Mehr Strom! – Der Horror vor dem Blackout

Die staatliche Förderung der Photovoltaik und Windkraft hat in Deutschland zu enormen Zuwächsen der dezentralen Stromproduktion geführt. Toll: wir werden unabhängig vom Atomstrom und verdienen auch noch dran. Wäre schon merkwürdig, wenn es dabei nicht auch Nachteile gäbe. Und die großen Stromproduzenten, die durch den Trend zum dezentralen Strom ein klein wenig weniger verdienen müssten, werden nicht müde, diese Nachteile zu Horrorszenarien aufzublasen.

Strom wird auch ohne Erneuerbare teurer

Ja, es stimmt: Strom wird teurer. Aber das würde er auch, wenn wir weiterhin auf Öl, Gas und Kohle setzten. Von den unberechenbaren Kosten der Atomenergie ganz zu schweigen. Ja, es findet eine Umverteilung statt. Heute verdienen auch Landwirte mit großen PV-Scheunendächern und Hausbesitzer über die Einspeisevergütung. Und, ja, dieser dezentrale Strom lässt sich schwerer händeln, wie alles Dezentrale schwerer lenkbar, auch die Demokratie aufwändiger als die Autokratie.

Schreckgespenster bringen immer gute Schlagzeilen

Ja, erneuerbare Energien sind weniger leicht zu speichern als Kohle, Öl und Gas. All diese Veränderungen und neuen Herausforderungen lassen sich trefflich zu Schreckgespenstern des Zusammenbruchs und des Chaos´ aufblähen. Jetzt, wo die Tage kürzer und die Nächte kälter werden und die Dunkelheit ihren archaischen Auftritt in der Energiewende-Geisterbahn performt, da ist es nur eine Frage von Tagen, dass das Angstwort wieder in den Schlagzeilen auftaucht: Der Blackout! Alles schwarz. Alles kalt. Eisig (nur die Kühltruhe nicht). Kein Telefon mehr, kein Internet, selbst auf sowas altmodisches wie Fernsehen müssen wir verzichten. Auf Licht und warme Mahlzeiten sowieso.

„Der beschleunigte Atomausstieg soll schuld sein an immer mehr Kurzzeit-Stromausfällen. Verlieren die Netzbetreiber langsam die Kontrolle?“, fragte die Süddeutsche Zeitung am Dienstag im Interview den Chef der Bundesnetzagentur. Der verneint. Angesprochen auf den Beinahe-Blackout im vergangenen Februar erwähnt er nicht, dass diese Gefahr nach Aussage von Branchenkennern durch die Zockerei von Stromhändlern verursacht wurde (Schachern bis zum Blackout).

Blackout-Szenarien seit 2005 in den Medien

Der Chef der Bundesnetzagentur bleibt beim Thema Blackout gelassen. Will er uns Bürgerinnen und Bürger vielleicht nur in Sicherheit wiegen? Dabei muss spätestens seit dem überraschenden Atomausstieg mit dem Schlimmsten gerechnet werden. Zum Beispiel war schon für Mai 2011 eine bedrohliche Stromknappheit erwartet worden. Wurde irgendwie nichts draus. Die Geschichte der Blackout-Szenarien reicht zurück ins Jahr 2005 und ist sehr schön auf dem medienkritischen bildblog.de nachzulesen.

Deutschland europaweit im Spitzenfeld der Stromversorungssicherheit

Im übrigen haben wir in Deutschland eines der sichersten Netze europaweit und damit vermutlich weltweit. Der sogenannte SAIDI Wert liegt bei 15,31 Minuten und Deutschland belegte damit 2011 nach der Schweiz europaweit den 2. Platz.

Was wäre, wenn?

Bleibt aber die Frage: Was, wenn sie doch recht haben? Wenn im Winter doch mal der Strom knapp wird? Vielleicht ein kleines Gegen-Szenario, für die Fernseh- und Radio-Nachrichten im eisig kalten Winter:

„Bonn. Die Bundesnetzagentur bittet Bürgerinnen und Bürger, in der bevorstehenden Frostnacht die Standby-Funktion ihrer Fernsehgeräte und Computer auszuschalten. Wenn Sie noch mehr tun wollen, um eine mögliche Stromknappheit auszuschließen, empfiehlt die Agentur, statt des Schweinebratens oder der Gans heute lieber Kartoffeln, Hackfleisch, Nudeln oder Eier auf den Tisch zu bringen, also Speisen, die sich auf der Herdplatte in wenigen Minuten zubereiten lassen.“

Könnte man nicht versuchsweise von mündigen Bürgern ausgehen, die durch verantwortliches Handeln ihren Teil zum Funktionieren des Wirtschaftslebens beitragen? Könnte man nicht mal an den Sportsgeist der Menschen appellieren, anstatt den Miesmachern an Stammtischen und den Quotenjägern in den Redaktionen das Feld der öffentlichen Meinung zu überlassen? Man sollte es wenigstens einmal versuchen.

Hier noch einige Links für Experten:

Ausfall- und Störungsstatistik europäischer Netze: Übersicht über alle Länder (Achtung! 1. Grafik betrifft Österreich). Wer ganz viel Zeit hat, kann den gesamten europäischen „Benchmarking Report on the Quality of Electricity Supply“ (pdf) durchlesen.

Foto: Pawel Kryi | sxc.hu

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