Jahresbilanz beim Effizienzhaus Plus in Berlin: Nicht alles eitel Sonnenschein

Ende Februar habe ich in unserer Serie über Energiestandards das Effizienzhaus Plus vorgestellt. Schon damals zeichnete sich ab, dass die optimistischen Schätzungen des Bundesbauministeriums wohl nicht erfüllt werden können.

Ehrgeiziges Ziel: Energieplus für Elektromobilität

Zur Erinnerung: Beim Effizienzhaus Plus handelt es sich um das Konzept für ein Gebäude, das innerhalb eines Jahres mehr Energie erzeugen als verbrauchen soll. Dieses Energieplus aus erneuerbaren Energien soll dann bevorzugt für Elektromobilität genutzt werden. Das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) fördert deutschlandweit über 30 Modellvorhaben und tritt beim Modellhaus in Berlin-Charlottenburg auch selbst als Bauherr in Erscheinung. Der 2011 erbaute „Glaswürfel“ verfügt über eine beheizte Nettogrundfläche von 149 m²; die Gesamtprojektkosten für den Bau, die Messtechnik und die Begleitforschung sind mit ca. 2,5 Millionen Euro angesetzt. Das Vorhaben wird sowohl messtechnisch als auch sozialwissenschaftlich begleitet und ausgewertet. Die Testfamilie Welke/Wiechers (oben im Artikelbild mit Bundesminister Ramsauer zu sehen) wohnt seit etwas mehr als einem Jahr im „EH+“.

Effizienzhaus Plus Berlin, Außenansicht

Effizienzhaus Plus Berlin, Außenansicht

Die Parameter

Zeit, sich die Jahresbilanz anzusehen. Laut einer Pressemitteilung vom 20.3.2013 bescheinigt der Bundesbauminister Ramsauer dem Haus nicht nur die Alltagstauglichkeit, sondern auch ein deutliches Energieplus. Kritische Betrachter beurteilen nicht ganz so optimistisch, was sich aus den Messdaten ablesen lässt.  Das BMVBS veröffentlicht die Messergebnisse im Internet. Neben tagesaktuellen Daten zum Raumklima und dem Wärme- und Stromkreislauf sind besonders die Grafiken zur Energiebilanz interessant, bei der Energiequellen (Photovoltaik, Versorgung aus dem Netz und aus der Hausbatterie) und Energienutzung (Hausverbrauch, Elektromobilität, Rückspeisung in das Netz, Hausbatterie-Ladung, „Projektspezifisch“) gegenüber gestellt werden.

Der „projektspezifische Verbrauch“ sorgte für Irritationen in der Fachwelt: Zum Jahreswechsel änderte das BMVBS die Darstellung; der bisherige Energieverbrauch „Außenbeleuchtung/Infoquelle“ wurde in „projektspezifisch“ umbenannt und Verbrauchsanteile darin eingerechnet, die bisher im Hausverbrauch enthalten waren – dies ist hier in einem Artikel der Architektin Anna Bedal recht anschaulich dargestellt.

Wurde der Hausverbrauch „kleingerechnet“?

Der Schluss liegt nahe, dass der Hausverbrauch durch einen Rechentrick „gesenkt“ werden sollte. Doch sehe ich das durch den Hinweis des BMVBS zu den Messdaten (der wohl nicht von Anfang an vorhanden war, wie ich dem Artikel von Frau Bedal entnehme) weitgehend widerlegt:

„(…) Der Energieverbrauch „Außenbeleuchtung/Infoquelle“ wurde verändert in „Projektspezifisch“ und enthält Energieverbräuche die dem Projektstandort und der Informationsaufgabe des Vorhabens geschuldet ist. Diese sind: Batterie-Heizung, Batterie-Belüftung, EDV-Schrank mit PC-Außendarstellung, Videoumschalter, Abflussrohr-Begleitheizung, LED-Effektbeleuchtung im Haustechnikkern, Außenbeleuchtung, Rigolenpumpe, Infomonitor im Außenraum. Die Summe der Energieverbräuche wurde nicht verändert.“

Soweit das BMVBS. Demzufolge geht es zum einen um Energieverbräuche, die durch das Messprogramm anfallen und im „Normalbetrieb“ (bei einem Gebäude, das nicht Prototyp ist) nicht vorhanden wären. Warum aber zählt z.B. die Abflussrohr-Begleitheizung auch zum projektspezifischen Verbrauch? Offenbar ist das Rohr – standortbedingt – nicht frosttief verlegt und muss daher beheizt werden, was eher einen Ausnahmefall darstellt. Wenn auch bei den anderen Modellhäusern derartige Feinheiten berücksichtigt wurden, bin ich einverstanden: Das Herausrechnen des projektspezifischen Energieverbrauches dient wohl tatsächlich der Vergleichbarkeit im Forschungsstadium.

Bilanz in Zahlen: Genau hinschauen

Das sagt aber noch nichts über den tatsächlichen absoluten Verbrauch unter realistischen Bedingungen. Denn ganz entfallen wird dieser variable Anteil des Verbrauchs auch bei „Nicht-Forschungshäusern“ nie, wie das Beispiel Begleitheizung zeigt – bei einem anderen Haus ist es dann vielleicht eine Abwasserhebeanlage oder der elektrische Treppenlift für einen gehbehinderten Bewohner. Man sollte nur genau hinschauen, welcher Stromverbrauch jeweils in die Bilanz eingeht. Deshalb – und jetzt kommen wir endlich zur Bilanz in Zahlen – sollte man immer darauf schauen, welcher Verbrauch wo gerade (nicht) mit eingerechnet ist.

Messperiode März 2012 bis Februar 2013: Der Erfolg liegt im Auge des Betrachters

Die einzige Grafik des BMVBS, die den über ein Jahr aufsummierten Werte zeigt, ist die Darstellung „Kumulierte Endenergie“ und lässt Elektromobilität und projektspezifischen Verbrauch außen vor. Vielleicht hat es seinen Grund, dass für die übrigen Verbrauchsparameter keine kumulierten Werte angezeigt werden – wohl aber weitere Grafiken, aus denen man durch Zusammenzählen der monatlichen Energieverbräuche folgende Werte ermitteln (in Kilowattstunden/Jahr) kann.

Das Ergebnis aus den Ablese-Übungen:

  • Jahresertrag aus Photovoltaik: 13.300 kWh/a
  • Gesamtstromverbrauch von ca. 20.700 kWh/a

davon

– Hausstromverbrauch: 12.200 kWh/a

– Elektromobilität 4.000 kWh/a

– projektspezifischer Verbrauch 4.500 kWh/a

Das heißt bei einer Gegenüberstellung von Verbrauch und Ertrag:

  • Hausstromverbrauch zu Photovoltaikertrag: + 1.100 kWh/a
  • Hausstromverbrauch + E-Mobilität zu PV-Ertrag: – 2.900 kWh/a
  • Hausstromverbrauch + E-Mobilität + projektspezifischer Verbrauch zu PV-Ertrag: – 7.400 kWh/a

Der Photovoltaikertrag von rund 13.300 kWh/a konnte knapp zur Hälfte selbst genutzt werden, der Rest wurde ins Stromnetz eingespeist. Insgesamt wurden 14.200 kWh/a aus dem Netz bezogen.

So steht das EH+ hinter den Prognosen zurück – erwartet wurden einmal ein Ertrag von 16.625 kWh/a und ein etwa halb so hoher Hausstromverbrauch. Das BMVBS begründet den geringeren Ertrag auch mit dem trüben Sommer 2012, in dem die Sonne sich einfach nicht an das statistische Jahresmittel gehalten hat – zumindest nicht in Berlin.

Schere zwischen Winter und Sommer

Dazu muss man sich vor Augen führen, dass selbst eine positive Jahresbilanz noch keinen Erfolg darstellt. Angebot und Nachfrage decken sich zeitlich praktisch nie. Durch die Ausstattung mit der Luft/Wasser-Wärmepumpe benötigt das Haus gerade im Winter besonders viel Strom – gerade dann, wenn Strom aus Sonne Mangelware ist. Oft müssen dann Kohlekraftwerke herhalten, und wir wissen, was das bedeutet.

Wenn das EH+ zum Standard erhoben würde, bekämen wir massive Probleme mit der Stromversorgung im Winter, und im Sommer müssten die Netze mit den riesigen Stromüberschüssen fertig werden. Schon jetzt hat sich Deutschland vertraglich Kapaziäten aus alten Kraftwerken in Österreich gesichert, um mit Kapazitätsengpässen im Winter (für Wärmepumpenstrom!) fertig zu werden.

Kann das ökologisch und ökonomisch sinnvoll sein?

Und auch ökonomisch ist ein Haus, das viel Strom aus dem Netz bezieht, den es zum Teil selbst vorher eingespeist hat, zunehmend ein schlechtes Geschäft: Die Einspeisevergütungen für Solarstrom sinken, die Bezugskosten für Strom aus dem Netz steigen. Entschärfen ließe sich die Situation durch eine Senkung des Stromverbrauchs – und dem Heizen mit Wärme aus Solarthermie. Wärme lässt sich effizienter und billiger speichern als Strom, und im Winter kann mit Biomasse zugeheizt werden. Für die Photovoltaik bleibt dann die Deckung des Haushaltsstrombedarfes. So ließe sich ein Gebäude gleichmäßiger und unabhängiger vom Stromnetz mit Energie versorgen.

Das EH+ ist hingegen ein Konzept, das nicht auf weniger, sondern mehr Stromverbrauch (für die Heizung und teils überflüssige Geräte) setzt, und das Energieplus für Elektromobilität hat sich leider nicht eingestellt. So schön es ist, wenn ein Forschungsprojekt gelingt – noch wichtiger ist es, die richtigen Schlüsse zu ziehen, egal ob das Ergebnis positiv oder negativ ist. Ich hoffe, Peter Ramsauer und sein Ministerium tun es.

Titelfoto: Familie mit BM Ramsauer, Quelle: BMVBS; Foto im Artikel: Außenansicht, Quelle: Ulrich Schwarz

Quellen / Links:

  • Messdaten zum Effizienzhaus Plus auf den Seiten des BMVBS
  • Effizienzhaus mit Plus?, Zeitschrift Sonnenenergie, Ausgabe 2013/2
  • Alles nur Fassade?, Welt am Sonntag 24.03.2012
  • Zwischenbilanz nach einem Jahr Probewohnen im EHP, Pressemitteilung des BMVBS vom 20.3.2013
  • Steckbrief des BMVBS zum Energieeffizienzhaus Plus Berlin, Fasanenstraße 87a – PDF-Datei
  • Effizienzhaus Plus mit Elektromobilität – Technische Informationen und Details, Publikation des BMVBS – PDF-Datei
  • Informationsseiten des BMVBS zum Effizienzhaus Plus

Darf’s ein bisschen mehr sein? Passend zum Thema:
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12 Kommentare zu “Jahresbilanz beim Effizienzhaus Plus in Berlin: Nicht alles eitel Sonnenschein”

  1. Andy

    Danke für die ausführliche und kritische Darstellung der Auswertung. Ich bin gespannt auf das M1 Energieplus Massivhaus, dort müssten auch bald Werte vorliegen. Allerdings ist die Testfamilie dort erst Ende Dezember 2012 eingezogen. Bei diesem Haus wurde eine zusätzliche solarthermische Anlage eingebaut, mal sehen wie weit sich diese bemerkbar macht.

  2. Stefan Förster

    Was sollte hier eigentlich gezeigt werden?
    Wenn ich mir die Daten so anschaue, würde ich sagen, dass jedes KfW- 40- Haus besser abschneidet.
    Wir selbst wohnen zu fünft in einem ähnlich großen Niedrigenergiehaus seit 14 Jahren.
    Unser Durchschnittsverbrauch liegt bei 7500 kWh für Heizung und 3000 kWh für Strom, die PV- Anlage produziert 3200 kWh. Aber wir haben keine 2.5 Millionen ausgegeben, nicht mal ein zehntel davon.

    Im Übrigen bin ich der Meinung, auf ein Wohnhaus gehören vorrangig thermische Solarkollektoren, aus dem einfachen Grund, weil man mit der Wärme keine großen Wege zurücklegen kann. Für PV- Anlagen spielt es keine große Rolle, ob sie nun auf einem Wohngebäude, einer Garage oder einer Scheune installiert werden. Mit Strom ist die räumliche Nähe einfach nicht erforderlich.
    Davon abgesehen, mit Solarstrom zu heizen funktioniert zwar, aber im Winter hat die Windenergie ihre starke Zeit.
    Deshalb haben wir uns an einem örtlichen Bürgerwindpark beteiligt. Die durch diese Beteiligung anteilig produzierte Strommenge ist zwanzigmal höher als unser Gesamtverbrauch. Da wäre genug übrig für ein E-Auto.
    Wir arbeiten daran.
    Viele Grüße!
    Stefan

  3. Sabine E. Rädisch Post Author

    Hallo Stefan!
    Zunächst einmal danke für Ihre Daten, solche Beispiele sind für uns und unsere Leserschaft immer sehr interessant und aufschlussreich. Sie haben sehr gut erfasst, was die Zahlen über das Energieeffizienzhaus aussagen, und Sie gehen offenkundig mit besserem Beispiel voran. Ja, beim Heizen mit Solarthermie kann Wärme direkt dort genutzt werden, wo sie benötigt wird. Der Umweg über den Strom ist nicht nur teuer, sondern auch ökologisch fragwürdig, da jede Umwandlung von einer Energieform in die andere mit Verlusten behaftet ist. Gut, dass Menschen wie Sie an der Energiewende mitarbeiten.
    Viel Erfolg weiterhin 🙂
    Sabine

  4. dietmar zimmel

    Wir sind auch 4 Personen und da frage ich mich schon, wie man da auf mehr als 12.000 kWh reinen Haushaltsstromverbrauch in einem Jahr kommen kann??!! Klingt eher nach INeffizienzhaus ;-), die Politik muss es halt schönreden, immerhin steckt da eine Menge Steuergeld drinnen.

    Als wir 2003/2004 unser PH geplant haben, ist es ganz bewußt als „Low-Tech“-Haus konzipiert worden. Keine Fußboden- oder Wandheizung, keine Radiatoren oder irgendwelchem Haustechniksteuerungsschnick-schnack, nur ein kleiner Stückholzofen (Holzverbrauch in diesem langen Winter ca. 2 Raummeter à EUR 70), natürlich eine Lüftungsanlage mit Wärmepumpe (Nennleistung 1700 Watt!) und ein 8m2 Sonnenkollektor.
    Seit 2008 sind wir dank unserer 4,95 kWp PV-Anlage rein rechnerisch ein PlusEnergie-Haus, mit der wir doppelt(!) so viel Strom erzeugen als wir verbrauchen. Der Gesamtstromverbrauch (normaler Haushaltsstrom, Lüftung, Warmwasser und Hilfsstrom) beträgt aktuell ca. 2.600 kWh (das sind ca. 1/5 des Effizienzhaus Plus!) gegenüber mehr als 5.200 kWh Jahresertrag der PV. Der Energieüberschuss ist auch schon für ein hoffentlich bald leistbares E-Mobil „reserviert“ – am Wochenende wird der Renault Zoe einmal probegefahren. Damit sollten auch rein rechnerisch unsere 10.000 km/Jahr Fahrleistung abgedeckt sein.
    Außerdem sind wir schon seit einigen Jahren Ökostrombezieher (Alpe Adria Energie) und an der größten Waldviertler PV-Anlage des Schuhrebellen Heini Staudinger beteiligt.
    Wir versuchen, nach den Grundsätzen der Permakultur (vegetarisch) zu leben, haben im Ort gemeinsam mit anderen Pionieren eine FoodCoop gegründet und sind heuer erstmals beim ersten CSA-Projekt Österreichs (Gärtnerhof Ochsenherz) dabei.

    Manchmal bekomme ich das Gefühl, dass uns die Technik (und Industrie) überstrapaziert und alles mit jedem und zu jeder Zeit kontrollier- und steuerbar sein muss. Gerade beim PH sollte man sich auf die Hülle bzw. die Ausführungsqualität und so wenig Technik wie möglich konzentrieren, alles andere sind meistens nur teure Zusatzkosten.

    siehe auch http://www.klimaschutzpreis.at/start.asp?b=53&vid=26&id=58

    Sonnige Grüße
    Dietmar

  5. Sabine E. Rädisch Post Author

    Hallo Dietmar,

    auch Ihnen vielen Dank für die Einblicke (dank des Links sogar mit Film) in Ihr Passiv(Plus)Haus und Ihre Lebensweise, die neben der Energie-Autarkie auch noch die Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln zum Ziel hat – wow, das nenne ich Engagement. Ich drücke die Daumen, dass es auch mit dem Elektromobil bald klappt 🙂

    Viele Grüße
    Sabine

  6. Thomas

    Hallo,

    ich habe damals den Startschuss des „Effizienzhauses Plus“ nur kurz, aber mit Interesse, verfolgt. Die Idee fand ich insgesamt ganz gut, aber die Herangehensweise nur auf dem Papier ein Energieplus zu haben, fand ich damals schon etwas befremdlich. Im Winter wird ja doch Strom verbaucht. Und das der dann nicht aus der PV kommt, ist ja relativ leicht zu erraten. Solange man den Strom nicht effizent in den Winter retten kann, ist das meiner Meinung nach niemals ein Energieplus Haus.
    Ich verstehe sowieso nicht warum die Wärme/Strahlung der Sonne erstmal in Strom verwandelt werden muss, dieser dann einspeist werden muss, und dann wird wieder Wärme daraus..
    Daher bauen wir ein Sonnenhaus. Da wird die Wärme im Sommer gespeichert und im Winter entnommen. Natürlich deckt das den Wärmebedarf nicht zu 100%, aber schonmal zu 65%. Der Rest kommt dann aus einem Ofen der im Wohnzimmer steht und auch den Pufferspeicher mit versorgt. Somit macht das (noch rechnerisch) 3,1 Ster Buchenholz im Jahr. Die Versorgung der Heizungstechnik sollten (rechnerisch) über die PV Anlage gedeckt sein.
    Das ist zwar kein Energieplus Haus, aber sehr wahrscheinlich ein Schritt in die richtige Richtung.
    Viele Grüße,
    -thomas

  7. Sabine E. Rädisch Post Author

    Hallo Thomas,

    natürlich habe ich gleich auf Ihre Sonnenhaus-Seite geklickt und siehe da, Sie sind ja wirklich gerade in der heißen Phase des Hausbaus. 40 Quadratmeter Solarthermie, über 8000 Liter Speicher und PV dazu – viel Glück schon mal im neuen Heim und sonnige Grüße ins Altmühltal
    Sabine

  8. Dieter Herz

    hallo sabine, danke für den kritischen artikel zum thema effizienzhausplus und damit auch zu den verbräuchen und der stromlastigkeit des eh+ konzeptes.
    einige anmerkungen dazu:
    1. gesamtenergiebedarf: wir planen seit 1998 passivhäuser und seit 2007 werden diese konsequent als passivhaus zertifiziert und als passivhaus-plus realsiert. diese einfamilenhäuser (4-5 personen) in unterschiedlichen regionen süddeutschlands benötigen nachweisbar 5.500 bis 6500 kwh strom pro jahr für heizung+ww (wp sole), kühlung, lüftung, haushaltsstrom haus, garage und aussenbeleuchtung, ohne elektromobilität. eine südlich orientierte dachfläche (satteldach) erzeugt in der regel mindestens 6500 kwh pv-strom/a. pultdächer, garagendach, aussenwände usw sind zur“plus“- bilanzierung nicht notwendig !! warum ein pilotgebäude, mit viel forschungsgeldern dann das doppelte verbraucht, wirft erhebliche fragen auf.
    2. das effizienzhausplus konzept welches im moment in der forschung ist, muss primärenergetisch und enedenergetisch <= o sein. das heisst, wieder am beispiel des effizienteren passivhauses, wer ein passivhaus mit ww-solaranlage und pelletsofen betreibt, wird den effizienzhausplus-standard nicht erreichen, weil ihm der cop-faktor der wp hinsichtlich endenergie fehlt !?? das als ergänzung zu deinem argument höherer winterstromverbrauch und kohlekraftwerke usw…., das ganze hat ein gschmäckle !.
    3. mit dem forschungsvorhaben drängen ich regelrecht mehrere fragen auf:
    geht es erstrangig darum einen eigenständigen standard zu kreieren, der deutlich schlechter als das bereits etablierte passivhaus ist, um mächtige interessengruppen in aufträge zu bringen oder zu halten, die die rasante entwicklung zum haus der zukunft bisher verschlafen haben ?
    entscheidet die politik noch frei vom druck der großen stromversorger ?
    wann hört die ära der schönrechnerei von energiebilanzen ( enev) endlich auf und beginnt endlich ein aufbruch massiv energie zu sparen (passivhaus) und das wenige an energie regenerativ und ortsnah zu erzeugen. dazu gehört neben strom (pv. wind,…) auch holz (pellets, biomassenahwärme,..).
    für mich ist das berliner haus, trotz aller erfahtrungen, eine massive verschwendung von steuergeldern, weil es vorher bereits bessere konzepte gab, die übrigends auch mit erheblichen steuergeldern gefördert wurden und es sinnvoll wäre dort mit dem "plus"-konzept anzusetzen !!.

  9. Dieter Herz

    ergänzung zum obigen beitrag
    das von mir erwähnte passivhausplus mit thermischer solaranlage (ca. 10 m²) und pelletsofen hat natürlich in der restfläche des süddaches (gesamt ca. 60 m²) eine pv-anlage. die endenergiebilanz bleibt jedoch soweit positiv, womit weitere pv-flächen angesetzt werden müssten um diese auszugleichen. wird die technik getauscht gegen eine wp, ist die endenergiebilanz < 0, mit einfachen mitteln und geringen (pv-) investitionen !!
    es ist falsch nur die primärenergie als maßstab für zukunftsfähiges bauen zu nehmen, wie es z.b. die sonnenhausleute machen, die endenergiebetrachtung ist sehr wichtig, sie sollte jedoch nicht einseitig zur förderung der wp-industrie missbraucht werden, da der netzstrom noch lange nicht 100% regenerativ sein wird und auch die speicherung des eigenen stroms vom sommer in den winter nicht leistbar ist.
    zum schluss:
    wäre das berliner gebäude im passivhausstandard gebaut worden, wäre auch der einfluss des ungünstigen klimas im messzeitraum und der gesamtverbrauch wesentlich geringer gewesen !!
    während herr raumsauer und dessen beratungsumfeld (z.b fraunhofer institut) das passivhaus als zukunfts-fähigen baustandard im zusammenhang mit der eu-gebäuderichtlinie 2018, dem forschungsprojekt effizienz-hausplus, bis hin zur neuen enev 2014/16 ??, -nicht- mehr erwähnt, haben dessen csu-parteigenossen 2011 in bayern beschlossen, staatliche bauten im passivhausstandard zu bauen und setzen das auch massiv und erfolgreich um !!

  10. Sabine E. Rädisch Post Author

    Hallo Dieter, vielen Dank für die Praxiserfahrungen und die differenzierte Betrachtung zum Endenergieverbrauch und vor allem zum (Strom-)Energiesparen. Interessant, das Passivhaus mit Solarthermieanlage – meines Erachtens die ecoquente Ergänzung zum Passivhaus, gegenüber dem EH+, das auch noch Wasser mit Strom erwärmt… Sonnenhaus und Passivhaus sind ja zwei unterschiedliche Konzepte, aber beide verfolgen das Ziel energieeffizienten Bauens. Ich denke, neben allen grundlegenden Unterschieden können beide einander beflügeln im Wettbewerb um die besten Lösungen. Ich bin gespannt, wie es mit dem Passivhausstandard für öffentliche Gebäude in Bayern weitergeht; gerade wird hier in Regensburg (wo ich wohne) das Museum der Bayerischen Geschichte geplant. So ein Gebäude stellt ja noch einmal ganz andere Anforderungen als ein Wohngebäude, wo der Passivhausstandard erprobt ist.

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