabei. Auch die dargestellten Herausforderungen in der Systemintegration und die Systemtechnologien Kraft-Wärme-Kopplung, Wärmespeicher, Heizen mit erneuerbarem Strom sowie Wärmenetze und kommunale Wärmepläne sind nichts Neues. Selbst die auf Basis der beschriebenen Entwicklungspotenziale dieser Technologien mit dem Papier gelieferten Empfehlungen für die Wärmewende kennen wir längst.

Dennoch … Das Positionspapier ist es auf jeden Fall wert, von uns gelesen zu werden. Es ist es wert, dass wir Blogger es vorstellen, es diskutieren. Denn so verschaffen wir den Wissenschaftlern Gehör. Und das ist es, was ein solches Positionspapier wie das vom FVEE braucht. Und deshalb zitiere ich abschließend aus den von den Solarexperten aufgeschriebenen Forderungen:

Eine erfolgreiche Wärmewende erfordere demnach:

  • sowohl eine verstärkte Politik zum Ausbau erneuerbarer Energien und der Umsetzung von Effizienzmaßnahmen, als auch eine verstärkte Forschungsförderung, um die großen Technologiepotenziale zu heben,
  • sowohl marktstimulierende als auch regulatorische Maßnahmen,
  • die Erarbeitung eines langfristig angelegten Transformationskonzeptes und einer berechenbaren und verlässlichen Förderpolitik, um die notwendige Investitionssicherheit herzustellen,
  • konkrete und differenzierte Zielsetzungen, um der Heterogenität der Marktakteure, Investoren und Technologien gerecht zu werden und
  • eine wissenschaftlich fundierte Bewertung der Ziel- und Handlungsoptionen und die Erarbeitung eines Konsenses, wie das angestrebte Zielsystem strukturiert und der Transformationsprozess gestaltet werden soll.

Anforderungen an die Förderpolitik seien demnach:

  • stärkere Adressierung des Gebäudebestands durch Anreize oder durch Pflichten, zur signifikanten Erhöhung der energetischen Sanierungsrate auf 3 Prozent pro Jahr,
  • Abgleich, Harmonisierung und Vereinfachung der verschiedenen regulatorischen Instrumente im Wärme- und Kältemarkt (EEWärmeG, EnEV, etc.),
  • regelmäßige Überprüfung der Praxistauglichkeit und Wirksamkeit der Instrumente,
  • Verpflichtung zur Prüfung der Nutzung erneuerbarer Energien für Gebäudeeigentümer, die ihre Wärmeanlagen modernisieren, inklusive einer Prüfung der Option Nahwärmeversorgung,
  • stärker ertragsorientierte Ausgestaltung der Förderinstrumente, verbunden mit der Ausstattung der EE-Wärmeerzeugungsanlagen mit Messeinrichtungen zur Effizienz- bzw. Ertragskontrolle,
  • verpflichtende Erstellung von Gebäudesanierungsfahrplänen und wissenschaftlich fundierte Erarbeitung von Ausbauplänen für Nahwärmenetze mit EE und KWK und Entwicklung von politischen Instrumenten zur Umsetzung derselben.

Der Wärmesektor bedarf demnach einer verstärkt systemischen Betrachtung:

  • Ein integriertes Energiekonzept für Wärme, Kälte, Strom und Mobilität unter Berücksichtigung möglicher Effizienzfortschritte ist zu entwickeln, aus dem die Ziele für den Wärmesektor abzuleiten sind. Denn eine optimierte nachhaltige Wärmeversorgung hängt von der Ausgestaltung des Strom- und Mobilitätssektors ab.
  • Auch eine nachhaltige Wärmeversorgung wird durch eine Lösungsvielfalt für unterschiedliche Anwendungstypen, Größenklassen, Investoren etc. geprägt sein. Es sind deshalb Konzepte zur Systemintegration zu entwickeln, die diese Vielfalt ermöglichen und daraus Vorteile gewinnen.
  • Die Kopplung des Strom- und Wärmesystems nimmt kontinuierlich zu, wobei die Perspektiven und Auswirkungen bislang nicht bekannt sind. Es sind deshalb wissenschaftliche Studien erforderlich, die die mögliche Rolle des Stromsektors im Wärmemarkt untersuchen und fundiert bewerten.
  • Es ist zu prüfen, inwieweit die bisher eher auf Einzelanlagen ausgerichteten Fördermaßnahmen durch systemtechnische Ansätze ergänzt werden können.

Drüberschreiben – wir haben es hiermit getan, Energie-Blogger Andy Kühl tat’s damit. So und jetzt seid Ihr dran: Redet drüber! Tragt das Wissen der FVEE-Solarexperten in die Welt! Schreit es heraus! „Shout it out loud!“ oder: „Spread the word!“, wie es auf Englisch immer so schön heißt.

Foto: ts-grafik.de / photocase.de

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