Interview: Wärmemengenzähler wichtig für Energiewende bei Wärme

Uwe Täuber

Das Energieland Bayern ist groß, und da dort die Energiewende besonders wichtig ist, haben uns gleich mehrere Energieagenturen im Freistaat Interviews gegeben – nach dem eza! aus dem Allgäu war auch schon die Energieagentur Nürnberger Land im Gespräch, und heute sind wir wieder in Franken.

Kooperation der Energieagenturen in Nordbayern

Genauer gesagt bei der Energieagentur Nordbayern, ein gemeinsames Unternehmen der ENERGIEregion GmbH in Nürnberg und der Energieagentur Oberfranken GmbH in Kulmbach. Unsere Gesprächspartner sind die Geschäftsführer Erich Maurer und Wolfgang Böhm.

Sabine Eva Rädisch für Ecoquent Positions: Könnten Sie uns kurz einen Überblick über das “Energieland” Nordbayern geben? Gibt es vielleicht sogar Zahlen, wie weit die Region bei der Energiewende ist und wie hoch der Anteil an Erneuerbaren derzeit ist?

Energieagentur Nordbayern: Beim Ausbau der Windkraft hat der Norden des Freistaats traditionell die Nase vorn. Allein im Landkreis Hof werden sich bald rund 90 Anlagen drehen. Auch in der Rhön und auf der Fränkischen Alb tut sich eine ganze Menge. Generell ist der Wiedereinstieg in die Energieversorgung für viele Kommunen ein Thema. Im Landkreis Haßberge arbeitet man aktiv am Thema Windkraft und geht mit einer eigens gegründeten Gesellschaft sogar selbst in die Flächensicherung. Gleich nebenan machen Stadt und Landkreis Bamberg künftig gemeinsame Sache bei der Energieproduktion und haben gerade eigene Regionalwerke aus der Taufe gehoben, auch Bürgerenergiegenossenschaften schießen überall wie Pilze aus dem Boden.

Besonders erfreulich ist, dass auch viele kleinere Kommunen die Energiewende nun ganz strukturiert angehen und zum Beispiel mit einem Energienutzungsplan oder einem Energiekonzept im Detail klären lassen, was sie an Potenzialen haben und was sie an Energie überhaupt benötigen. Wir können nur hoffen, dass die derzeit günstigen Rahmenbedingungen für den kommunalen Wiedereinstieg in die Energieversorgung durch die Bundesregierung nicht unnötig erschwert werden.

Bei der Wärme ist durch den traditionell hohen Anteil an Scheitholz im ländlichen Raum die regenerative Quote etwas höher als in anderen Regionen. Dennoch tut sich auch hier einiges, um das Potenzial möglichst vollständig auszuschöpfen.

Was die energetische Sanierung anbelangt, haben wir – wie überall in Deutschland – die eigentliche Arbeit noch vor uns. Hier gilt es, die Sanierungsrate von derzeit ca. 1% deutlich zu steigern und die Effizienz der einzelnen Maßnahmen zu erhöhen. Ein Gebäude, das heute saniert wird, wird vor 2050 mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr angefasst. Daher ist es wichtig, einen hohen Standard umzusetzen.

Ecoquent Positions: Die Stromdebatte ist in vollem Gange. Über Wärme, welche meist den größeren Brocken der Energierechnung ausmacht, spricht jedoch niemand. Wie sehen Sie dieses Problem?

Energieagentur Nordbayern: Um die Energiewende im Stromsektor machen wir uns keine Sorgen. Jede Region hat mehr als ausreichend Potenzial, um den Umstieg auf Erneuerbare zu schaffen, und hier ist der Wandel auch nicht mehr aufzuhalten. Über unsere momentanen Diskussionen über Stromkosten oder Windkraftstandorte werden unsere Kinder im Rückblick nur verwundert den Kopf schütteln. Dass die Diskussion über das EEG in dieser Schärfe entbrannt ist, können wir in keinster Weise nachvollziehen. In einzelnen Punkten ist es aber sinnvoll, nachzujustieren. Ohne das EEG wäre es uns nie gelungen, eine Vielzahl von Stromproduzenten am Markt zu platzieren. Langfristig ist dies die Grundlage für einen funktionierenden Wettbewerb und Innovationen. Wer hätte vor wenigen Jahren gedacht, dass wir heute Photovoltaikstrom auf dem eigenen Hausdach bereitstellen können, der preislich mit Strom aus dem Netz konkurrieren kann. Viele Länder kopieren das EEG, andere Modelle – wie etwa das von Vielen favorisierte Quotenmodell – werden dagegen zurückgenommen. Bei der Wärme sieht es schon schwieriger aus. Auf der Basis unseres momentanen Heizenergieverbrauchs ist die Energiewende im Grunde nicht zu schaffen.

Erich Maurer, Geschäftsführer Energieagentur Nordbayern

Erich Maurer, Geschäftsführer Energieagentur Nordbayern

Die eigentliche Aufgabe besteht also darin, den Wärmebedarf spürbar zu senken. Gerade im Bereich der Privathaushalte geht sicher noch eine ganze Menge, aber wir müssen von den abstrakten Diskussionen um theoretische Potenziale endlich hin zu konkreten Sanierungsmaßnahmen kommen. Und dafür braucht es klare, verlässliche Rahmenbedingungen und neutrale Beratung, wie am besten vorgegangen werden sollte.

Eines der größten Probleme, die wir in der Beratung haben, ist die kurze Halbwertzeit der Förderprogramme. Unseren Förderkompass, eine Zusammenstellung der wichtigsten Fördermittel aus dem Bereich Energie und Energiesparen, können wir zum Beispiel seit zwei Jahren gar nicht mehr in gedruckter Form herausgeben, weil sich alle 14 Tage Grundlegendes ändert. Das ist inzwischen keinem mehr zu vermitteln, selbst Fachunternehmen haben größte Schwierigkeiten, am Ball zu bleiben. Wenn dann noch Schlagzeilen hinzukommen wie in den letzten Tagen, dass sich Wärmedämmung generell nicht rentiert, dann könnte man fast verzweifeln. Wir fahren mit Tempo 200 auf eine Betonwand zu und diskutieren über den Preis der Bremsklötze. Das ist absurd.

Ecoquent Positions: Welche Kunden kommen zu Ihnen und wie wird geholfen? Eher Haushaltskunden oder auch Industrie?

Energieagentur Nordbayern: Wir beraten alle – vom Privathaushalt bis zum Großkonzern, Schwerpunkt sind aber vor allem die Kommunen. Das Effizienzpotenzial in öffentlichen Liegenschaften ist immens, und im Rahmen des „Kommunalen Energiemanagements“ beraten wir Städte und Gemeinden bei der Reduzierung ihres Energiebedarfs. Meist geht es in einem ersten Schritt zunächst darum, die nötige Transparenz herzustellen. Viele Kommunen zahlen zwar treu und brav ihre Rechnungen, haben aber keinen wirklichen Überblick über die Entwicklung der Energieverbräuche in den einzelnen Liegenschaften. Da setzen wir an. Dann werden von unseren Heizungsspezialisten die Schwachstellen in der Gebäudetechnik und in der Regelung analysiert, hier liegt viel im Argen. Und auf der Basis dieser Daten und Erkenntnisse kann man dann Maßnahmen entwickeln, um den Verbrauch in den Griff zu bekommen. Das Einsparpotenzial sollte man dabei nicht unterschätzen: Die Stadt Kulmbach zum Beispiel konnte in den von uns betreuten Liegenschaften innerhalb von neun Jahren mehr als eine Million Kubikmeter Erdgas einsparen!

Gerade in kleinen und mittleren Unternehmen sind die Herausforderungen oft ähnlich, mit einem externen Energieberater könnten Schwachstellen ermittelt und beseitigt werden – oft mit relativ wenig Aufwand. Die Bundesregierung fördert diese Energieberatung im Mittelstand in erheblichem Umfang, das ist noch viel zu wenig bekannt.

Und bei Privathaushalten sind wir in einigen Regionen – mit finanzieller Unterstützung der Landkreise –  mit einer kostenlosen Initialberatung vor Ort unterwegs, das steigert nach unserer Erfahrung Anzahl, Umfang und Qualität von energetischen Sanierungen deutlich. Dass Privatleute diese kostenlose Erstinformation von neutraler Seite erhalten können, ist einer der wichtigsten Bausteine bei der Energiewende im Wärmesektor.

Neben Klimaschutzkonzepten ist in Bayern derzeit der Energienutzungsplan eine sehr interessante Dienstleistung für Kommunen. Hier werden die kommunalen Effizienzpotentiale den Möglichkeiten des Ausbaus der Erneuerbaren Energien gegenübergestellt und für die Kommune ein individueller Fahrplan erarbeitet. Dabei stehen natürlich konkrete Maßnahmen im Vordergrund. Der Freistaat fördert diese Dienstleistung im Augenblick mit 70% – viel besser wird’s nicht werden!

Ecoquent Positions: Welche Heizmöglichkeiten beraten Sie am häufigsten? Worauf sollten Sanierer und Neubauerrichter besonders achten?

Energieagentur Nordbayern: Wir beraten technologie- und herstellerneutral, das heißt, wir sehen uns aus der Perspektive der Kommune, des Unternehmens oder des Privathaushaltes an, welche Möglichkeiten grundsätzlich im Gebäude bestehen. Das bedeutet auch, dass wir insbesondere im Privatbereich den Heizungskeller nicht von der Gebäudehülle trennen, diese ganzheitliche Betrachtung ist ausgesprochen wichtig. Natürlich geht es darum, Erneuerbare Energie in all ihren Facetten ins Spiel zu bringen, wo immer es geht. Aber man muss eben auch ehrlich sein. Wenn sich das Gebäude partout nicht für die eine bestimmte Heizvariante eignet, weil es die reinste Energieschleuder ist, dann müssen zuerst die Voraussetzungen geschaffen werden – und dann sind wir wieder bei der Hülle. Hier zeigt der Energieberater, den wir nach unserer kostenlosen Einstiegsberatung in jedem Fall empfehlen, die Stellen auf, wo man am sinnvollsten den Hebel ansetzen sollte.

Wolfgang Böhm, Geschäftsführer Energieagentur Nordbayern

Wolfgang Böhm, Geschäftsführer Energieagentur Nordbayern

Generell raten wir Sanierern immer, sich bei so vielen Fachleuten wie möglich zu informieren. Aber wichtig ist, dass man auch eine Anlaufstelle kennt, bei der man sich neutralen Rat holen kann – ohne direktes Verkaufsinteresse. Das erleichtert den Einstieg ins Thema und schafft Vertrauen.

Ecoquent Positions: Wie schätzen Sie die Entwicklung der Solarthermie in den nächsten Jahren ein?

Energieagentur Nordbayern: Solarthermie konkurriert um dieselben Dachflächen wie Photovoltaik und hat derzeit wirtschaftlich durch das EEG meist das Nachsehen. PV-Anlagen in Verbindung mit Stromspeichern werden in den nächsten Monaten und Jahren einen weiteren Photovoltaikboom auslösen, weil der Gedanke der Autarkie für viele Privathaushalte eine ungeheuer starke Motivation darstellt. Ob es volkswirtschaftlich die sinnvollste Lösung ist, die Speicherung im eigenen Keller zu realisieren, sei mal dahingestellt. Genauso kann man annehmen, dass sich die Kombination von PV und Wärmepumpe in den nächsten Jahren immer weiter verbreitet. Auch das wird vermutlich nicht zu einem weiteren Ausbau der Solarthermie beitragen.

Generell sind die BAFA-Mittel für Solarkollektoren derzeit ausgesprochen verlockend (auch wir haben darüber berichtet), das ist aber noch nicht bei jedem angekommen. Hier gilt es mehr zu informieren. Wer sich heute für Solarthermie entscheidet, hat auch nicht immer zuerst die Wirtschaftlichkeit im Blick. Allein das Wissen, mit der Kraft der Sonne sein Brauchwasser zu erwärmen oder in der Übergangszeit die Wohnung zu heizen, ist für viele Menschen Antrieb genug.

Ecoquent Positions: Was müsste für eine Entwicklung ähnlich dem PV-Bereich passieren?   

Energieagentur Nordbayern: Ein Wunder.

Nein, im Ernst: Die BAFA-Zuschüsse sind im Augenblick mehr als erfreulich, auch für den Einsatz der Solarthermie bei der Prozesswärme. Natürlich kann man den finanziellen Anreiz noch erhöhen, aber die Mittel im Marktanreizprogramm sind ohnehin knapp. Letztlich ist doch nicht die Höhe der Zuschüsse, sondern die Trägheit der Menschen das eigentliche Problem. Wer seinen Nachbarn schwärmen hört, wie schön es ist, mit kostenloser Sonnenenergie zu duschen und zu heizen, überlegt sich schnell, ob er Solarthermie nicht auch mal selbst in Angriff nehmen sollte. Aber die Mund-zu-Mundpropaganda funktioniert eben nur bedingt. Leider sind zu viele Anlagen schlecht geplant, gebaut oder gewartet, was den Erfolg der Solarthermie nachhaltig schmälert. Immer wieder erleben wir bei unseren Begehungen wirklich haarsträubende Fehler. Das Schlimme ist, dass viele dieser Fehler über Jahre oder Jahrzehnte unentdeckt bleiben. Wir könnten also alle miteinander mehr aus diesem Thema machen!

Übrigens hat eine Photovoltaik-Anlage gegenüber den meisten bestehenden solarthermischen Anlagen einen unbestreitbaren Vorteil: Beim Strom wird jede Kilowattstunde gezählt! Den Motivationsschub durch das Ablesen eines Displays sollte man nicht unterschätzen. Viele PV-Anlagenbetreiber pflegen deshalb ein sehr inniges Verhältnis zu ihrem Wechselrichter. Natürlich ist die Umsetzung bei solarthermischen Anlagen komplexer, aber der Endanwender braucht eine Möglichkeit, den Ertrag seiner Anlage zu bemessen. Viele Hersteller haben das inzwischen in ihre Systemregler integriert, aber ganz ehrlich: Diese Anzeige kann gar nicht groß genug sein.

 Vielen Dank für das umfassende Interview.

Fotos: (c) Energieagentur Nordbayern

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